11/2019

In diesem Heft

Tipp

Braunschweig, 19.11.–24.11. – Das Publikumsfestival, dessen Schwerpunkt das junge europäische Kino ist, zeigt rund 350 Kurz- und Langfilme. Es fokussiert auch die Verbindung zwischen Film und Musik und lädt seit geraumer Zeit bekannte Filmkomponisten ein, die über ihre Werke sprechen.
Wiesbaden, 15.11.–24.11. – In den angestammten Festivalsektionen American Independents, International und Made in Germany werden wieder rund 200 Kurz- und Langfilme aus aller Welt präsentiert. Der diesjährige Länderschwerpunkt ist dem vielfältigen Filmschaffen in Brasilien gewidmet.
Mannheim/Heidelberg, 14.11.–24.11. – Baden-Württembergs größtes Filmfest spezialisiert sich als »Newcomer-Festival« darauf, jährlich neue Regietalente im Arthouse-Bereich zu entdecken und ist berühmt für seine hochkarätige Auswahl, die sich – unter dem Motto »weniger ist mehr« – auf rund 50 Filme beschränkt. Diese allerdings müssen echte Uraufführungen sein.
Lünen, 13.11.–17.11. – Zum 30. Mal werden in der Cineworld Lünen beim »Festival für deutsche Filme« rund 60 Filme präsentiert, in diesem Jahr erweitert auf fünf Tage. Das Publikumsfestival ist beliebter Treffpunkt der deutschen Filmszene und Plattform für den deutschsprachigen Kinofilm.
Kassel, 12.11.–17.11. – 250 kurze und lange Dokumentarfilme und künstlerisch-experimentelle Produktionen aus aller Welt werden wieder in Kassel auf die Leinwand gebracht. Es ist aber auch Schauplatz einer Ausstellung aktueller Video- und Medieninstallationen sowie der Fachtagung interfiction.
Berlin, 5.11.–10.11. – Mit jährlich 21 000 Besuchern ist es eines der größten Festivals seiner Art: Mehr als 400 Kurzfilme werden hier gezeigt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Kurzfilmschaffen aus Spanien, wirft aber auch einen Blick nach Venezuela und gibt dem filmischen Ausdruck der Roma eine Leinwand.
Duisburg, 4.11.–10.11. – Das Festival ist ein Ort für kritische und zugewandte Debatten über deutschsprachige Dokumentarfilme. Doch wird dazu aufgerufen, den Begriff Dokumentarfilm recht offen zu verstehen – Grenzgänger des Genres sind nämlich ebenso zu sehen wie die »Mischformen«.
Mainz, 1.11.–8.11. – Auf dem ersten Langfilmfestival in Rheinland-Pfalz werden seit 2001 aktuelle deutschsprachige Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentiert. Neben einem Langfilm- und einem Kurzfilmwettbewerb werden seit 2010 auch Wettbewerbe in den Sektionen Dokumentarfilm und Mittellanger Film veranstaltet.
Tübingen, Stuttgart, 30.10.–6.11. – Das seit 1984 bestehende Publikumsfestival schlägt nicht nur Brücken zwischen Deutschland und Frankreich, sondern auch zwischen allen frankofonen Ländern. Der Gewinner des französischen Wettbewerbs wird sogar ins deutsche Kino gebracht.
In Norwegen setzte die Serie »Skam« neue Maßstäbe, was serielles Erzählen für Jugendliche angeht. Bereits sieben andere Länder, darunter Deutschland (»Druck«), haben das social-media-intensive Konzept in eigenen Versionen aufgegriffen und neu verfilmt
So wie sie waren: Wang Xiaoshuai bringt drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte auf den Nenner ­einer Freundschaftsgeschichte zwischen jungen Familien, die bald die Trauer trennt und deren Schicksal von der Ein-Kind-Politik unwiderruflich geprägt wurde
am Di., den 5.11. in Frankfurt am Main – epd-Film-Autor Ulrich Sonnenschein spricht mit Regisseur Jan Ole Gerster über seinen neuen Film »Lara«

Thema

Wang Xiaoshuais »Bis dann, mein Sohn« lief auf der Berlinale. Zhang Yimou wurde abgesagt. Zur Lage des chinesischen Autorenfilms
»I Kissed a Girl...« – Keine große Nachricht, oder? Tatsächlich ist im Mainstream-Kino noch ziemlich viel Luft nach oben, was die Darstellung lesbischer Liebe betrifft. Auch wenn jetzt mit »Porträt einer jungen Frau in Flammen« eine preisgekrönte Romanze ins Kino kommt
Ein Millionenpublikum hat ihn gesehen – als Drachentöter in den »Hobbit«-Filmen, als Vin Diesels Gegner in der »Fast & Furious«-Serie. Und wenn er kein richtig großer Star ist, liegt das vielleicht daran,dass Luke Evans in Nebenrollen, sagen wir, vierte Position auf dem Plakat, immer ein Feuerwerk zünden kann
Unsere "steile These" des Monats November
Viele Serien leben von guten Skripts. Aber Filmemacher wie Lynch oder Refn haben gezeigt, wie wahre Auteursserien aussehen können: schräg und exzentrisch

Meldung

Filmkritik

Dokumentarfilm über das Leben des großen Bandoneon-Spielers und Tangorevolutionärs. In der Aufarbeitung seines großartigen Materials geht »Astor Piazzolla – The Years of the Shark« leider zu vage vor
Sehr persönlicher und ergreifender Dokumentarfilm über den großen Barden Leonard Cohen und seine Muse Marianne Ihlen: »Marianne & Leonard«
Regisseurin Teona Strugar Mitevska rechnet mit verkrusteten patriarchalen Strukturen und der Ungleichheit zwischen Mann und Frau in Nordmazedonien ab: »Gott existiert, ihr Name ist Petrunya«
Pia Hellenthal porträtiert die junge Italienerin Eva Collé, die scheinbar alles aus ihrem Privatleben im Internet teilt. Ein furioses, nachhallendes Debüt, in dem geschickt die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion ausgehebelt werden
Der Film malt die positiven Effekte von beispielhaften Umweltaktivitäten mit ebenso viel Schaulust aus. In virtuellen Bildern entwirft »2040 – Wir retten die Welt« die fantastisch harmonische Sci-Fi-Vision einer besseren Zukunft
Ambitioniertes Filmprojekt, das die Aufnahme von PJ Harveys neuntem Album sowie die als Inspiration dienenden Reisen der Künstlerin in den Blick nimmt
Eine Liebe zwischen Ost und West nach dem Fall der Mauer. »Im Niemandsland« ist leider holperig inszeniert und überkonstruiert
Zwei Streberinnen wollen in der Nacht vor dem Schulabschluss endlich Party machen: Toll besetzt und gespielt, mangelt es »Booksmart« an Mut zur Schärfe. Was bleibt, ist ebenso nette wie harmlose Unterhaltung
Gavin Hoods Politthriller »Official Secrets« zeichnet ein konventionelles, aber grundsolides Porträt der britischen Whistleblowerin Katharine Gun, die 2003 die illegalen Machenschaften der NSA zur Legitimierung eines Einmarsches im Irak aufdeckte
Adam Bolt zeigt in seinem wunderbar unpolemischen und dabei sehr anschaulichen Film »Human Nature« das Für und Wider der modernen Genforschung auf
Eine Frau wird durch die Begegnung mit ihrer Jugendliebe von ihrer Vergangenheit eingeholt, wodurch ihre neue Beziehung in Gefahr gerät. »Was gewesen wäre« ist ein wunderbar erwachsenes Liebesdrama, mit beeindruckend sicherer Hand inszeniert. Allerbestes Erzählkino
In dieser nur teilweise gelungenen Literaturadaption glänzt Cate Blanchett als labile Architektin »Bernadette«, die das Bauen neu erfunden hat
Eine iranisch-deutsche Familie zieht 1979 von Ostberlin nach Teheran, um beim Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuarbeiten. Das Familiendrama »Morgen sind wir frei« nimmt dabei manchmal allzu didaktische Züge an
Kinder unter sich gab es öfter im Dokumentarfilm der letzten Jahre. Das Schöne an dieser finnischen Produktion ist, dass sie durch die Beschränkung auf nur drei Charaktere Dichte und Intimität aufbauen kann: »Die Götter von Molenbeek«
Eine nicht makellose, doch höchst sympathische Komödie mit Adam Bousdoukos, die liebevoll und mit leichter Hand von der Absurdität von Grenzen erzählt: »Smuggling Hendrix«
Ein 85-jähriger Dichter und ein zielloser Jugendlicher lernen, sich gegenseitig zu helfen. Francesco Bruni dirigiert ein gut aufgelegtes Figurenensemble in einem wunderbaren Film über Altern, Lernen und Erziehung: »Alles was du willst«
Ein wunderbar nostalgischer Film, der von Männerfreundschaft und Erfindergeist in Le Mans 1966 erzählt, wo zwei ausgefuchste Tüftler den Autobauer Ford konkurrenzfähig machten
Unbändige Lust am Spiel, hinreißende Mischung aus jungenhafter Energie und silbergrauer Würde: Alles, was die Karriere des großen Mario Adorf ausmacht, beflügelt nun auch die Doku von Dominik Wessely
Mit absichtlich altbackener Fernsehspiel­ästhetik stellt Scott Z. Burns die Aufklärung über die CIA-Foltermethoden nach: »The Report«
Bildgewaltiger Dokumentarfilm über eine traditionell lebende Imkerin in einem entlegenen mazedonischen Dorf, deren Ruhe von einer Nomadenfamilie gestört wird. »Land des Honigs« gewährt einen einzigartigen Einblick in eine im Verschwinden begriffene Lebensweise
Erwin Wagenhofer wechselt von der Globalisierungsanklage zur Seite der Bemühungen zur Heilung, verliert sich aber zwischen der Darstellung konkreter Projekte und spiritualistischem Schönsprech: »But Beautiful«
Ein Mann wird am Ende seines Lebens noch einmal mit seinen Erinnerungen konfrontiert. In der malerischen norwegischen Landschaft entstehen Bilder, deren Idylle zu Zweifeln einlädt: »Pferde stehlen«
Oft skurril, manchmal behäbig, aber mit interessanten Einblicken in eine ferne Kultur: Bis nach Jakutien spürt Diego Pascal Panarello dem Klang der Maultrommel nach
Thomas Ladenburger gelingt eine sehenswerte Dokumentation über einen Berufssoldaten, der sich zur Frau umoperieren ließ und diese Entscheidung mit seinem Wirken als hochrangiger Bundeswehroffizier in Einklang zu bringen versucht: »Ich bin Anastasia«
Die Schilderung des Werdegangs eines nach Frankreich geflüchteten Schachgenies aus Bangladesch gewinnt durch Gérard Depardieu als Schachguru an Format: »Das Wunder von Marseille«
Meisterliches Epos: Über drei Dekaden hinweg und vor dem Hintergrund des Systemwandels in China denkt Wang über die Frage nach, ob und inwiefern der Mensch Subjekt oder Objekt seiner Geschichte ist: »Bis dann, mein Sohn«
Was tut eine Mutter alles, um ihr Kind zu behalten? Julie Delpys Fim »My Zoe« verbindet äußerst effektiv das Genre Beziehungsdrama mit Science-Fiction-Elementen
Noah Baumbachs Beziehungsdrama »Marriage Story« handelt von der Auflösung einer Ehe – und davon, wie sich in der Trennung die Sicht auf das, was davor war, verändert. »Kramer gegen Kramer« für die Gegenwart; ein Film voller großartiger Charakterdarsteller – Ray Liotta, Laura Dern, Alan Alda – und vor allem Adam Driver in einer Glanzrolle
Christoph Röhl zeichnet in seinem Dokumentarfilm über Papst Benedikt XVI. das Bild eines Mannes, der die römisch-katholische Kirche als »Haus voll Gloria« sehen wollte und ihre Krisen (u.a. die Missbrauchsskandale) nicht zu moderieren verstand
Charmant, witzig, aber sehr konventionell erzählt der Film von einem Paar, das sich nach 50 Jahren trennt: Der Ehemann will reumütig zurück, als die verlassene Frau Gefallen an ihrem neuen Leben gefunden hat
Simon Jaquemet nutzt den Topos einer Jugendliebe für einen Mysterythriller, in dem er Fragen von Schuld und Abhängigkeit, Hybris und Erlösung mit einem eindrucksvollen Frauenporträt verknüpft: »Der Unschuldige«
Ein widerstandsfähiges Frauentrio und ein würdevoll gealterter Arnold Schwarzenegger triumphieren über einen Killerroboter, der das Actionspektakel in eine ermüdende Kampfnummernrevue verwandelt: »Terminator: Dark Fate«
Stefan Haupt gelang ein differenzierter und authentischer Film über Huldrych Zwingli, der einfühlsam Geschichte und Privatleben verbindet
Die im späten 18. Jahrhundert angesiedelte Liebesgeschichte zwischen einer Malerin und ihrem Modell ist trotz einer gewissen Überfrachtung eine buchstäblich bildschöne Komposition, deren Sinnlichkeit und Aussagekraft lange nachhallt
Dem Regisseur von »Oh Boy« ist mit »Lara« wieder ein großer Film gelungen: das eindrucksvolle Porträt einer Frau, die zu wenig gewagt und deshalb ihr Leben verpasst hat
Der neue Animationsfilmableger der berühmten 60er-Jahre-Fernsehserie ist mit seinem übertrieben versöhnlichen Ende zu sehr auf Familientauglichkeit aus
Ein Jahr lang hat Sobo Swobodnik das Treiben auf der Kreuzung vor seiner Wohnung in Berlin festgehalten. Schön Idee, die zwischen bedeutungsvoll und banal schwankt
Eine an sich typische Geschichte einer inneren wie äußeren Wandlung, die aber erfreulicherweise mehr als bloß konformistische Anpassung an die Norm predigt
Um ihre toten Eltern und deren Geheimnis zu lüften, wagt die 16-jährige Selma am Dia del Muerto eine Reise in die Welt der Toten. Mal düster, mal bunt, mal lustig, mal ernst widmet sich der Mexikaner Carlos E. Gutiérrez Medrano mit seinem Animationsfilm damit einem ur-mexikanischem Sujet. An die Leichtigkeit von »Coco – Lebendiger als das Leben« von vor zwei Jahren reicht er damit allerdings nicht heran
Uninspirierte Auftragskiller-Action im High-End-Gewand: Ang Lee (»Life of Pi«) demonstriert den doppelten Will Smith zwar in handwerkliche Brillanz, begnügt sich aber mit einem allzu simplen Skript, das sich von einem 3D-Schmankerl zum nächsten hangelt

Film