Kritik zu Sunny Dancer

© Capelight Pictures

Zwischen Grimmigkeit und Lebenslust kämpfen in diesem britischen Independent-Drama Teenager in einem Sommercamp für krebskranke Kinder gegen ihre Ängste: ein Feelgood-Film mit Bella Ramsey als sturer Heldin.

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Ivy ist mit ihrem puppenhaft runden Gesicht, dem starren, wimpernlosen Blick und dem zusammengepressten Mund die verkörperte Bockigkeit. Und sie ist mindestens so bissig wie Wednesday, die Tochter der Addams Family. Wie diese löst Ivy beim Zuschauer außerdem den dringenden Wunsch aus, sie mal lachen zu sehen. Genau genommen ist Bella Ramsey, bekannt durch Erfolgsserien wie »Game of Thrones« und »The Last of Us«, mit 23 Jahren zu alt für ihre Rolle einer rebellischen 17-Jährigen. Ohne sie aber wäre diese Tragikomödie über eine Teenagerclique, die in einem besonderen Feriencamp zusammentrifft, vorrangig eine unkonventionelle Reminiszenz an die einstige Mode der »Sick-Teen-Romance«. Dieses Subgenre umfasst Filme über todkranke junge Leute, sein Höhepunkt war 2015 die Romanadaption »Das Schicksal ist ein mieser Verräter«.

Doch Ivy konterkariert das bereits mit dem Romantikklassiker »Love Story« (1970) eingeführte Klischee einer jungen Frau, die durch den Krebs immer hilfloser und hübscher wird. Diese Göre besticht stattdessen durch ihr Mundwerk und einen Humor, der keine Gefangenen macht. Einst an Leukämie erkrankt, befindet sie sich seit 10 Monaten in Remission, hat sich in dieser Phase jedoch vollständig zurückgezogen. Ihren Eltern zuliebe willigt sie, äußerst widerstrebend, dazu ein, die Sommerferien in einem »Chemo-Camp« in Schottland zu verbringen, das auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnitten ist, die ihre Krebserkrankung (hoffentlich) überwunden haben.

Nachdem die genervte Ivy die aufgekratzte Begrüßung durch den Campleiter (Neil Patrick Harris) und sein Team überstanden hat, wird sie unerwartet schnell von der coolsten Clique adoptiert. Hat sie doch beim abendlichen Vortrag einer Influencerin, die den Kindern Mut machen sollte, diese mit sarkastischen Fragen fast in einen Nervenzusammenbruch getrieben. Mit fünf anderen Jugendlichen stürzt sie sich in Freizeitaktivitäten, erlernt wieder das Lachen, verliebt sich, erlebt ihr erstes Mal …

Der erst 25-jährige Regisseur George Jaques erweist sich in seinem zweiten Spielfilm als ausgesprochen stilsicher. So ist Sex zwar Dauerthema: Ein roter Faden der Handlung ist der Versuch von Ivys Freundin Ella, endlich mit Hilfe ihres Schwarms, des Sportlehrers, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Doch wo ständig dreckige Witze gerissen werden, ist die Bebilderung ebenso diskret wie im Bezug auf Krankheit und Tod. Jaques filmt ganz gegen das Stereotyp an. Hier gibt es weder tränenfeuchte Eltern noch Krankenbetten. Stattdessen raubauzige Nebenfiguren wie die aus der Serie »Rentierbaby« bekannte Jessica Gunning als Mutter, die ihre Tochter mit krachledernen Scherzen aus der Reserve lockt, oder der Running Gag des verbalen Schlagabtauschs einer medizinischen Betreuerin mit dem frechen Ralph.

Sehr genau wird in diesem Film die mentale Gemengelage unsicherer Jugendlicher beleuchtet, die um ihren Außenseiterstatus wissen und auch darum, dass Krebs bei anderen Angst, gar Aggression hervorruft. Doch nichts demoralisiert sie mehr als Mitleid – selbst wenn sie dieses Gefühl durchaus zu ihrem Nutzen einsetzen können. Hartgesottener Humor, gar Zynismus, dienen auch als Abwehrzauber, um nicht in einen Abgrund der Verzweiflung zu fallen.

Nicht jeder Handlungshaken ist stimmig und nicht jeder sentimentale Moment wird durch einen Witz unterlaufen. Dennoch entwickelt dieses Coming-of-Age-Drama zwischen Dur und Moll eine Beschwingtheit, die gerade durch das über den Teenagern schwebende Damoklesschwert eines medizinischen Rückfalls intensiviert wird. Neben durchsonnten Naturszenen wird diese elektrisierende Stimmung auch von einem herausragenden, aus Indie-Popsongs bestehenden Soundtrack getragen. Doch es ist vor allem Bella Ramsey, die diesen Film so besonders macht, indem sie als anfangs verstockte Ivy durchlässig wird, ihre Emotionen zulässt und sich sowohl unerwartetem Glück wie tiefstem Leid öffnet. Jeder Augenblick ist kostbar – dieser Gemeinplatz erfährt in diesem gelungenen Teeniedrama neue Geltung.

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