Kritik zu Searching Eva

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2019
Original-Titel: 
Searching Eva
Filmstart in Deutschland: 
14.11.2019
L: 
89 Min
FSK: 
16

Ein Ausweg aus der Paranoia des Verfolgtwerdens ist, sich absichtlich verfolgen zu lassen: Pia Hellenthal porträtiert die junge Italienerin Eva Collé, die scheinbar alles aus ihrem Privatleben im Internet teilt

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Im Internet sind wir viele: mit Profilen bei Facebook oder Instagram, unterschiedlichen E-Mail-Adressen, Avataren in Foren, Blogs und wo nicht sonst noch. Und überall hinterlassen wir Spuren, »Big Brother is watching you«. Das Internet ist auch deshalb das dystopische Medium des 21. Jahrhunderts. Was nun aber, wenn diese Spuren egal werden, weil man nichts auf Privatsphäre gibt?

Bei Eva Collé jedenfalls könnte der Große Bruder seinen Job an die Platine hängen, denn die 25-jährige Italienerin teilt alles mit erschreckender Konsequenz im Internet mit der Öffentlichkeit: ihren Körper in Gänze und voller Blöße, ihren Sex mit verschiedenen Partnern, Drogeneskapaden, ihren Alltag, Ängste, ihre verschiedenen Leben als Feministin, Autorin, Modell, Drogensüchtige, Sexworkerin und vieles mehr.

Eva ist die Protagonistin in Pia Hellen­thals Dokumentarfilm »Searching Eva« und der Film denn auch so etwas wie eine Suche: Wer ist diese junge Frau, deren wirklichen Namen wir nicht erfahren und die so viele Identitäten hat? Lebt sie eine Utopie von vielen Persönlichkeiten und einer völligen Freiheit im Digitalen?

Antworten liefert Hellenthal in ihrem brandaktuellen Film nicht. Vielmehr versteht sie sich darauf, das Lebensgefühl der Digital-Native-Hardlinerin einzufangen und kongenial in eine Filmsprache zu übersetzen. Nach »Lord of the Toys« liefert Hellenthal damit den zweiten klugen deutschen Dokumentarfilm über die Generation Internet in diesem Jahr.

Wie seine Protagonistin selbst, ist ­»Searching Eva« fragmentarisch, springt zwischen Szenen, die in den drei Jahren Drehzeit entstanden sind, hin und her und lässt diese Szenen durch statische Einstellungen ohne Off-Kommentar teils selbst zu Bildern werden, ganz der visuell elaborierten Instagram-Generation entsprechend. Zwischendurch flackern Nachrichten von Evas Followern über den Blackscreen, gelegentlich auch ihre Antworten darauf. Auf die Frage, ob sie sich nicht blöd vorkomme, ihr ganzes Leben online zu teilen, folgt ein kurzes »no«.

Wir folgen dieser fluiden Persönlichkeit, deren Aussehen nicht minder fluide scheint: zu einem Sextreffen mit einem zahlenden Kunden, der unbedingt »Stoß mi fest« von ihr hören möchte, beim Wohnungs-Hopping durch Evas Wahlheimat Berlin oder bei Besuchen der in Italien lebenden Familie.

Der Film wechselt zwischen dokumentarischer Natürlichkeit und starker Ästhetisierung, wenn Eva in Tableaux vivants tagebuchmässig von sich erzählt. Da steht sie mit kurzen Haaren in rotem Kleid im Kornfeld oder sitzt mit langen Haaren in der Badewanne und erinnert sich. Etwa an den Moment, als sie vier ist und dem Vater das Fingernagelkauen gleichtut. Oder daran, dass es sieben Jahre sexueller Erfahrung gebraucht hat, um zu verstehen, was ein Orgasmus ist.

Doch welchen Bildern können wir hier, außer den augenscheinlich gestellten, trauen? Geschickt hebelt Hellenthal die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion aus und macht uns zu Rezipienten jener für das Digitale so essenziellen Inszenierungsstrategien, die auch Eva aus dem Effeff beherrscht. Ein furioses, nachhallendes Debüt.

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