Kritik zu Saiten des Lebens

© Senator

2012
Original-Titel: 
A Late Quartet
Filmstart in Deutschland: 
02.05.2013
S: 
L: 
105 Min
FSK: 
6

Ein erfolgreiches New Yorker Streichquartett gerät nach 25 Jahren in eine existenzielle Krise. Die scheinbar disziplinierten Kammermusiker offenbaren geheimste Emotionen – so heftig wie in einer Rock’n’Roll-Band

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Der Schauplatz von Yaron Zilbermans erstem Spielfilm ist New York City. Es entstanden Szenen im Metropolitan Museum of Art, in der Frick Collection und im winterlichen Central Park. Ein ruhiges, von Kunst und Bildung geprägtes, in wichtigen Nuancen auch unbekanntes New York präsentiert uns Zilberman. Ein New York, in dem durch die zahlreichen Immigranten die alte europäische Kultur möglicherweise ursprünglich geblieben ist, authentischer als in Europa selbst. Ein Streichquartett steht im Mittelpunkt des Films, drei Männer und eine Frau, die seit 25 Jahren zusammenspielen, miteinander proben und weltweit auftreten. Ein Quartett, ein Team, eine Familie, eine Bande, eine kleine Gesellschaft aus dem Herzen von New York.

Vor allem ist dieses Streichquartett eine Komposition aus Figuren und Schauspielern. Die erste Geige spielt Daniel, ein oft mürrischer Perfektionist und empfindlicher Philosoph der Violine. Ausgerechnet diese erste Geige ist mit dem noch relativ unbekannten Akteur Mark Ivanir perfekt besetzt. Wäre Saiten des Lebens ein Western, dann wäre Daniel der einsame, düstere Held, ganz auf seine Aufgabe konzentriert. Die zweite Geige beherrscht virtuos Robert, den Philip Seymour Hoffman gibt: als an Pfunden und Gefühlen überbordenden Provokateur. Die Bratsche spielt Juliette, die von Catherine Keener dargestellt wird, der stets verlässlichen Queen des Independentkinos. Mit Robert, der zweiten Geige, ist sie verheiratet und hat eine Tochter, mit Daniel, der ersten Geige, verbindet sie ein Verhältnis der Bewunderung und des heimlichen Begehrens. Diese drei Charaktere, die mehr oder weniger aus einer Generation stammen, ergänzt der viel ältere Cellist Peter, der eigentliche Spiritus Rector des Quartetts, verkörpert von Christopher Walken als geradezu melancholisch-sublimer »King of New York« in Sachen klassischer Musik.

Wie schon einige Male in seiner Karriere, etwa in Pennies from Heaven, verknüpft Walken auch hier mit Gestik, Mimik und dem eigentümlichen Sprachrhythmus Kino und Musik auf wunderbare Art. Ein Höhepunkt des Films findet statt, wenn Walken Musikstudenten von seinen Begegnungen mit dem legendären Pablo Casals erzählt, der im Spiel der Musik und der Menschen immer nach dem Erbaulichen suchte. Walken trifft dabei elegant und essenziell Zilbermans Intention eines schönen, skeptischen Optimismus.

Das Zusammenspiel einer Gruppe von Menschen und darüber hinaus ihrer Verwandten und Bekannten in ethischer und ästhetischer Hinsicht über die Jahre hinweg, oft ein Spiel auf Leben und Tod, hat Zilberman bereits in seinem Dokumentarfilm Hakoah–Club der Sirenen (2004) interessiert, der von Schwimmerinnen eines jüdischen Sportvereins aus Wien handelt.

Seine Beobachtungen führt Zilberman in Saiten des Lebens auf fiktiver Ebene fort. Er lässt es im Streichquartett zur Krise kommen. Christopher Walken als Peter erhält die niederschmetternde Diagnose, an Parkinson erkrankt zu sein. Doch Peters Erkrankung ist nicht die Ursache, sondern nur der Anlass für das bald entstehende Chaos im Team. Bei den Frontleuten Daniel und Robert drängen lange unterdrückte Eifersüchteleien an die Oberfläche. Sie beginnen zu konkurrieren wie einst John Lennon und Paul McCartney oder Mick Jagger und Keith Richards.

Im Grunde ist es wie in einem Hawks- Film: die »Professionals« offenbaren, dass sie eigentlich Amateure sind, die ihre Arbeit lieben und leben, keine kalten Profis. Also müssen sie sich richtig zum Narren machen, richtig verletzlich sein, um weiser zu werden.

Saiten des Lebens ist ein ruhiger, zurückhaltender, aber in wichtigen Passagen auch seltsam-schöner Film, der eine Nische zurückerobert zwischen Blockbuster-Wahnsinn und Arthouse-Firlefanz. Saiten des Lebens ist nicht nur ein Film für ein reiferes, an klassischer Musik interessiertes Publikum. Denn hinter der ruhigen Fassade von Yaron Zilbermans Reflexion über die Turbulenzen in einem Streichquartett verbergen sich eine melancholische Beziehungskomödie und wilder Rock ’n’ Roll.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns