Kritik zu Perfect Sense

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Keine Frage, dass die Menschheit in David Mackenzies Film »Perfect Sense« ausstirbt. Aber sie tut es im Licht eines Kinos, das die Liebesgeschichte zur Menschheitsgeschichte macht

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»Es klingt vielleicht nicht schön«, sagte die thailändische Premierministerin Yingluck Shinawatra, als das Hochwasser in Bangkok seinen Scheitelpunkt überschritten hatte, »und schon gar nicht wie in einer normalen Situation, doch ich glaube, wir können schon bald zur Normalität zurückkehren. Das ist wahr. Aber es ist eine neue Normalität.« Mit diesem Zitat beendet Frank Drieschner einen Artikel über den Klimawandel, zu finden im Politikteil der Wochenzeitung »Die Zeit« vom 3. November. »Leben mit dem neuen Stress«, ist der Artikel überschrieben, und seine Ambivalenz angesichts der Fernsehaufnahmen von einer Thailänderin, die inmitten hüfthoher Fluten Schweinefleisch grillt und – wie gewohnt – an ihre Laufkundschaft verkauft, schwappt auf den deutschen Frühstückstisch. Ist die Anpassungsfähigkeit des Menschen heroisch oder zeugt sie nur von stumpfsinniger Verdrängung? In diesem Spannungsfeld bewegt sich David Mackenzies Film Perfect Sense, der ein fantastisches Drehbuch von Kim Fupz Aakeson zu einem künftigen Klassiker der Filmgeschichte verdichtet hat. Was wir sind, was wir vermögen, das lässt sich aus diesem Film herauslesen, als hätten sich die universellen Legenden über den ewigen Kampf von Gut und Böse zu einer Gedenkschrift gebündelt: Hier geht der Mensch unter, doch welches Schicksal auch immer ihn hinwegspült, es kann seine Größe nicht verwässern.

Wie aber kann man von Größe sprechen oder auch nur von Normalität, wenn man sieht, wie zu Beginn des Films eine rätselhafte Seuche weltweit die Sinnesorgane der Menschen befällt? Zunächst ist es der Geruchssinn, der die Menschen verlässt. Möglicherweise, das legen die hektischen Kommentare der Fernsehstationen, der Internetforen, der Weltuntergangsspezialisten aller Konfessionen und Kontinente nahe, ist es keine Krankheit, sondern eine Strafe. Gott wird angerufen, die Außerirdischen werden zu Sündenböcken gemacht. Gebete nützen so wenig wie die Versuchsreihen der Epidemiologin Susan, die in Glasgow mit aller Kraft gegen die unheimlichen Symptome kämpft. Bis sie versteht, dass es der Kampf ist, der die Menschen seit langem ihrer Wahrnehmungen beraubt.

Eine Stimme aus dem Off, eine Erzählerin, bald kindlich trauernd, bald engelsgleich vorrausschauend vorrausschauend, geleitet den Betrachter durch die umfassendste Apokalypse, die das Kino jemals hervorgebracht hat. Der Bombast von Independence Day oder Virusfilmen wie Outbreak, Black Death und ähnlichen Schimären, die die Schuld- und Schamgeschichte der Menschheit in immer neuen, immer bedeutungsloseren Endzeitmutationen aufbereiten, schrumpft angesichts der komplexen Schlichtheit von Perfect Sense zu einem Heuschnupfen. Kein Zombie weit und breit, die Katastrophe eine Frage der von irgendwo- her verordneten Selbst-Beschränkung.

Mit jedem Sinn, den die Menschheit einbüßt, verschiebt sich ihr Sinnhorizont auf den Rest, der das Leben ist. Alles wie immer, könnte man denken. Doch erschreckender als die Flexibilität, die Genuss und Statussymbole umcodiert und die noch nicht Blinden zu den Siegern auf Zeit kürt, sind die Emotionen, die dem Verlöschen aller Sinne vorangehen. Den schrumpfenden Geschmacksnerven geht ein Weinen voraus, eine lange unterdrückte Totenklage, die die Menschen buchstäblich in die Knie zwingt. Die Forscherin Susan wird in der Küche eines Nobelrestaurants von dieser Trauer erfasst, gerade als Ewan McGregor in der Rolle des selbstverliebten Meisterkochs Michael ihr etwas zubereitet, das durchaus als Aphrodisiakum gemeint ist. Aus der Zufallsbegegnung der ebenso misstrauischen wie nüchternen Susan und dem wandelnden Appetizer Michael entwickelt sich das Antidot, nach dem Susan so lange gesucht hat. Als alles gegangen ist, die feinen und grausamen Unterschiede, Schön und Hässlich, Mein und Dein, Schwarz und Weiß, als niemand mehr feststellen kann, was verfault, was essbar, was wertvoll ist, überkommt die Menschheit ein Leuchten. Susan und Michael, die Liebenden wider Überzeugung, verlieren, was in dieser erschütternden Fabel mit der Zurücknahme des Lebens einhergeht. Ihre Angst vor Zurückweisung löst sich auf im Perfect Sense, dem Gefühl für die Tränen des anderen.

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