Kritik zu Nach der Musik

© Weltecho Filmverleih

2007
Original-Titel: 
Nach der Musik
Filmstart in Deutschland: 
14.05.2007
L: 
118 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Wie denkt ein Dirigent? Wie denkt ein Vater? Wie ist es, einen berühmten Dirigenten zum Vater zu haben? Wie erkennt man in historischen Konzertmitschnitten den Vater, während er seiner Rolle als musikalische Autorität gerecht wird?

Bewertung: 4
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Igor Heitzmanns tiefgründiger Dokumentarfilm über seinen Vater, den weit gereisten, von der Welt mit Huldigungen bedachten Dirigenten Otmar Suitner, ist viel mehr als die Biografie einer öffentlichen Person. Der Sohn, der den Vater befragt, reflektiert sein eigenes Vaterbild. Das ist, im Rahmen der familiären Konstellation, in der Igor Heitzmann aufgewachsen ist, für alle Beteiligten keine ganz einfache Sache. 1960 wurde der Österreicher Suitner mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, Chef der Dresdner Opernkapelle zu werden. Nur dass Dresden in der DDR lag. Für den undogmatischen, Musik atmenden Suitner wog die Tradition schwerer als der Umzug in den Arbeiter- und Bauernstaat. In Dresden, sagt er einmal im Gespräch mit seinem so sanften wie beharrlichen Sohn, seien die Werke von Richard Strauss uraufgeführt worden. Das sei schon was. Obendrein hatte der Dirigent, der die SED-Funktionäre mit humanistisch gebildeter Ironie an den Schnüffelnasen herumführte, das Recht auf freien Grenzübertritt. Mit ihm teilten dieses Privileg Helene Weigel, der Regisseur Walter Felsenstein und Suitners Frau Marita.

Die Reisefreiheit, Teil der Abmachung mit den Genossen, die ihren Star ausspionieren lassen, führte Suitner nach Bayreuth. Dort lernte er die Germanistikstudentin Renate Heitzmann kennen. Er ist vierzig, sie vierundzwanzig, und das mit der Liebe hat seine Zeit gebraucht. Die Erinnerungen, die Suitner und Renate Heitzmann austauschen, während es ihr gemeinsamer Sohn genauer wissen will, sind köstlich verhalten und auch nach vierzigjähriger Nicht-Ehe noch immer von streitlustigem Einfühlen geprägt. Suitners Frau Marita und seine Geliebte wurden von dem auf seine Weise durchaus treuen Dirigenten übereinander in Kenntnis gesetzt. Danach haben sich alle arrangiert. Das Unbehagen ist nach all den Jahren noch immer greifbar, doch Suitner hält seine erweiterte Familie auch mit 80 zusammen. Die Balance, die der Sohn, getrennt vom Vater in Westberlin aufgewachsen, bei den Frauenporträts aufbringt, lässt das Erbteil seines Vaters erkennen: Großmut, Humor, Melancholie finden die richtigen Töne.

Nun kann ein Dokumentarfilm mit einem Protagonisten, der sich und seinem Gott unter schelmischen Seufzern Rechenschaft ablegt, nicht anders als fabelhaft sein. Doch Heitzmann will nicht nur die in Archivmaterial und Pressespiegeln verborgenen Erinnerungen ausgraben oder den begnadeten Schmäh des Vaters zelebrieren. Noch einmal soll der wegen Krankheit zurückgetretene Vater für ihn dirigieren, noch einmal mit dem Sohn verreisen, noch einmal da sein. Die Wünsche des Sohnes erfüllend, schaffen sich Vater und Sohn eine neue Erinnerung und dem Dokumentarfilm eine andere Aufgabe: leben statt konservieren. Und die Musik in »Nach der Musik«? Ist wunderbar und weise aus Suitners Repertoire ausgewählt. Sie verschafft den Gesprächen, Fotos und Briefen den Rhythmus einer universellen Leidensliebe.

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