Kritik zu Meister der Träume

© Temperclay

2017
Original-Titel: 
Nothingwood
Filmstart in Deutschland: 
03.05.2018
L: 
85 Min
FSK: 
Ohne Angabe
Mit: 

Die französische Dokumentaristin Sonia Kronlund porträtiert den afghanischen Filmmogul Salim Shaheen und zeigt, was Film in einem Land bedeutet, in dem es zeitweise keine Kinos mehr gab

Bewertung: 4
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Er ist so einnehmend wie von sich selber eingenommen, ein Mann mit Charisma, der überall im Land seine Fans hat, von diesen aber auch erwartet, dass sie das lauthals bekunden. Er ist eine Ein-Mann-Filmindustrie mit mehr als hundert Filmen als Regisseur, Produzent und Darsteller in dreißig Jahren. Sein Name: Salim Shaheen, hierzulande so unbekannt, wie er in seiner Heimat bekannt ist. Was verständlich wird, wenn man seine Filme sieht: Die vom Bollywood-Kino beeinflussten Werke, in deren Mittelpunkt einfache Menschen stehen, die über sich hinauswachsen, sind für ein lokales Publikum gemacht. Sein Heimatland, in dem er auch den überwiegenden Teil seiner Filme gedreht hat, ist Afghanistan.

So erzählt dieser Film nicht nur von der unbändigen Liebe zum Kino, sondern auch davon, was das Kino in einem Land bedeuten kann, in dem es heute praktisch keine ­Kinos mehr gibt und in dem vor zwanzig Jahren, als die Taliban die Macht erobert hatten, sämtliche Kinos geschlossen wurden. Kino, auch wenn es so gut wie gar nicht auf großen Leinwänden gesehen werden kann, erlaubt es den Menschen, für Momente die harte Lebensrealität zu vergessen und sich Träumen hinzugeben. Insofern ergibt der deutsche Titel dieses Films Sinn. Viel wichtiger aber noch scheint es für viele Menschen zu sein, bei Shaheen einmal als Laiendarsteller vor der Kamera stehen zu dürfen.

Den Stoff für seine Filme liefert ihm dabei wiederholt sein eigenes Leben, sei es nun, dass seine Brüder ihn geschlagen haben, als sie entdeckten, dass der junge Salim seine Nachmittage im Kino verbrachte, sei es, dass er sich als junger Soldat nach einem verheerenden Angriff, den er als Einziger überlebte, mit Blut beschmierte und sich zwischen seinen toten Kameraden tot stellte, als der Feind anrückte. Diese Idee habe er damals aus dem Kino gehabt, erzählt er – in der Gegenwart wird sie wiederum zur Szene in seinem neuen, autobiografischen Film.

Shaheens wildem Gestikulieren setzt die französische Dokumentaristin Sonia Kronlund eine höchst sanfte Präsenz entgegen. Sie stellt ihm und anderen gelegentlich Fragen, trottet willig hinter ihm und seinem Team her und lässt sich auch schon mal von ihm verspotten, etwa wenn sie Befürchtungen anlässlich einer Fahrt in eine unsichere Landesregion äußert. Sie erlaubt es Shaheen, sich selber zu inszenieren, spricht aber in ihren gelegentlichen Offkommentaren auch Leerstellen an, etwa dass er ihr nach traditioneller Landessitte nicht erlaubt, seine Frauen und Töchter zu filmen. Von den Taliban, die solche Bilderverbote proklamieren, erfährt man andererseits, dass viele von ihnen Salims Filme (die sie auf ihren Handys ansehen) schätzen, denn, wie ein vermummter Kämpfer sagt: »Ich habe von ihm gelernt, dass man sein Land verteidigen muss.«

Im Original trägt der Film den Titel »Nothingwood«, denn Filme werden hier tatsächlich aus dem Nichts gemacht, wie Salim sagt. Sie werden nicht nur unter finanziell prekären Umständen gedreht, sondern auch in einem Land, in dem seit vielen Jahren Krieg herrscht. Das verändert auch unseren Blick auf diese Filme.

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