Kritik zu Mahler auf der Couch

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Zwei Giganten der Moderne und das erste Groupie der Kulturgeschichte. Percy und Felix Adlon zeigen eine Begegnung zwischen Gustav Mahler, Sigmund Freud und Alma Mahler-Werfel. Eine filmische Symphonie aus Sex, Musik und Analyse

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Im Grunde ist Percy Adlon immer noch ein unbekannter auteur des deutschen und internationalen Kinos. Sein umfangreiches Œuvre aus Dokus und Spielfilmen wartet auf eine eingehende Betrachtung. In enger Zusammenarbeit mit seinem Sohn Felix hat er jetzt wieder ein größeres Projekt verwirklicht, einen Film über eine Begegnung zwischen Gustav Mahler und Sigmund Freud.

Mit leidenschaftlichem Impetus und in prächtigen, von Benedict Neuenfels gestalteten Bildern zeigen sie den Beginn der Moderne: als tragikomische Eheberatung, als Nachdenken über eine große, düstere Liebesgeschichte. Allein durch die Besetzung werden die beiden »heiligen Monster« auf den Boden zurückgebracht, ohne dekonstruiert zu werden: Johannes Silberschneider als Mahler und Karl Markovics als Freud sehen mit ihren markanten Gesichtszügen beinahe wie Figuren aus einem Spitzweg-Gemälde aus – oder wie Comicfiguren. Zwei Männer, denen noch das 19. Jahrhundert in den Knochen steckt.

Sommer 1910 ins holländische Leyden reist, um Freud, der dort Urlaub macht, zu konsultieren. Fast möchte man glauben, Mahler sei Aschenbach, so sehr wirkt die Mahler-Musik aus Viscontis »Tod in Venedig« nach. Mahler ist also gleichsam ein perfekter Filmkomponist, der Schöpfer erotisch-melodramatischer Stimmungslagen, wie die Adlons mit ihrem eigenen Mahler-Soundtrack beweisen. Freud dagegen erscheint als mürrischer Verbalerotiker, ein moderner Beichtvater, dem es durchaus Freude bereitet, den phlegmatischen Egozentriker Mahler zu disziplinieren. Er bringt Mahlers emotionales Chaos in Form, ist also gleichsam der perfekte Filmdramaturg, der Schöpfer von schwindelerregenden Rückblenden. Auch das legen die Adlons mit ihrer Erzählkonstruktion dar. Und es macht Spaß, die beiden schrägen Vögel zu beobachten, wie sie grüblerisch, aber auch verzweifelt durch die Gassen von Leyden wandeln, die einem Seelenlabyrinth gleichen.

Der Gegenstand ihres fiebrigen Räsonierens ist ein unergründliches Wesen: Alma, Mahlers junge Ehefrau, die ihn gerade mit keinem Geringeren als Walter Gropius betrogen hat. Viel später noch wird sie mit Kokoschka liiert sein und Franz Werfel heiraten. Alma ist der heimliche Star der Wiener Secession. Sie lebt die Moderne, mehr als Mahler und Freud, die sie eher beschreiben und künstlerisch erfassen. Barbara Romaner als Alma ist ganz rebellische Sensualität. Ekstase, Passion, Schweiß: beinahe veranstalten die Adlons mit Alma einen Sinnlichkeits-Overkill. Aber im Spiel der Romaner dringt doch durch: wie sie ihre eigenen künstlerischen Ambitionen zurückstellen muss, weil Mahler ein »Weibsbild« will und keine Kollegin. Im Kern der Mahler-Ehe aber steht ein Melodram: der Diphterie-Tod der älteren Tochter von Gustav und Alma. Hier ist der Film der Adlons schmerzlich und berührend, hier geht Freuds Analyse in Mahlers Musik auf.

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