Kritik zu In guten Händen

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Tanya Wexlers Komödie über Elektrizität und Hysterie berichtet von der Erfindung des Vibrators in London während des Viktorianischen Zeitalters. Eine Geschichtslektion über das scheinbar Nebensächliche, wie sie das Kino liebt

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Das Viktorianische Zeitalter im populären angelsächsischen Kino der letzten zwanzig Jahre ist zu einer Traumwelt geworden, durch die Sherlock Holmes, Jack the Ripper und der Erfinder von Peter Pan wandeln. Die Viktorianische Ära wird als archetypische Zeit dargestellt, realistisch und fantastisch zugleich; sie wird nicht nur als Vorläufer der Moderne und Postmoderne gezeigt, sie erscheint selbst postmodern. Alles ist möglich zwischen Prüderie und Sinnlichkeit.

Jetzt hat die Amerikanerin Tanya Wexler dieses Zeitalter, das immerhin nach einer Frau benannt ist, für eine Komödie ausgewählt, in der weibliche Belange, erotische wie soziale, eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Dennoch beginnt der Film mit einem jungen Mann: Mortimer, gespielt von Hugh Dancy, arbeitet als Assistenzarzt in einem Londoner Armenhospital mit schrecklichen hygienischen Verhältnissen. Als Vertreter der noch neuen Keimtheorie überwirft er sich bald mit seinen Vorgesetzten – und landet auf der Straße.

Die gut gehende Praxis des angesehenen Dr. Dalrymple (Jonathan Pryce) bietet Mortimer eine neue Chance. In der Praxis werden wohlhabende Damen in Sachen Hysterie behandelt. Die Hysterie ist freilich nichts anderes als sexuelle und emotionale Frustration. Dr. Dalrymple hat gegen diese Beschwerden eine Heilmethode entwickelt, die Mortimer bald perfekt ausführt: eine Unterleibsmassage, die den Frauen wohlige Erlösung verschafft.

Die Massagesessions inszeniert Wexler als komische Höhepunkte des Films. Doch die Szenen sind überspielt, sie wirken ermüdend, wenn immer wieder skurril-ekstatische Frauen gezeigt werden und ein engagierter, leicht verunsicherter Mortimer, der bald unter starken Handgelenksschmerzen leidet.

Natürlich bekommt Mortimer in dieser Praxis der Reichen bald ähnliche Schwierigkeiten wie im Hospital der Armen. Der ehrenwerte und profitorientierte Dr. Dalrymple würde ihn gerne als Nachfolger und Schwiegersohn sehen. Aber Mortimer verliebt sich nicht in die scheinbar brave Dalrymple-Tochter Emily (Felicity Jones), sondern in deren aufrührerische Schwester Charlotte. Charlotte, von der stets großartigen Maggie Gyllenhaal gespielt, leitet zur Verärgerung ihres Vaters eine Art Sozialstation in den Londoner Slums. Sie ist eine geradezu traumhafte Suffragette: rebellisch, willensstark, aber auch einen neuartigen Glamour ausstrahlend. Ihre Hysterie ist pragmatische Eleganz, sie könnte auch heute ein Vorbild sein. Diese Charlotte also regt in Mortimer wieder den Glauben an soziale Gerechtigkeit an. Dabei kommt ihm die Technik zu Hilfe. Zusammen mit einem Freund, dem Tüftler Edmund, den Rupert Everett sehr schön als Elektro-Dandy gibt, konstruiert er einen Vibrator, der die Probleme sexueller Unzufriedenheit lindert. Und er selbst hat die Hände frei für andere Aufgaben.

Wexlers Komödie ist ein sympathischer Film mit einer wunderbaren Gyllenhaal. Es handelt sich beinahe um einen Weihnachtsfilm über die Erfindung des Vibrators. Dies ist nicht nur als Lob zu verstehen. Ein bisschen mehr Elektrizität, ein wenig mehr Hysterie und weibliches Geheimnis hätte man sich dann doch von dieser Erinnerung an den Fortschritt gewünscht.

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