Kritik zu Der illegale Film

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2018
Original-Titel: 
Der illegale Film
Filmstart in Deutschland: 
11.04.2019
V: 
L: 
84 Min
FSK: 
12

Das dokumentarische Bild im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit: Martin Baer und Claus Wischmann (»Kinshasa Symphony«) widmen sich dem aktuellen Thema rund um Urheberrecht und Eigentum am eigenen Bild

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»Wenn ich zeige, was ich um mich herum sehe, dann ist das eigentlich illegal.« Denn jedes einzelne Bild, ob die Hauswand gegenüber, das Auto auf der Straße oder das Gesicht eines Passanten, »gehört schon jemand«. Mit diesen Gedanken eröffnen Martin Baer & Claus Wischmann ihren Dokumentarfilm über das Bild im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit. Ihre Reflexionen über die Kollision zwischen Copyright und Kreativität, Datenschutz und technischer Machbarkeit kommen zur richtigen Zeit. Kaum ein Thema wurde jüngst verbissener diskutiert als jene Urherberrechtsreform, die laut Befürchtung ihrer Kritiker die Meinungsfreiheit im Internet beschneiden würde. Der Essay von Baer & Wischmann umkreist das Themenbündel um dieses Urheberrecht. Das Reizwort Uploadfilter wird dabei interessanterweise nicht erwähnt. Offenbar ist der Film von der Realität überholt worden. Das macht ihn aber nicht minder interessant.

Die beiden Autoren schlagen einen weiten Bogen von der Erfindung der Fotografie über die Wege, auf denen Fotos die Art des Erinnerns verändern, bis hin zur Massenüberwachung. Mit Statements von Philosophen und Medientheoretikern, darunter Susan Sontag und Norbert Bolz, wird das Problem aufgefächert, wie unsere Welt sich mehr und mehr »zu ihrem eigenen Abbild« verwandelt. Eine schwer zu überblickende Vielfalt von Beispielen führt unterdessen vor Augen, wie die überbordende Produktion von immer mehr und immer skurrileren Bildern das Leben der Menschen prägt und buchstäblich einrahmt. Die steigende Popularität von Selfies vor dem Hintergrund sterbender Unfallopfer zeigt, dass Bildproduktion keinerlei Pietät mehr kennt. 

Die Fülle der angerissenen Themen ist anregend. Leider verliert die Dokumentation im Zuge ihrer multiperspektivischen Betrachtung etwas den Fokus. Die Regisseure verlassen die filmspezifische Darstellung zugunsten eines thematisch interessanten, leider auch formal etwas ermüdenden Theorie-Diskurses.

In Erinnerung bleibt allerdings ein medienhistorisch interessanter Moment. Martin Baer erzählt von seiner Arbeit als junger Kameramann für eine jener Blödelshows im RTL-Fernsehen der 1990er Jahre. Quizmaster Hugo Egon Balder stellt seiner Spielpartnerin Hella von Sinnen eine skurrile Aufgabe: Sie solle sich einen die jetzt laufende Show aufzeichnenden Kameramann suchen, und ihn fragen, was dieser über sie denkt. Sagt er nicht die Wahrheit, müsse sie in dem Quiz, eine Art Mensch-ärgere-dich-nicht, einige Felder zurückgehen. In diesem Moment wird der damals noch recht junge Kameramann unversehens ins Rampenlicht gerückt. Man hat dieses Trash-TV zu Recht gescholten. Doch dieser spontane Moment, in dem die beinahe obszöne Zurschaustellung von Intimität sich mit der Offenlegung der technischen Bildproduktion überschneiden, hat es in sich. Schade, dass der Essay von Baer & Wischmann nicht mehr Beispiele dieser Art findet. Sie hätten den etwas kopflastig anmutenden Film mehr geerdet.

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