Kritik zu Captain Abu Raed

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Der Film des jordanischen Regisseurs Amin Matalqa erzählt von einem couragierten Lügner

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Erinnern Sie sich noch an die Flensburger-Werbung im Fernsehen? Die mit dem Bilderbuchkapitän und seinem hutzeligen Maat? Letzterer wundert sich, dass alle seinem Vorgesetzten so viel Respekt zeigen. Da setzt der Kapitän dem Maat sein Käppi auf. Dem ist die Mütze viel zu groß und alle hofieren weiterhin den Käpitän – auch ohne Mütze. Warum man ihn denn jetzt nicht besser behandele, fragt der Matrose. Alles eine Frage des Charisma, meint der Chef und spricht dieses schwierige, ausländische Wort so norddeutsch und platt aus, dass man es von der Kieler Bucht bis zu den Faröern Inseln ausrollen könnte. Karrießmah! Jungä!

Es kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass dem jordanischen Regisseur Amin Matalqa dieser Spot vorgeschwebt hat, als er sich entschied, »Captain Abu Raed« zu machen. Und dennoch dürfte für manche Zuschauer das Filmchen von Detlef Buck im Hinterkopfkino mitlaufen. Denn immer wenn Abu Raed (Nadim Sawalha), der im Flughafen von Amman als Hausmeister arbeitet, die gefundene Mütze – hier handelt es sich um die Kopfbedeckung eines Flugzeugkapitäns – aufsetzt, bestaunen ihn die Kinder aus der Nachbarschaft als weitgereisten Piloten und erbetteln sich täglich neue Abenteuergeschichten. Und Abu Raed, der einsame Witwer, liebt es zu erzählen. Von dramatischen Schlechtwetterfronten, ängstlichen Passagieren und wundervollen Notlandungen. Seine Reiseberichte und ihre Ausmalungen entnimmt der falsche Pilot seinen kurzen Begegnungen mit Ankommenden und Abreisenden an den Terminals und seiner Hausbibliothek.

Die Geschichte von »Captain Abu Raed« kommt auf den ersten Blick wie ein altersmildes Rührungstück daher, das dem Erzählen um seiner selbst Willen seine Verehrung erweist und die Generationen im ersponnenen Sermon von Heldentaten und Herausforderung miteinander versöhnt. Doch in dem Moment, in dem die schöne Pilotin Nour aus gutem Hause die Wege des kinderlieben Lügners kreuzt, ändert sich der Ton. Und die Figur des Abu Raed wird plötzlich zu einem komplizierten Scharnier zwischen dem Reich des Utopischen und einer jordanischen Realität, die einen nicht so einfach mit hübschen Märchen entkommen lässt. Auf einmal erzählt der Film von privilegierten Frauen, die lieber selbst fliegen und sich nicht verheiraten lassen wollen. Die keine Kinder gebären möchten, solange es noch andere Welten zu entdecken gibt. Und von kleinen Jungen aus mittellosen Familien, die zusehen müssen, wie der Patriach geschäftliche Misserfolge in Alkohol auflöst und dann auf Frau und Kinder losgeht.

»Captain Abu Raed«, der auf dem Sundance Filmfestival im letzten Jahr mit dem World Cinema Audience Award ausgezeichnet wurde, sucht eine Flugroute, die für alle Passagiere passen könnte. Für die Umschwärmten, Reichen und Modernen, wie für die Armen, Einsamen und Couragierten. Und natürlich geht es am Ende um das eine, was die Kleinen zum Großen hebt: Karießmah!

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