Kritik zu Breathing Earth

© Piffl Medien

2012
Original-Titel: 
Breathing Earth
Filmstart in Deutschland: 
27.12.2012
L: 
93 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Thomas Riedelsheimer porträtiert in seiner neuesten Dokumentation den »Windkünstler« Susumu Shingu und damit das in seiner Nichtsichtbarkeit mysteriöseste aller Elemente, den Wind selbst

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Ein Karussell aus sich selbst antreibenden Wasserspeiern; Mobiles, die sich als stromloses Air-Conditioning unter einer Flughafendecke drehen; eine kleine Herde weißer Windsegelkonstruktionen in einem Teich, die je nach Wetterlaune mal stillstehen oder wild ihre Röckchen schwingen. Der japanische Künstler Susumu Shingu ist besessen davon, die Energien von Wind und Wasser in Bewegungen zu verwandeln. Vor allem den Wind, denn der ist für Shingu der Atem, der mit seinem ewig freien Fluss Erde und Natur am Leben hält, Befruchter und Zerstörer, das absolute und in seiner Nichtsichtbarkeit mysteriöseste der Elemente.

Sich selbst sieht der 75-Jährige als Übersetzer dieser unsichtbaren Botschaften und als Warner vor der drohenden Zerstörung der Natur. Seit einiger Zeit will er auch praktisch zur Rettung des natürlichen Gleichgewichts beitragen. Deshalb sind seine jüngsten Windskulpturen auch kleine Kraftwerke, die zeigen, dass Windenergie nicht so einfallslos daherkommen muss wie die dreiarmigen Spargel auf unseren Feldern. Seine Erfindungen sind zwar nicht so effizient wie die üblichen Rotoren, doch sie machen keinen Lärm – und sie sähen deutlich amüsanter aus, meint der 1937 geborene Künstler, der sich hinter der Nickelbrille ein staunendes Kindergemüt bewahrt hat.

Außerdem will Shingu eine energetisch autarke Begegnungsstätte für Künstler, Wissenschaftler und andere ökologisch Interessierte schaffen – mit Windanlagen, Laboren, einem Freiluftauditorium und einem Restaurant. Breathing Earth heißt das Projekt, für das Shingu immer wieder die Welt bereist, um den richtigen Ort und finanzielle Unterstützer für sein Projekt zu finden. Mit von der Partie sind bislang: ein malerisch gelegener Bauernhof in der italienischen Basilicata; eine Kohlenhalde im Ruhrgebiet; ein Windzentrum im schottischen Hochland; eine idyllische Privatinsel im Marmarameer vor Istanbul.

Der Filmemacher Thomas Riedelsheimer knüpft mit Breathing Earth gelungen an seine beiden bisherigen Künstlerporträts an, in denen er den Land-Art-Poeten Andy Goldsworthy (Rivers and Tides) und die gehörlose Perkussionistin Evelyn Glennie (Touch the Sound) vorstellte. Dabei interessieren ihn auch hier wieder die Grenzen des Sicht- und Hörbaren auch jenseits von Shingus Kunst, am poetischsten auf den Punkt gebracht vielleicht im eingefangenen Flattern Abertausender Monarch-Schmetterlingsflügel im mexikanischen Mil Cumbres. Die multi-instrumentale Musik von Stefan Micus ist glatter als die von Fred Frith in den beiden anderen Filmen, doch so schlicht, dass selbst eine im Gegenlicht herumtaumelnde Samenflocke nicht kitschig, sondern ganz selbstverständlich erscheint. Die visuelle Textur des Films ist haptisch, wie es einem solch sinnlichen Stoff gebührt, und macht zusammen mit Riedelsheimers eigenhändiger Kamera und Montage Breathing Earth zu einem Film, der in fast meditativer Entspanntheit und Konzentration seinem Gegenstand aufs Schönste gerecht wird.

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