Kritik zu The Birth of a Nation: Aufstand der Freiheit

© 20th Century Fox

Nate Parker verfilmt die Geschichte einer Sklavenrebellion in den amerikanischen Südstaaten von 1831, die angeführt wurde vom schwarzen Prediger Nat Turner

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Die Finger des Jungen gleiten andächtig über die Buchrücken, die sich in der Bibliothek der Südstaatenvilla aneinanderreihen. »Diese Bücher sind nur für Weiße«, sagt die Dame des Hauses mit säuselnder Stimme zu dem achtjährigen Sklavensohn, »sie sind voller Dinge, die ihr Schwarzen nicht verstehen könnt.« Der kleine Nat hat sich selbst heimlich das Lesen beigebracht. Als die Frau des Plantagenbesitzers es herausbekommt, beschließt sie, ihn zu unterrichten. Aber das Curriculum für das schwarze Wunderkind bleibt auf ein einziges Buch beschränkt: die Bibel. Als Erwachsener predigt Nat (Nate Parker) jeden Sonntag für die anderen Sklaven um Trost, Geduld und Zuversicht: »Wartet auf den Herrn. Senkt den Kopf in Andacht.«

Dass die Geduld der Sklaven nicht ewig andauern wird, bekommen die weißen Baumwollfarmer dreißig Jahre vor dem amerikanischen Bürgerkrieg immer mehr zu spüren. Gerüchte von Unruhen machen die Runde. Und so wird der schwarze Prediger zu den Gütern im ländlichen Virginia geschickt, um die Gemüter der Sklaven mit Bibelzitaten zu beruhigen. Was er dort zu sehen bekommt, öffnet ihm die Augen. Vor ihm stehen ausgehungerte Gestalten, denen er von den glücklichen Verheißungen des Himmelreichs erzählen soll. In einem Kerker sind ungehorsame Arbeiter mit Metallmaulkörben geknebelt. Einem Hungerstreikenden werden zur Zwangsernährung die Zähne mit dem Meißel ausgeschlagen. Nachdem seine Frau Cherry (Aja Naomi King) von Sklavenjägern schwer misshandelt wird, beginnt Nat, die Bibel anders zu lesen.

In »The Birth of a Nation« erinnert Nate Parker an den Prediger Nat Turner, der 1831 einen Aufstand gegen die Sklavenhalter in Southampton County, Virginia, anführte. Als großes, historisches Epos aus Sklavensicht ist sein Film angelegt, der sich seinen Filmtitel selbstbewusst von D. W. Griffiths rassistischem Filmklassiker aus dem Jahre 1915 angeeignet hat. Im Gegensatz zu den ohnehin nicht sehr zahlreichen Werken des US-Kinos, die sich mit diesem düsteren Kapitel der amerikanischen Geschichte befassen, werden hier die Sklaven nicht zu passiven Opfern stigmatisiert. In einem durchaus konventionellen Erzählmodus schildert Parker die Reifung des christlichen Predigers zum Anführer einer Revolte. Die Bilder von den Gräueltaten weißer Sklavenhalter werden sich genauso ins filmische Gedächtnis einbrennen wie die der Aufständischen, die mit dem Beil die Plantagenbesitzer und deren Familien im Schlaf umbringen, oder die lange Kamerafahrt durch einen Wald voller gehenkter schwarzer Männer, Frauen und Kinder nach dem Scheitern der Rebellion.

Bei seiner Premiere in Sundance im Januar 2016 wurde »The Birth of a Nation« schnell als Oscarkandidat gehandelt. Das Sklavendrama schien im Kontext der »Oscars so white«-Kampagne auf der Höhe der Zeit. Dass »The Birth of a Nation« dann nicht einmal nominiert wurde, liegt weniger am Film als an der Person des Regisseurs, der von einer alten Geschichte eingeholt wurde: 1999 war er angeklagt worden, eine Kommilitonin unter Alkoholeinfluss vergewaltigt zu haben. Parker wurde freigesprochen. Die Betroffene nahm sich 2012 das Leben. Mehrere Wochen wurde in den US-Medien eine Diskussion um den Boykott des Films geführt, in der es im Minenfeld zwischen Rassismus und Sexismus keine einfache politisch korrekte Verortung gab. An den US-Kinokassen ging der Film, der doch einen wichtigen Beitrag zur dringend notwendigen filmischen Aufarbeitung der Sklaverei leisten wollte, sang- und klanglos unter.

Aber es ist vielleicht auch kein Zufall, dass zu seinen größten Schwächen der Umgang mit sexueller Gewalt gehört. Für Nat Turner werden die Vergewaltigung seiner Frau und die sexuelle Versklavung der Frau eines Freundes zum entscheidenden Handlungsmoment. In der Darstellung geht es dabei allerdings vornehmlich um die gekränkte Beschützerehre der Ehemänner, die zur Tatenlosigkeit verdammt sind. Mit diesem sehr maskulinen Blick auf sexuelle Gewalt gleitet »The Birth of a Nation« dann auch während des letzten Drittels in die Gefilde eines konventionellen Rachethrillers, womit er sich und seinem Anliegen keinen Gefallen tut.

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