Unmodern denken
Seit dem Frühjahr gibt es in einer kleinen Clique von KinogängerInnen, der ich angehöre, einen laufenden Scherz. Seinerzeit sahen wir im Vorprogramm zum ersten Mal den flotten Imagefilm von Sachsen Anhalt, der die Dichte der Weltkulturerbe-Stätten, die Traditionen und Fortschrittlichkeit des Landes anpreist. "Schönes Bundesland, noch schnell hin vor der Wahl!" lautete die erste Reaktion, die in den folgenden Kinobesuchen mehrere Variationen erfuhr - mal gekürzt ("Noch schnell hin."), zuweilen ergänzt ("Im Bauhaus müssen sie sich warm anziehen.") und schließlich verballhornt („Schönes Land vor der Wahl.“) wurde.
Man kann durchaus behaupten, die Kampagne der Landesregierung habe verfangen: Sie stellt überzeugend ein Musterland vor. Gegen die Devise #moderndenken kann ein aufgeschlossener Mensch ja erst einmal nichts haben. Ich trauerte dem pfiffigen vorangegangenen Motto ("Das Land der Frühaufsteher") nicht mehr nach, es war schließlich unhaltbar geworden, seit die Bevölkerung im diesbezüglichen statistischen Schnitt einige Minuten ins Hintertreffen geriet. Ich habe Sachsen-Anhalt daraufhin tatsächlich mehrmals besucht; dazu später mehr. Mindestens einmal lief nach dem Vorprogramm auch ein Film, der dort entstand. »Rose« mit Sandra Hüller mag zwar nicht die Träume der Tourismusbranche erfüllen, macht aber klugen Gebrauch von der Topographie seiner Drehorte. Mich hat zum Beispiel die Senke stark beeindruckt, durch die der Bauernkarren fahren muss, um vom Hof zum Dorf und wieder zurück zu gelangen. Auch das Waldsterben spielt triftig mit, denn bereits im 17. Jahrhundert, in dem Markus Schleinzers Film spielt, richtete der Borkenkäfer im Harz großen Schaden an.
Uns wurde zusehends klar, dass der Imagefilm eigentlich schon aus einer anderen, rasch erlöschenden Zeit stammte. Das Land besitzt in der öffentlichen Wahrnehmung keine Gegenwart mehr, es steht bereits vollends im Zeichen einer dunklen Zukunft. Der Einzug des vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuften Landesverbandes der AfD in die Staatskanzlei scheint eine ausgemachte Sache zu sein. Die siegestrunkene Partei hat gar nicht erst ein Wahlkampf-, sondern gleich ein Regierungsprogramm veröffentlicht. Die Partei hat ein anderes Musterland vor Augen. Sie kündigt eine patriotische Umgestaltung an. Den Hashtag dafür gibt es schon: #deutschdenken. Die Hersteller von Gartenzwergen dürfen dem 6. September frohgemut entgegenfiebern.
Auf die Himmelscheibe von Nebra werden die zwei Millionen Einwohner weiterhin stolz sein dürfen, der Besuch der Lutherstädte Eisleben und Wittenberg, des Doms von Naumburg der pittoresken Altstadt von Quedlinburg sowie des Gartenreichs von Dessau-Wörlitz dürfen ihnen auch fortan ein Heimatgefühl bescheren. Das Bauhaus in Dessau hingegen ist der AfD ein Dorn im Auge, was seit den Anfeindungen in der NS-Zeit nationalistische Tradition hat: Der Internationale Stil, der dort ausformuliert wurde, erscheint Teilen der Partei zutiefst undeutsch. Björn Höcke, der Zugezogene in Thüringen, sah das 2018 zwar noch anders: Für ihn drückte sich die deutsche Seele in den dortigen Werkstätten und Bauten eben so aus wie im VW Käfer, dem Trabant, der Thüringer Bratwurst und Winnetou (dass er stattdessen nicht Gojko Mitic nannte, verriet wohl noch den alten Westler). Aber die smarten Demagogen verlassen sich ja sowieso darauf, dass ihr Geschwätz von gestern die WählerInnen heute nicht mehr kümmert. Mit deren kurzem Gedächtnis kalkulieren sie ohnehin feist bei ihrem Bestreben, die deutsche Geschichte radikal umzudeuten. Sie soll zu einem Ruhekissen werden, der "künstlichen Verlängerung des Schuldkomplexes" will sie ein Ende setzen. Unliebsame Gedächtnisstützen mag die AfD nicht. Den Gedenkstätten zur Aufarbeitung zweier Diktaturen stehen schwierige Zeiten bevor. Die Befreiung von Verantwortlichkeit scheint ein verlockendes Wahlversprechen zu sein. Das Vergangene soll keine Last mehr sein, sondern eine Verheißung. Für zumindest einen ihrer Wahlkämpfer in Sachsen-Anhalt scheinen ja auch die Baseballschlägerjahre noch nicht vorüber zu sein.
Nach dem 6. September will die Partei unverzüglich loslegen. Ihr Programm, zumal das Kapitel III, das Kultur und Integration gewidmet ist, liest sich wie Realsatire: Es steckt voller fixer Ideen. Die Rehabilitation des Feuerwerks als deutschem Kulturgut ist wohl bierernst gemeint. Gegen die Rettung des Altbaubestandes lässt sich zwar auf Anhieb nichts einwenden. Gegen die Vorstellungen, wie Geschichte erinnert werden soll, jedoch eine Menge. Soldatische Opfer sollen stärker geehrt werden. Für die Provenienzforschung sowie "anti-deutsche" Haltungen in Kunst & Kultur soll es kein Staatsgeld mehr geben. In vieler Hinsicht geht die Saat ja jetzt schon auf. Kulturpolitik betreibt die Afd ja jetzt schon auf lokal-regionaler Ebene. Eine kleine Anfrage genügt, dass kritische Lesungen abgesagt werden. (Die Ausladung wurde zurückgenommen, aber der Schaden ist entstanden).Ein frischgebackener Theaterintendant, den ich vor einem Jahr auf einer Feier kennenlernte, berichtete mir von seinen Mühen, »Cabaret« im Kulturausschuss der Stadt als Saisonauftakt durchzusetzen. Im Juli besuchte ich eine Aufführung des Anhaltischen Theaters Dessau, die in der Freilichtbühne des Gartenreichs stattfand. Es wurde Ben Johnsons hinterlistiger »Volpone« gegeben, obendrein mit einem aufmüpfig queeren Zungenschlag. Was werden sie in der nächsten Saison spielen, »Die Feuerzangenbowle« oder »Der zerbrochene Krug«? Von »Charley's Tante« rate ich ab.
Eine der Aufgaben, die sich die AfD für die ersten hundert Regierungstage gestellt hat, ist die Aufkündigung des Rundfunkstaatsvertrages. Man hängt offenbar einer magische Vorstellung von Macht an. Im Englischen, mit dem diese Nationalisten naturgemäß fremdeln (weshalb ich den running gag des ersten Satzes vorsichtshalber gleich übersetzt habe), gibt es dazu den schöne anschaulichen Ausdruck "Smoke and Mirrors". Die Partei, die bislang nur durch Identitäts-, nicht aber Gestaltungspolitik aufgefallen ist, bringt sich da in mulmigen Zugzwang. Selbst wenn es für die Aufkündigung eine parlamentarische Mehrheit gäbe, stieße dies einen Prozess an, der mindestens zwei Jahre dauert. Und warum eigentlich die Mühe? Sendet denen der MDR etwa nicht genug Ostalgie? Wo sonst würden dann Reprisen von "Ein Kessel Buntes" und sonstiger Zerstreuungen nach dem Gusto der SED laufen? Gewiss, der RBB dürfte weiterhin DEFA-Märchenfilme ausstrahlen, aber einen vollgültigen Ersatz für die merkwürdige Kontinuität der tranigen DDR-Unterhaltungsangebote im MDR kann der Sender nicht liefern.
Bestimmt ist Ihnen aufgefallen, dass ich den Film bislang nicht erwähnt habe. Im "Regierungsprogramm" kommt er gar nicht vor. Welche Auswirkungen es dennoch auf dieses Kulturgut und diesen Wirtschaftsfaktor zeitigen könnte, wird mich in einem folgenden Eintrag beschäftigen. Bis dahin hoffe ich, dass die Frühaufsteher Sachsen-Anhalts nicht schon zu Schlafwandlern geworden sind.





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