Reizvoller Ortswechsel (immer noch AT)

Vor dem 12. Dezember nimmt man sich besser in Acht. Zumindest in einigen Regionen Rumäniens wird dringend vor dem Datum gewarnt: Auf keinen Fall dürfe man das Haus verlassen, denn um Mitternacht brechen sämtliche bösen Geister und Kreaturen aus. Die Entfesselung des Schreckens hörte also mit Halloween beileibe nicht auf.

Der Gast aus Istanbul freilich, der im transsylvanischen Hotel absteigt, schlägt die Warnungen seiner Wirtin in den Wind: Einem gottesfürchtigen Mann können Geister nichts anhaben. Als Siegel seiner Furchtlosigkeit zeigt ihr der gute Muslime eine Medaille mit der Mondsichel. Es hilft nichts, dass die abergläubische Frau sich fortan unablässig bekreuzigt, alsbald mit Unterstützung ihrer Nachbarin. Der Unentwegte lässt sich partout nicht davon abhalten, das Schloss des Grafen aufzusuchen, für den er am Bosporus einige Immobiliengeschäfte tätigen soll.

Dieser ominöse Auftakt ist aus so ziemlich jeder „Dracula“-Verfilmung vertraut, aber Regisseur und Co-Autor Mehmet Muhtar fügt ihm zu Beginn von „Dracula Istanbul'da“ 1953 subtil das Motiv der religiösen Differenz hinzu: Kreuz gegen Halbmond. In dem frühesten erhaltenen Horrorfilm aus der Türkei darf man sich ohnehin auf manchen Kulturschock freuen. An Knoblauch herrscht indes auch dort kein Mangel. Davon können Sie sich, falls Sie in München weilen, morgen Abend überzeugen, wenn der treffliche „Dracula in Istanbul“ in der „Open Scene“ des Filmmuseums läuft (https://www.muenchner-stadtmuseum.de/sammlungen/filmmuseum/aktueller-spielplan/details/open-scene-46727). Falls Sie hingegen in Berlin sind, bietet sich drei Tage später im Sinema Transtopia um 15:30 Uhr eine weitere Gelegenheit. Dort wird er im Rahmen von „Film Restored“, dem Filmerbe-Festival der Deutschen Kinemathek, gezeigt (https://www.deutsche-kinemathek.de/de/besuch/programm/film-restored/drakula-istanbulda?t=filmdaten). Hierbei geht es sozusagen ums doppelte Überleben, denn die Restaurierung der Sinemathek war im letzten Jahr dringend geboten, um die arg geschundene Kopie zu retten. Über das Festival werde ich noch ausführlich berichten, aber heute geht es erst einmal um diese Perle des Genres.

In ihr sind angeblich zum ersten Mal die Reißzähne des Vampirs zu sehen. Man kann sie gleich in der ersten, einstimmenden Einstellung bewundern, wobei sie jedoch eher unpraktisch wirken: Besonders scharf kommen Sie mir nicht vor, und außerdem streben sie bei verschiedenen Auftritten in durchaus wechselnde Richtungen. Ich war schon im Vorfeld des Festivals gespannt, nachdem mir Annika Haupts von der Kinemathek von ihm berichtet hatte: Wie blutrünstig mochte es zugehen, wo doch der Islam das Trinken des Lebenssaftes streng verbietet? Eine zweite drängende Frage betrifft das Urheberrecht. Bram Stokers Erben gingen bekanntlich drakonisch gegen jedwede Verletzung vor, man denke nur an Murnau und „Nosferatu“. Ich vermute, die Produktionsfirma sicherte sich gegen Klagen ab, zumal die Türkei sich erst im Vorjahr dem Berner Abkommen angeschlossen hatte. Im Vorspann wird vorsichtshalber ein Roman von Ali Riza Seyfi als Vorlage des Drehbuchs genannt. Tatsächlich folgt Muhtars Film dem Original von Stoker auf ebenso interessante Weise, wie er von ihm abweicht.

Heutige, an CGI gewöhnte Augen mögen die Spezialeffekte ungnädig betrachten. Auch 1953 waren sie gewiss nicht auf der Höhe der Zeit. Die Totale von Draculas Schloss ist gemalt, nicht einmal eine Matte-Zeichnung; die putzige Fledermaus fliegt an Drähten und die Grabsteine sind aus Holz. Dafür schwebt der Sargdeckel ganz wundersam - und die Stopptricks, dank derer Dracula auftritt, sind so herrlich wie bei Georges Méliès. Ikonographie und Folklore des Vampirgenres respektiert Muhtars Film akribisch: Rettung der designierten Opfer durch Hahnenschrei und Sonnenaufgang; ein Pfahl durchs Herz, um die Untoten zu töten (über die Enthauptungen legt sich eine gnädige Abblende); die Abwehrkräfte des Knoblauchs werden gründlichst durch dekliniert. Es trifft sich, dass dieses Istanbul über eine ebenso sachkundige Kapazität wie Van Helsing verfügt. Die Vampirjagd verläuft indes in erstaunlich gemächlichem Tempo. Das sicher nicht üppige Budget führt insgeheim zu einer szenischen Konzentration. Die Reise von den Karpaten an den Bosporus spart Muhtar nonchalant aus. So oder so ein Film der Ortswechsel.

Aber die rechtschaffen holprigen Beschwörungen von Schauerromantik sind eher zweitrangig, denn Muhtars Film besticht durch seine unmittelbare Zeitgenossenschaft. Die Handlung trägt tatsächlich den Jahresstempel 1953 und Muhtar filmt das Geschehen ganz gegenwärtig. Die Innenstadt der Metropole entdeckt er uns in einer raumgreifenden Kamerafahrt als glitzernde Welt der Neonreklamen. In dieser ist Güzin, das Äquivalent von Mina Harker, ein mondäner Star. Der gefeierten Revuetänzerin haftet nichts Viktorianisches an. Sie gibt sich ausnehmend fortschrittlich, steuert ihre Limousine höchstselbst und weiß sich frecher Verehrer tatkräftig zu erwehren. Es nimmt nicht wunder, dass Dracula sich erst einmal ein leichteres Opfer sucht, ihre neurasthenische Cousine Sadan. Auf der Bühne tritt sie in denkbar knappen Kostümen auf und wird auch jenseits der Bühne aufreizend oft beim Entkleiden gefilmt. Das mutet heute zwar züchtig an (selbst ihr Schaumbad) , aber wie wird es 1953 gewirkt haben? Als Sittenstudie ist das Ganze ungemein interessant, denn Güzins Beruf erscheint überhaupt nicht unschicklich, er dient sogar der guten Sache, als sie sich bei einer Wohltätigkeitsgala für den Roten Halbmond engagiert. Dracula stellt ihr aus Blutdurst nach, aber irgendwie auch als Liebhaber der Künste.

Dankbar für die Restaurierung darf man nicht zuletzt wegen der großartig kontrastreichen Schwarzweißfotografie sein. Kameramann Özen Sermet taucht Szenerien und Gesichter in ein Wechselspiel von Licht und Dunkel, dessen Kunstfertigkeit nicht nur eine angemessen gruselige Atmosphäre schafft. Er filmt die Figuren ausgesprochen urban. Mitunter gewinnt man den Eindruck, er habe die Schattenspiele des Film Noir ganz genau studiert. Fürwahr, dieser Dracula stand 1953 im waghalsigen Zeichen der Moderne.

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