Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen

Sie legen sich wirklich ins Zeug, gehen an ihre Grenzen. Ja, sie setzen gar ihre Gesundheit aufs Spiel, die körperliche wie die mentale. Eine Figur überzeugend darzustellen, genügt in der aktuellen Awards Season nicht mehr. Derzeit hat die Selbstkasteiung mächtig Konjunktur. Die Schauspielerei muss zum Martyrium werden, damit sie Aufsehen erregt.

SchauspielerInnen sprechen seit jeher gern von den Risiken, die sie bei ihren Rollen eingehen. Meist bleibt das etwas vage. Momentan jedoch darf man einen sehr konkreten Eindruck davon gewinnen, was sie alles im Namen der Kunst erdulden. Benedict Cumberbatch zog sich gleich drei Nikotinvergiftungen zu, weil er in »The Power of the Dog« einen Kettenraucher spielt. Lady Gaga versenkte sich so rückhaltlos in die Rolle der Patrizia in »House of Gucci«, blieb neun Monate lang "in character" und sprach nur mit ihrem merkwürdigen Akzent, bis sie der völligen Erschöpfung nahe war. Sie brachte die Finsternis ihrer Figur am Ende jedes Drehtags mit nach Hause. Offenbar hatte ihr niemand verraten, dass Schauspieler auch abschalten können. In den letzten Wochen musste sie angeblich eine Krankenschwester aus der Psychiatrie engagieren, die Sorge trug, dass sie sich nicht völlig in ihre Rolle verlor.

Sie klagte, sie hätte täglich vier, fünf Stunden in der Maske verbringen müssen, um sich in Patrizia zu verwandeln. Als hätte es dergleichen noch nie im Filmgeschäft gegeben. Ohnehin stahl ihr Jessica Chastain in dieser Hinsicht die Schau, die für die Titelrolle in »The Eyes of Tammy Faye« vor Drehbeginn siebeneinhalb Stunden dort zubrachte. Die Strapazen waren eine Bewährungsprobe für ihren Kreislauf. Und danach musste sie gleichsam durch die dicken Schichten des Make up hindurch spielen, die auch noch dauerhaften Schaden an ihrer Haut anrichteten.

Die bedingungslose Hingabe an die Rolle ist die Leitwährung dieser Publicity-Saison. Eigentlich könnte man sich freuen, dass der Arbeitsprozess, die Rollenarbeit so sehr im Fokus steht. Aber diese Einblicke in die Werkstatt kommen vor allem im Boulevard gut an. Unserer Sehnsucht, in Filmstars HeldInnen zu sehen, ist mit der Leidensfähigkeit ein neues Terrain zugewachsen. Es braucht selbstverständlich auch dramatisches Talent, sich ihrer zu brüsten. Lady Gaga hat hier, quasi aus dem Stand - »House of Gucci« ist erst der dritte Filmauftritt und die zweite Hauptrolle der Popsängerin – enorme Meisterschaft bewiesen. Aktuell mag die Filmbranche zwar größere Sorgen haben als ihre Inthronisierung als Filmstar. Aber das ficht ihren Elan nicht an. Sie hat hart gearbeitet und die Welt soll es wissen. Im Kern setzt sie bei der Pressearbeit ihre Patrizia-Rolle fort: die des Emporkömmlings, der sich um jeden Preis Zutritt zum Serail verschaffen will. Maximale Aufmerksamkeit zu schaffen, ist dringend nötig in Zeiten der Pandemie, wo Filme verzweifelt um ihre Sichtbarkeit ringen. Sie starten und verschwinden meist rasch wieder. Ihr Status und ihr Ort sind fragil. Für die Streamingplattformen bietet die Awards Season, neben der immer stärkeren Festivalpräsenz, die Chance, sich zu legitimieren. Im Konzert der Bewerber ist die Lautstärke ausschlaggebender denn je.

Den Blick auf das künstlerische Ergebnis schärft das nicht. Die Frage, ob eine Darstellung gut oder schlecht ist, wird zweitrangig. Entscheidender ist ihre Wucht. Publikum und Kritik sollen überwältigt werden. Sie wollen es womöglich auch. Im Fall von »House of Gucci« verfängt diese Strategie. Lady Gaga geht ins Rennen um die dubiosen Golden Globes, der Weg zu den Oscars ist geebnet. Der "New York Film Critics Circle" hat sie ist zu Beginn des Monats als Beste Darstellerin ausgezeichnet (und Cumberbatch in der männlichen Kategorie).

Für meinen Berufsstand wirft diese eher nachrangige Form der künstlerischen Selbstpositionierung mehrere Probleme auf. Sie sind nicht allesamt reizvoll. Die einfachste und bestimmt nicht dümmste Lösung wäre natürlich, diese Bekenntnisse nicht für bare Münze zu nehmen. Ob sich all das tatsächlich auf den Filmsets zugetragen hat oder blumige Übertreibung ist (gleichviel, ob aus eigenem Antrieb oder auf Geheiß der Presseagenten), lässt sich nicht ohne Mühe nachprüfen. Aber die Behauptungen stehen nun mal im Raum, sie besitzen immensen Nachrichtenwert. Wer es hingegen vorzieht, einer im voraus verordneten Bewunderungspflicht nicht Folge zu leisten (nennen wir es mal das De-Niro-Syndrom), fällt momentan sträflich aus der Zeit. Angemessener scheint es, aus dem Staunen gar nicht mehr herauszukommen.

Entgegenkommende Interviewer hingegen spielen begeistert mit. Die erbeuteten Bekenntnisse stellen schließlich ein Coup dar, so schamlos sie auch vorgetragen werden. Die Audienzen etwa, die Lady Gaga dem Branchenblatt "Variety" gab, sind eine Übung im Fremdschämen. Man schmeichelt sich gegenseitig, was ihren Gesprächspartner augenblicklich ermutigt, den Part des Groupies einzunehmen. Sie wolle ihre Methode nicht verherrlichen, behauptet sie, aber ihr Gegenüber lässt eben dies dankbar zu. Sie habe schon immer die romantische Neigung gehabt, das Leiden als Teil ihrer Kunst zu begreifen. Sie ist weniger romantisch, als vielmehr eine naive Vorstellung dessen, was Schauspiel ist. Sie nimmt die Immersion als absoluten Maßstab, mag eine Trennung von Darsteller und Figur nicht ertragen. Wenn die Schauspielerin feierlich verkündet (diesmal der amerikanischen "Vogue"), ihre Leistung sei keine Imitation, sondern ein Werden, darf sie mit verständnisvollem Nicken rechnen.

Dass SchauspielerInnen sich ihren Rollen mit Haut und Haar überantworten, gehört seit der ersten Blüte des Method Acting in den 1950er Jahren zur Folklore dieses Metiers. Sich in sie einzufühlen, reicht nicht mehr aus, es braucht die demonstrative Aneignung. Robert De Niro und Daniel Day-Lewis exerzieren vor, wie fruchtbar es unter Umständen sein kann, die Existenz der Figuren akribisch nachzuleben. Man kennt das Programm: eine Taxifahrer-Lizenz erwerben, Abmagern oder Zunehmen, sein eigenes Kanu bauen, monatelang in den Wäldern leben, rohes Bisonfleisch verzehren etc. Benedict Cumberbatch ist für »The Power of the Dog« durch diese Schule gegangen. Sich in einem "Cowboy boot camp" physisch auf die ungewohnte Rolle vorzubereiten, beweist gründliches Handwerk. Er hat sogar gelernt, wie man Bullen kastriert (der Schmerz ist keine Einbahnstraße). Seine eher unbritische Bereitschaft, "in character" zu bleiben, also beispielsweise seine Gegenspielerin Kirsten Dunst zu meiden, zeigt, dass Kunst nicht immer höflich ist. Das war vielleicht notwendig, er ist hervorragend in dem Film.

Ein entscheidendes, machtvolles Instrument der schauspielerischen Arbeit tritt dabei jedoch fahrlässig in den Hintergrund: die Vorstellungskraft. Jahrzehnte lang wurde uns eingetrichtert, das hehre Arbeitsethos, wie es De Niro, Dustin Hoffman und andere demonstrieren, sei der Gipfel der Schauspielkunst. Aber recht eigentlich ist diese mimetische Versenkung in die Rollen nichts weiter als ein Stunt. Braucht es wirklich, immer und unbedingt, solch spektakuläre Krücken, um zu der Wahrheit einer Figur vorzust0ßen. Sie ist übrigens nicht zwangsläufig deckungsgleich mit der Glaubwürdigkeit, die wir im Publikum an einer Darstellung wahrnehmen. Diese manische Suche nach Authentizität ist letztlich eine Solisten-Kunst und im Kern narzisstisch. Sie ist nicht auf das Mitspielen angelegt, sondern verweist die Anderen auf ihre Plätze. In »The Power of the Dog« funktioniert das gut, denn da geht es um lauter Charaktere, die nur schwer aus ihrer Isolation herausfinden.

Lady Gagas ballistische Verve wiederum geht in »House of Gucci« prächtig auf. Sie ist außerordentlich in einem Film, der anscheinend in der festen Absicht gedreht und gespielt wurde, möglichst viele Goldene Himbeeren zu gewinnen. Aber besser, ich wechsle den Tonfall; er ist ohnehin schon mokanter, als diesem Text gut tut. Sie kann sich auf ihren Instinkt als Performerin verlassen. Großartig, wie sich bekreuzigt, "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hauses Gucci." Der Satz stand nicht im Drehbuch, der kam ihr aus dem Stegreif in den Sinn. Eine brillante Eingebung, wenn es denn stimmt.

 

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