Als es keine Zukunft gab

Auf arte laufen heute Abend zwei Zeitdramen, die an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnern. Der eine ist eine Anklage, der andere eine Autopsie. Beide sind als Rückblenden erzählt; die Vergangenheit kommt nicht zur Ruhe. Wolfgang Staudtes Trümmerfilm „Die Mörder sind unter uns“ ist hier zu Lande berühmter, „Das Boot der Verdammten“ von René Clément ist der unbesungenere, der interessantere Film.

Mit dem Weltkrieg hat sich Clément beharrlich und aus vielen Perspektiven auseinandergesetzt, seit er für „Schienenschlacht“ in Cannes 1946 den Großen Preis erhielt. Auch „Verbotene Spiele“ von 1952 wurde vielfach ausgezeichnet, „Le jour et l'heure“ (Nacht der Erfüllung) fand 1963 nicht die verdiente Aufmerksamkeit, dafür avancierte „Brennt Paris?“ drei Jahre später zu einem weltweiten Kassenerfolg. In Cannes gewann auch „Les maudits“ (also: die Verfluchten, Verfemten oder eben Verdammten) 1947 einen Preis, als Bester Abenteuerfilm - eine im Nachhinein etwas vergiftet wirkende Ehrung, die den Verdacht der Kolportage, mithin einer gewissen Verantwortungslosigkeit, nahelegt. In Deutschland kam er 1949 stark gekürzt heraus. Das geschah zwar auf Geheiß der britischen Besatzung, aber gewiss mit Rücksicht auf deutsche Vergessensswünsche. Auf arte läuft heute die ungekürzte Fassung als Erstaufführung, die noch mehrfach wiederholt wird. (Eine Woche später zeigt der Sender übrigens seine Zola-Verfilmung „Gervaise“, die ich ziemlich schwerblütig in Erinnerung habe.)

Nachdem er in „Schienenschlacht“ die Résistance gefeiert hat, rückt Clément nun die Kriegsgegner, Kollaborateure und Mitläufer in den Vordergrund: ein Pandämonium aus der Endphase des Krieges, als die sowjetischen Truppen Berlin längst erreicht haben. Das Titel stiftende U-Boot ist eine unheilvolle Arche Noah. An Bord befindet sich keine bunte Mischung an Charakteren, sondern ein Spektrum der moralischen Schwarz- und Grauschattierungen. Kameramann Henri Alekan führt die Akteure mitunter nur als Silhouetten ein. In Oslo schiffen sich lauter Gestalten ein, die angesichts der dräuenden Niederlage gern vergessen würden, dass sie einander früher schon einmal begegnet sind. Die Papiere sind einwandfrei, sagt der Kapitän über seine Passagiere, aber die Identitäten natürlich falsch. Es gibt noch unentwegte Fanatiker unter ihnen, die an den Endsieg glauben, der jetzt mit Hilfe eines Agentennetzwerks in Südamerika errungen werden soll. Andere sehen sich schon als Niederlagengewinnler.Kadavergehorsam herrscht allemal. Nicht einmal der nominelle Held - ein Landarzt, der kurzerhand aus Royan entführt wird (Henri Vidal) -, bleibt in diesem Szenario des Pessimismus ganz unbefleckt, sondern erweist sich als geschickter Manipulator.

Er erzählt die Geschichte, wird also irgendwie überleben, um Zeugnis abzulegen. Sein Schicksal, klagt er eingangs, wird irgendwo fernab in Europa besiegelt („Was habe ich mit Leuten in Oslo zu tun?“), er ahnt noch nicht, dass dessen Fluchtpunkt Lateinamerika sein wird. Eine vertrackte Konstruktion von Globalität! Die Stunde Null verpasst die zerrissene Bootsgemeinschaft irgendwo mitten im Atlantik. Ihre Passage ist wie eine Parenthese in der Historie, eine Zwischenzeit verschlagener Hoffnungen, aber ohne Zuversicht. Am Ziel hat Marcel Dalio einen großartigen Auftritt als unsicherer Patron, der sich den Opportunismus wie ein eleganten Lederhandschuh überstreift.

Am Drehbuch waren hochkarätige Autoren beteiligt, darunter Henri Jeanson, Jacques Companeez und Olivier Assayas' Vater Jacques Remy. Sie laden Situationen, Dialoge und Requisiten symbolisch auf (der sich drehende Dolch, der wie beim Kinderspiel auf den Verlierer zeigt, ist toll), die Charaktere vollziehen Kehrtwenden. Sie wechseln auch ständig zwischen Französisch und Deutsch mit dicken Akzenten – ich bin gespannt, wie das in der Synchronfassung klingt. Ein für die Zeit ungewohntes Element ist ein schwules Paar, um das verblüffende Rivalitäten entbrennen. Clément filmt das Ganze ziemlich kaltblütig, wie ein neugieriger Entomologe, der wenig Hoffnung in Läuterung oder auch nur Vergeltung setzt.

Die Spuren, die dieses übersehene Werk in der Filmgeschichte hinterließ, sind verblüffend. „Les Maudits“ nimmt zentrale Personenkonstellationen von Viscontis eigenen „Verdammten“ vorweg. Sein stilistischer Einfluss auf das Subgenre des U-Boot-Films war enorm. Die lange, akrobatische Kamerafahrt durch das Bootsinnere greifen Jost Vacano und Wolfgang Petersen fulminant in „Das Boot“ auf. Bei Clément und Alekan (bzw. dessen Kameraschwenker) ist sie indes mehr als ein Bravourstück, wenn sie Vidal vorauseilt, entdeckt sie nicht nur Raum und Mannschaft, sondern bleibt dabei auf seine Reaktion konzentriert. Die Einstellung eines Vorhangs, der im Todeskampf von den Ringen heruntergerissen wird, weist nicht von ungefähr auf die Duschszene in „Psycho“ voraus: Hitchcock war ein großer Bewunderer Cléments, den er für den besten Techniker unter den Regisseuren im europäischen Nachkriegskino hielt.

Clément war ein Tüftler, dem eine Einstellung gar nicht schwierig und kompliziert genug sein konnte. Er hatte den Ehrgeiz, den klaustrophobischsten und realistischsten U-Boot-Film zu drehen, wollte einschlägige Filme wie „We dive at dawn“ oder „Bestimmung Tokio“ an Authentizität überbieten. Das Dekor ließ er in den Studios von La Victorine in Nizza originalgetreu aus Holz nachbauen, 45 Meter lang und knapp zwei Meter hoch. In den Außenszenen fungierte die Cote d'Azur als glaubhaftes Double zuerst der französischen Atlantikküste und dann der südamerikanischen. Faszinierend ist das ungeheure Geschick, mit dem Clément das Meer filmt. Ein Vorspiel zu seinem Meisterwerk „Nur die Sonne war Zeuge“. Auf dem Wasser war diese Regisseur sichtlich in seinem Element, er lebte auf einem Hausboot (wenn mein Gedächtnis nicht trügt, ist es auch ein Schauplatz seines Psychothrillers „Das Haus unter den Bäumen“). Wie dramatisch er in „Das Boot der Verdammten“ die Unbeständigkeit des Meeres einfängt, ist bezwingend: Der Wellengang ist so unwägbar und verheerend wie die menschliche Natur.

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