Rewind: »Cabin Fever« (2002)

»Cabin Fever« (2002). © Tiberius Film / Filmwelt

»Cabin Fever« (2002). © Tiberius Film / Filmwelt

Rassistisch? Frauenfeindlich? Muss man das canceln – aus dem Repertoire nehmen? Wir versuchen es anders. In der Serie »Rewind« stellen wir Filme vor, die auf der Höhe ihrer Zeit waren – und heute wieder einen Nerv treffen

Das Virus ist tödlich im Kinodebüt von Eli Roth. Aber viel beunruhigender wirkt das Verhalten der Menschen im Kampf gegen die Infektion

»Cabin Fever« (USA, 2002). Regie: Eli Roth

Wenn der 2020 so viel geschaute »Contagion« für die hochwertige, aufgeklärte und menschenfreundliche Seite des Virenkinos steht, ist »Cabin Fever« sein dreckiger kleiner Antagonist – eine garstige Horrorgroteske, deren Studie in Egoismus und Rücksichtslosigkeit gleichwohl recht aktuell ist.

Schon der Vorspann deutet an, dass die folgenden 90 Minuten eher unangenehm werden: Die Schrift erscheint auf einem undefinierbar schmutzigen und verklebt wirkenden Hintergrund, darüber legt sich das rastlose Summen von Fliegen. Dieser Sound, der von Tod und Verwesung kündet, ist das akustische Leitmotiv von Eli Roths Regiedebüt aus dem Jahr 2002. Mit geringen, von privaten Geldgebern zusammengekratzten Mitteln produziert und dann an Lionsgate verkauft, entwickelte sich »Cabin Fever« zum Horrorüberraschungserfolg 2003 und spielte allein in diesem Jahr über 50 Millionen Dollar weltweit ein. 

Doch trotz des Kassenerfolgs und der Wertschätzung durch Größen wie Peter Jackson und Quentin Tarantino (»Eli Roth ist die Zukunft des Horrors«) nahm die Kritik das Werk weniger freundlich auf. Dumm, laut, eklig, albern, grobschlächtig, vulgär – so und ähnlich wurde geurteilt. Roth festigte seinen Ruf kurz darauf mit »Hostel« als Miterfinder des heftig umstrittenen Horrorsubgenres »Torture Porn«.

»Cabin Fever«, in mancherlei Hinsicht inspiriert von Genreklassikern der 70er und 80er Jahre wie »Evil Dead«, in anderer von einer von Eli Roth persönlich erlittenen infektiösen Hautkrankheit, weist einen reichlich simpel gestrickten, formelhaften Plot auf: Fünf adrette Collegestudenten wollen ihren Abschluss zelebrieren, indem sie in einer abgelegenen Waldhütte richtig einen draufmachen. Aus »Party, Pot und Poppen« (Werbezeile) wird jedoch im Handumdrehen »Krätze, Kotzen und Krepieren«. Die Gruppe aus dem Paar Jeff und Marcy, dem So-gut-wie-aber-nicht-so-richtig-Paar Karen und Paul und dem albernen Tunichtgut Bert macht zunächst unangenehme Bekanntschaft mit Hinterwäldlern und dann noch weit unangenehmere mit einem fleischfressenden Virus.

Es stimmt, dass »Cabin Fever« stereotype Figuren aufweist und oft auf schrägen, hin und wieder auch hemmungslos albernen Humor und Gore setzt statt auf Spannung und »echten« Horror. Der trashige Touch des Ganzen täuscht aber leicht darüber hinweg, dass der Film einen sehr klaren, illusionslosen Blick auf menschliche Eigenheiten wirft. Was da mit grobem Strich gezeichnet wird, ist nicht weniger als eine Studie hemmungsloser Selbstsucht im Angesicht von Gefahr, das wenig schmeichelhafte Porträt einer Spaßgesellschaft, wenn der Spaß vorbei ist.

Insofern lassen sich leicht Parallelen zur aktuellen Pandemie ziehen, in der auch immer wieder Egoismus und Rücksichtslosigkeit hervortreten, sei es beim Hamstern von Klopapier oder dem Desinfektionsmittelklau im Krankenhaus. Ironischerweise allerdings tritt der Egoismus aktuell am krassesten bei jenen hervor, die dem Virus mit geballter Ignoranz begegnen und sich und andere gefährden, wenn sie maskenlos, dafür aber gern mal Polonaise tanzend und heillos kreuz und quer denkend durch die Straßen ziehen. Auch eine Art von »Lagerkoller«.

»Cabin Fever« exerziert wie in einem gemeinen kleinen Laborexperiment durch, wie menschliche Beziehungen am Egoismus zerbrechen. Der Firnis von Zivilisation und Moral bekommt bereits Risse, als der tumbe Bert bei der Jagd auf Eichhörnchen auf einen Obdachlosen trifft, der offensichtlich an einer Hautkrankheit leidet. Als der ihn um Hilfe anfleht, gerät Bert in Panik und verjagt ihn mit der Waffe im Anschlag. Derselbe, jetzt noch viel kränker aussehende Typ steht später vor der Hütte der Jugendlichen und fleht abermals um Hilfe. Und schon gerät die Situation völlig aus dem Ruder, bald geht der Fremde in Flammen auf. Da mögen sich die jungen Leute noch so sehr einreden, es sei nur ein Unfall gewesen . . . Was sie nicht wissen: Der Sterbende stürzt in das Reservoir, aus dem das Trinkwasser ihrer Hütte kommt, und jeder, der von diesem Wasser trinkt, erkrankt ebenfalls. Einer von mehreren ausgestellten Nemesismomenten in einem Plot voll makabrer, zynischer Gerechtigkeit.

Das Virus – ein Bakteriophag, wie die Fans des Films meinen – lässt Haut und Fleisch in Fetzen vom Körper fallen, kehrt mithin das Innerste des Körpers nach außen – und legt auch das Innerste der Seele offen. Während einer nach dem anderen der netten jungen Leute erkrankt, eskaliert Argwohn zur Paranoia. Gemeinsame Sache macht man noch, als man die schwer kranke Karen in einen Schuppen schafft, um sie in Isolation dahinvegetieren zu lassen: »Ihr miesen Arschlöcher!« – »Wir wollen uns nicht anstecken . . .« Der Film ist umso unangenehmer, als das unbarmherzige Handeln so gut nachvollziehbar ist: Es geht um die blanke Angst vor dem Tod, mithin um Selbsterhaltungstrieb, und der kennt keine Freundschaft, keine Liebe. Die letzte gute Tat ist hier der Gnadenschuss für die Freundin.

Dass »Cabin Fever« aber bei allem Zynismus, allen blutig-bizarren Volten und einem betont geschmacklosen Humor einen sehr moralischen Kern hat, sieht man auch an einer geradezu sublimen Ironie des Geschehens: Niemand aus der Clique stirbt direkt am Virus. Der Mensch ist tödlicher als die Krankheit. Der bis zuletzt nicht infizierte Jeff, der sich schon euphorisch als einzigen Überlebenden feiert, stirbt schließlich im Kugelhagel der Polizei – was natürlich eine Verbeugung vor George Romeros »Night of the Living Dead« ist, in dem der tapfere schwarze Protagonist am Ende von einer weißen Bürgerwehr erschossen wird. Aber auch die skrupellosen Polizisten ereilt das Schicksal: Sie trinken von der leckeren Limonade, die zwei der Hinterwäldlerkinder aus dem verseuchten Wasser gemacht haben . . .

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