Pythons, Verdi, Gottesdienst

Kinos setzen auf »alternativen Content«
Vorstellung von »Dr. Who«

»Alternativer Content« heißt das in der Branche: Wenn im Kino keine Filme laufen, sondern Opern, Theateraufführungen oder sogar Ausstellungsfilme. Ob das die Kinos stärkt, ist noch nicht klar. Für Kulturinteressierte in abgelegenen Regionen ist es auf jeden Fall eine gute Sache

Die Schweißtropfen glitzern auf der Stirn des Piano-Solisten Christopher Park. In der Großaufnahme ist es deutlich zu sehen, vor allem mehrere Quadratmeter breit auf der Multiplex-Leinwand: Man spürt die Arbeit, die in der Musik steckt. Solche Detailbeobachtungen gehören zu den Vorteilen dabei, die Stuttgarter Symphoniker mit ihrem Rachmaninow-Klavierkonzert nicht in der wenige hundert Meter entfernten Konzerthalle, sondern im Kino anzuschauen. Der Ton allerdings ist leicht asynchron, die Boxen knarren bisweilen, und es fehlt völlig der Raumeindruck, den ein Orchester live vermittelt. Entsprechend ist der Kinosaal fast leer. Die wenigen zahlenden Besucher sind enttäuscht.

Walter Schirnik, der Intendant der Stuttgarter Symphoniker, verteidigt sich einige Tage später am Telefon. Schirnik gilt als guter Vermarkter, spricht gerne von seinen bisherigen Erfolgen und davon, dass er gerne »etwas mehr Rock ’n’ Roll in die Klassik bringen will«. Die unbefriedigende Kinoerfahrung schiebt er auf einen Fehler in der Technik, aber auch er gibt zu, dass eine Liveübertragung des Konzerts ins Kino nebenan – und nicht zum Beispiel in andere Städte – wahrscheinlich nicht die beste Idee war.

Das Klassik-im-Kino-Experiment der Stuttgarter Symphoniker steht im Zeichen eines Trends, der in der Branche gerne als »Alternativer Content« bezeichnet wird. Das kann alles und nichts heißen, bedeutet aber zurzeit meist Liveübertragungen von Theater- und Konzertinszenierungen renommierter Häuser aus der ganzen Welt.

Zahlen gibt es dazu nur wenige. Die letzte Studie zum Thema »Struktur deutscher Kinosäle« der Filmförderungsanstalt FFA ist drei Jahre alt, doch sie zeigt immerhin, dass schon damals über ein Viertel (27 Prozent) der deutschen Kinos regelmäßig »alternativen Content« anboten. Ein Anstieg um immerhin 18 Prozentpunkte gegenüber der davor durchgeführten Erhebung aus dem Jahr 2009, der sicherlich nicht zuletzt auch der steigenden Digitalisierungsrate zu verdanken ist. Im März 2014 meldeten Clasart Classic, die mit ihren Übertragungen aus der Metropolitan Opera aus New York zu den Pionieren des Geschäfts gehören, ihren millionsten Zuschauer im deutschsprachigen Raum. Mehr als 50 Produktionen der Met sind seit 2007 auf der Leinwand gelandet, in Deutschland sind 185 Kinos Lizenznehmer.

Symphoniker-Intendant Schirnik sagt, es sei ihm vor allem darum gegangen, sein Konzert »ein bisschen cooler« zu machen. Es ist interessant, dass ein Musikmann wie Schirnik die Gleichung auf diese Weise betrachtet und das Kino als einen Ort sieht, um die Klassikzuschauer zu verjüngen. Auf Seiten der Kinos nämlich blickt man zunächst genau in die andere Richtung. Die Konzerte der Met und ihrer Nachahmer wie dem National Theatre London, den Berliner Symphonikern oder dem Bolschoi Ballett locken ein älteres, gut situiertes Publikum in die Multiplexe, das sonst wahrscheinlich gar nicht ins Kino gehen würde. Dafür steht es, wie beim Theaterabo gelernt, für seine Livekonzerte jeden Monat treu an der Kinokasse. Martin Kramer, Geschäftsführer des Kinoverbands HDF, spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die Kinobetreiber auch Preise und Concession-Verkäufe anders ausrichten müssen. Tickets für eine Klassikübertragung kosten in der Regel zwischen 20 und 30 Euro. Und wenn Anna Netrebko auf der Leinwand in Verdis »Macbeth« singt, wagt kaum jemand, Popcorn zu knuspern.

Die Veranstaltungen scheinen den Zuschauern den Preis wert zu sein. Einige ziehen den Kinobesuch sogar vor. Bei den eingespielten Übertragungen aus New York oder London erstrahlt der Ton im Gegensatz zum Stuttgarter Experiment in kristallklarem 5.1. Die Besucherinnen und Besucher schätzen den Service, durch die Bildregie näher an den Künstlern zu sein und Details zu entdecken, die sie vor Ort nie sehen könnten. Die Kameras bleiben sogar angeschaltet, wenn der Vorhang geschlossen ist und erlauben so buchstäblich einen Blick hinter die Kulissen. Ganz abgesehen davon, dass ein monatlicher Flug nach England oder Manhattan ganz anders ins Geld gehen würde.

Wie erfolgreich die Klassikevents insgesamt sind und wie groß ihr Anteil am Umsatz ist, will niemand offen sagen. Welchen Anteil die Kinos an den Lizenzgebühren behalten dürfen, wird individuell ausgehandelt. Intern ist zu hören, dass die Rechnung zwar aufgeht, aber alternativer Content keine Goldgrube ist. Dennoch erweitert sich das Spektrum zusehends, und zumindest die Multiplex-Betreiber gehen davon aus, dass es das weiterhin tun wird. Zu den Klassikübertragungen gesellen sich Rock- und Popkonzerte, Filmpremieren, Fußballspiele, Comedy- und Serien-Specials und sogar Gottesdienste. Das British Museum beamte multimediale Liveführungen durch seine Pompeji-Ausstellung in 281 Kinos im ganzen Land und erreichte damit über sechs Monate hinweg fast 54 000 Zuschauer, darunter viele Schulklassen.

Das Kino wird von der Massenunterhaltungsfabrik zur Eventlocation. Der Ereignis­charakter ist wichtig. Er bündelt die Aufmerksamkeit auf besondere Termine. Das kann dann auch mal dafür sorgen, dass eine einzige Vorstellung von »Billy Elliott The Musical Live« am Ende des Wochenendes den ersten Platz auf der Box-Office-Liste besetzt, wie in Großbritannien geschehen.

Genau davor fürchten sich einige Kinobetreiber allerdings auch. Eventprogrammierung bedeutet zusätzlichen Aufwand, funktioniert nach anderen Regeln und zwingt sie, ihre über viele Jahrzehnte gelernte Routine zu durchbrechen. Ein Publikum, das kein Popcorn kauft, will auch anders umworben werden, was ein Umdenken im Marketing erfordert. Ein Saal, der mit einem mehrstündigen Opernevent bespielt wird, kann zur gleichen Zeit keinen Film zeigen. Noch funktioniert das Filmgeschäft aber gut genug, und die Hoffnung ist eher, dass Eventbesucherinnen und -besucher den Weg ins Kino wieder lernen und nach der Übertragung von »Der fliegende Holländer« aus der Royal Opera wiederkommen, um einen Arthouse-Film aus den Niederlanden zu sehen. Dass sich die Aufgabe von Kinos insgesamt wandeln könnte, darüber wird in großen Teilen der Branche notorisch ungerne nachgedacht.

Und doch spielen gerade die Liveübertragungen eine interessante neue Rolle im kulturellen Gesamtbetrieb. In kleineren Städten gelten sie Enthusiasten als neuer Zugang zu einem ansonsten schwachen Kulturangebot. In der »Kult Kinobar« im hessischen Bad Soden etwa füllen Vorstellungen der Royal Shakespeare Company, aber auch andere Events wie die jüngste Reunion der Monty-Python-Truppe in London regelmäßig das kleine 100-Sitze-Kino. »Nicht jede Stadt hat ein Opernhaus«, sagt Betreiber Sebastian Nagy, »die Leute wollen viel sehen, aber dafür nicht immer gleich nach Frankfurt oder sogar nach London reisen«. Insofern sehe er sich schon eine Art Kulturauftrag erfüllen.

In Großbritannien legte zuletzt eine Studie nahe, dass die Übertragungen des National Theatre sogar wieder für einen Zuwachs bei Theaterbesuchen insgesamt gesorgt haben könnte. »Je mehr man von dem guten Zeug hat, umso mehr will man davon haben«, kommentierte Peter Bazalgette, der Vorsitzende des Arts Council England, die Zahlen. Es scheint beinahe ironisch, dass ausgerechnet das Kino, das einst das Theater als Volksunterhaltung verdrängte, jetzt dabei hilft, ihm ein neues Ansehen zu geben.

Wenn das nur kein Zeichen ist, dass die nächste Verdrängung vor der Tür steht. Kino- und Kulturbetrieb versuchen gleichermaßen, sich ein neues Publikum zu erschließen. Doch während Kulturfreunde über 40 mittlerweile gut erreicht werden, tut man sich im Nachwuchssektor auf beiden Seiten weiterhin schwer. Der Anteil an Kinozuschauern unter 30, traditionell die größte Zielgruppe der Lichtspielhäuser, ist in Deutschland seit mehreren Jahren rückläufig. Die Frage »Wie lockt man die Generation Youtube wieder zurück ins Kino?« hat bisher noch niemand endgültig beantworten können. Das Einladen von Youtube-Stars zu Filmpremieren, wo diese auf dem roten Teppich für mehr Teenager-Kreischerei sorgen als die eigentlichen Schauspieler, ist ein Schritt. Die Übertragung dieser Premiere als Liveevent vor dem eigentlichen Film in Dutzende Kinos bundesweit könnte der nächste sein.

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