Interview: Lee Chang-dong über »Possible Love«
Lee Chang-dong am Set von »Possible Love« (2026). © Netflix
1954 im südkoreanischen Daegu geboren, arbeitete Lee als Lehrer und Schriftsteller, bevor er zum Film kam. Sein Regiedebüt gab er 1997 mit »Green Fish«. Für »Oasis« erhielt er 2002 den Regiepreis in Venedig, für »Poetry« 2010 den Drehbuchpreis in Cannes. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen »Secret Sunshine« (2007) und »Burning« (2018). Von 2003 bis 2004 war er Südkoreas Kulturminister. Seine Filme untersuchen soziale Ungleichheit und moralische Konflikte
Die Inspiration für »Possible Love« war eine reale Massenentlassung in Korea vor über zehn Jahren, die einen großen Streik und dessen gewaltsame Niederschlagung nach sich zog.
Lee Chang-dong: Dass die Ereignisse und ihre Folgen einen Film wert wären, war mir damals schon klar. Denn es ging nicht bloß um das Problem eines einzelnen Konzerns, sondern es war ein echter Wendepunkt. Die gesamte koreanische Gesellschaft veränderte sich nachhaltig. Anfangs war ich noch nicht davon überzeugt, dass ein Spielfilm der richtige Weg sei, sich des Themas anzunehmen. Aber inzwischen hat sich die Arbeitswelt auf der ganzen Welt rasant weiterverändert. Wir leben in einer Zeit, in der die Arbeit selbst zu verschwinden scheint. Es geht nicht nur darum, dass Menschen ihre Jobs verlieren. Weil für so viele Menschen ihre gesamte Selbstidentifikation an ihrer Arbeit hängt, verlieren sie auch sich selbst. Aber wie sich das als Film umsetzen ließ, klärte sich für mich erst, als mir meine Co-Autorin Oh Jung-mi vorschlug, diesen Stoff mit der Geschichte einer Regisseurin zu verknüpfen. Denn so konnte ich mir das Thema wirklich zu eigen machen.
Das eigentliche Zentrum des Films stellt nun die Beziehung zweier sehr unterschiedlicher Ehepaare dar. Sehen Sie »Possible Love« trotzdem als politischen Film?
Das hängt davon ab, wie man den Begriff des Politischen fasst. Weil der Film zeigt, wie leicht wirtschaftliche Probleme und ökonomische Ungleichheit einem Menschen sein Leben entreißen können, kann man ihn durchaus politisch nennen. Und natürlich erzählt er von Gewalt, und zwar nicht nur von der Staatsgewalt, die wir etwa in den Rückblenden zeigen, mit der Niederschlagung der Arbeiterproteste. Viel brutaler kann die unsichtbare Gewalt des längst übermächtigen Kapitals sein, nicht zuletzt wenn es – wie im Fall von Sang-woo im Film – ein sehr freundliches, menschliches Gesicht trägt. Ich hoffe, dass das Publikum das Politische im Zwischenmenschlichen erkennt.
Haben Sie den Eindruck, dass sich die Konflikte und die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Schichten in der koreanischen Gesellschaft weiter verschärfen?
Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist so rasant wie unaufhaltsam. Inzwischen ist die Kluft so groß geworden, dass Begriffe von früher, wie Klassenkampf oder Gesellschaftsspaltung, heute kaum noch Bedeutung haben. Es ist, als existierte die Macht des Kapitals nicht mehr in derselben Atmosphäre wie wir. Dazu kommt, dass sich diese übermächtige Kraft, die über das Leben gewöhnlicher Menschen entscheidet, an die technologische Revolution gekoppelt hat. So wie sich Mi-ok zum wohlhabenden Sang-woo hingezogen fühlt, der sie an den von ihr bewunderten Steve Jobs erinnert, begeistern sich die Menschen für diesen Bund aus Kapital und Technik. Sie hoffen, dass der unsere Probleme lösen und uns befreien kann. Dabei ist es leider sehr viel wahrscheinlicher, dass wir selbst als Individuen unter die Räder kommen und gar keine Rolle mehr spielen.









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