DVD-Tipp: »Sweet Movie« (1974)

»Sweet Movie« (1974). © Ostalgica/Transgressive Visions

© Ostalgica/Transgressive Visions

Dusan Makavejevs Skandalfilm Sweet Movie weltweit erstmals als 4k-Restaurierung.

Nichts weniger als ein Frontalangriff auf den Zuschauer ist dieser Film, auch noch 52 Jahre, nachdem er beim Festival von Cannes seine Premiere erlebte. In Deutschland kam er erst im Herbst 1975 in die Kinos, obwohl es sich um eine deutsche Coproduktion handelte; verboten wurde er in Großbritannien wie auch im Coproduktionsland Kanada und in Jugoslawien, dem Heimatland des Regisseurs, das ihn ein Jahr zuvor ausgebürgert hatte.

Mit »Sweet Movie« hob Dusan Makavejev seine filmische Umsetzung der Ideen von Wilhelm Reich auf eine neue Ebene, nachdem er sie 1971 mit »W. R. – Die Mysterien des Organismus« in den Mittelpunkt eines Films gestellt hatte, dabei aber durchaus an seine Kurzfilme in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre anknüpfen konnte: Der Sigmund-Freud-Schüler Reich hatte die sexuelle Unterdrückung als zentrales Merkmal des autoritären Charakters ausgemacht, der anfällig war für die Ideologie des Faschismus. Reich wurde im Zuge der 68er-Bewegung wiederentdeckt.

»Sweet Movie« beginnt als schrille Satire, wenn die Mutter von »Mr. Dollar« im Wettbewerb »Miss World 84« für ihren Sohn eine jungfräuliche Ehefrau finden will. Für die Siegerin Miss Kanada wird das zum Anfang einer Leidensgeschichte des Missbrauchs in den Händen verschiedenster Männer. Schließlich gerät sie an eine Gruppe von Menschen, die der kapitalistischen Ordnung ihr gelebtes Gegenmodell entgegensetzen. Dabei handelt es sich um die AAO-Kommune des Wiener Aktionskünstlers Otto Muehl, die die Ideen Reichs mit der damals populären Urschreitherapie von Arthur Janov und der Aktionskunst der Wiener Schule verband, die Muehl und seine Kollegen bereits in den sechziger Jahren in Form von Materialaktionen zelebriert hatten, in deren Mittelpunkt menschliche und tierische Körper standen.

In einer zentralen Sequenz des Films kommt das zusammen: Nahrungsaufnahme, Sex, Ausscheidungen. Damals schon schwer zu ertragen, wird es heute überlagert durch die Kenntnis dessen, dass Muehl 1991 wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. Das hat man auch im Kopf, wenn der Film eine andere Art sexueller Grenzüberschreitung zeigt, den Striptease vor und die Berührung von zehnjährigen Jungen durch die Figur Anna Planeta, die in einem zweiten Handlungsstrang mit einem Schiff (dessen Galionsfigur das Antlitz von Karl Marx trägt) durch die Grachten von Amsterdam schippert, um Revolutionäre und solche, die es werden sollen, an Bord zu nehmen. Den Satz »Die Revolution frisst ihre Kinder« nimmt der Film dabei fast wörtlich, auch wenn die allerletzte Szene des Films ihn relativiert. Dass die Jungs mit Süßigkeiten gelockt werden, findet seine Entsprechung in der kapitalistischen Welt mit dem Dreh eines obszönen Werbespots, für den Miss Kanadas Körper mit Schokolade überzogen wird – was man auch als ästhetische Variante von Muehls Körperaktionen lesen kann.

Eine dritte schwer erträgliche Sequenz dürften viele Zuschauer in ihrer Tragweite seinerzeit nicht begriffen haben: Dokumentarische Aufnahmen aus dem Film Im Wald von Katyn zeigen die Exhumierung von Leichen. In Katyn waren auf Geheiß des sowjetischen Geheimdienstes 1940 über 4000 polnische Offiziere ermordet worden. Lange wurde das den deutschen Faschisten zugeschrieben, erst 1990 wurde von Gorbatschow die sowjetische Schuld eingestanden, die westlichen Alliierten hatten es im Sinne der Anti-Hitler-Koalition verschwiegen.

Der Film fügt zusammen, was nicht zusammenpasst, auch darin liegt seine Herausforderung. Entstanden ist das auch durch die Drehumstände, die Improvisationen nötig machten, über die man im Booklettext einiges erfährt. Überhaupt kann sich das Bonusmaterial sehen lassen: In 105 Minuten gibt es einen gleichermaßen persönlichen wie analytischen Videoessay von Daniel Bird und ein Interview mit dem Cutter Yann Dedet (beide für diese Edition angefertigt); der 2019 verstorbene Regisseur kommt in einem Interview (1991) und in einem Publikumsgespräch (2011) zu Wort. Als Kuriosum gibt es zudem die um 28 Minuten gekürzte deutsche TV-Sendefassung.

 

 

VÖ: 9. September 2026

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