Kritik zu Liebhaberinnen
Mit minimalistischer Nüchternheit holt die junge Filmemacherin Koxi Elfriede Jelineks Roman in die Gegenwart: als bittersüße, absurdhumorvolle Adaption.
Es war der Roman, der Elfriede Jelinek 1975 den literarischen Durchbruch brachte: »Die Liebhaberinnen« gilt als unbarmherzige Analyse weiblicher Lebensrealitäten, die durch finanzielle Abhängigkeiten und damit oftmals auch durch die ökonomische Determiniertheit der Liebe charakterisiert sind. Die junge luxemburgische Filmemacherin Caroline Kox, die schlicht als Koxi bezeichnet wird, zeigt in ihrem Langfilmdebüt, wie gegenwärtig diese Thematik ist, und findet zugleich einen ironischen, absurd-humorvollen Zugang, in dem sich die Frauen das System zunutze machen – jedoch zu einem hohen Preis.
Brigitte (Johanna Wokalek) arbeitet als Messehostess, ein Job, für den sie eigentlich zu alt ist. In knappen, an Tenniskleidchen erinnernden Outfits preist sie Endzeitbunker an. Dabei muss sie sich von den Messebesuchern begrapschen, begaffen und verbal missbrauchen lassen. Ihre Kolleginnen sind jünger, ehrgeiziger und berechnender. Einst träumte Brigitte davon, etwas Besonderes zu sein. Jetzt schläft sie auf einer Yogamatte in ihrem Fitnessstudio, weil sie ihre Wohnung aus Geldsorgen untervermietet hat. Gelangweilt scrollt sie immer wieder durch Social Media und entdeckt dort die junge Paula (Hannah Schiller). Die lebt irgendwo auf dem Land und hofft, als Cam-Girl mit etwas unbeholfener Erotik zur Berühmtheit zu werden. An Männer mit Fetisch verkauft sie ihre abgeschnittenen Fingernägel und benutztes Badewasser.
Brigitte setzt derweil weiter auf körperliche und mentale Selbstoptimierung – und sie angelt sich sehr gezielt den jungen Heinz (Ben Münchow), ein reiches Muttersöhnchen voller Komplexe und mit großem Erbe. In seltsam theatralischen Sätzen und manierierten Gesten biedert sie sich bei ihm an. Mal geriert sie sich als aufmerksame Liebhaberin und Partnerin, mal als aufmüpfige Feministin. Vor ihrer Mutter (Victoria Trauttmansdorff) wahrt Brigitte stets den perfekten Schein. Die lässt sich selbst von ihrem Partner aushalten, verdankt ihm ein angenehmes Leben, ihre Tochter versorgt sie nur mit guten, sorglos vorgetragenen Lebensweisheiten. Und auch Paulas Mutter ist für das junge Mädchen keine Stütze, klammert sich vielmehr bedürftig an sie. Da ist keine mütterliche Unterstützung. Ebenso fehlt es insgesamt an weiblicher Solidarität, vielmehr sabotieren sich die Frauen noch durch Missgunst, Konkurrenzgehabe und Egoismus untereinander.
Koxi hat mit ihrem Co-Autor Antonio de Luca den mehr als fünfzig Jahre alten Stoff in die Gegenwart transferiert. Die junge Paula verkauft sich nicht als herkömmliche Prostituierte und prostituiert sich doch. Immer in hochformatiger Handyansicht ist sie zu sehen. Mit naiver Ernsthaftigkeit und kindlicher Euphorie gibt Hannah Schiller diese Paula. Wokaleks lakonisches Spiel greift den kargen, strukturalistischen Ton Jelineks perfekt auf. Koxi verklärt nicht, beschönigt nicht und erlöst auch nicht, vielmehr formuliert sie eine Sehnsucht nach gegenseitiger Unterstützung und ihrer Möglichkeit – ohne Pathos, aber mit einer gewissen hoffnungsvollen Empathie.






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