Kritik zu Call Me Queen
Als Aids hierzulande schon behandelbar war, starben in Afrika immer noch Millionen Menschen: In Emily Atefs Drama kämpft eine alleinerziehende Mutter in Nairobi mit ihrer Freundin gegen die Pharmaindustrie, um HIV-Infizierten den Zugang zu erschwinglichen Medikamenten zu ermöglichen.
Gegen Ende des zweiten Jahrtausends ist im Westen Aids dank neu entwickelter antiretroviraler Medikamente kein Thema mehr. In Afrika jedoch forderte das HIV-Virus nach wie vor Millionen Menschenleben. Dieser Spielfilm will die Entstehung jener Graswurzelbewegung afrikanischer Aktivisten beleuchten, die für bezahlbare HIV-Medikamente kämpften.
Schauplatz ist Kenias Hauptstadt Nairobi 1999. Im Zentrum stehen zwei dickköpfige Frauen: die Journalistin Anna und Queen aus Ruanda, die mit ihren beiden Kindern in den Slums von Nairobi lebt. Die selbstbewusste Frau mit dem Spitznamen »Rwandan Gold« überzeugt Anna, sie als Haushälterin einzustellen, und macht sich auch als Informantin unentbehrlich. Die beiden werden Freundinnen, und als bei Queen die Aidskrankheit ausbricht, kann Anna sie dank Geld und Beziehungen vor dem sicheren Tod retten. Angesichts der vielen elendig dahinsiechenden Menschen in ihrer Umgebung reift in Queen ein Plan. Sie versucht, andere Frauen dazu zu mobilisieren, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, und wird zur Anführerin einer nationalen Protestbewegung für billigere Medikamente.
Im Grunde läuft dieser Film, inspiriert von wahren Begebenheiten und Lara Santoros Roman »Mercy«, in zwei Geschwindigkeiten. Zum einen handelt er von der gelegentlich turbulenten Beziehung zwischen Anna, die ständig unter Dampf steht, und der eigenwilligen Queen, die um das Überleben ihrer Familie kämpft. Die eigentliche Mission aber, die Regisseurin Emily Atef mit ihrem in Nairobi mit vielen einheimischen Statisten gedrehten Film verfolgt, ist, das Bewusstsein für die globale Ungerechtigkeit beim Zugang zu Medikamenten zu wecken.
So wichtig diese Mission ist, so oberflächlich gerät ihre Umsetzung. Die Komplexität der globalen Machtstrukturen von Pharmaindustrie, WHO und Regierungen, das politische Tauziehen um Zölle, Patentschutz, Generika wird lediglich gestreift. Deutlicher wird die Erzählung in Bezug auf gesellschaftliche Strukturen, in denen HIVinfizierte Frauen aus Scham und Angst ihre Krankheit, die sie zu Ausgestoßenen macht, verschweigen. Dann wiederum wünscht man sich in der Schilderung von Queens Umfeld eine stärkere Vertiefung der Charaktere und Details, etwa im Hinblick auf Queens bewegtes Leben, und die Frage, warum in Subsahara vor allem Frauen von Aids betroffen sind.
Ein wichtiger Aspekt ist das Machtgefälle zwischen Weißen und Afrikanern. Es zeigt sich etwa in den Konfliktsituationen, in denen Queen – eine fiktive Figur, die symbolisch für politische Aktivistinnen steht – sich gegen Annas übergriffige Fürsorge wehrt. Dann wiederum ist Annas Engagement – etwa ihre unermüdlichen Versuche, ihren Chef für die Aidskrise zu interessieren – eben der Beweis für dieses Machtgefälle. Denn dank ihrer Artikel verschafft sie der Protestbewegung Öffentlichkeit. Tatsächlich, und auch das kommt ein wenig zu kurz, ist Subsahara immer noch die bei weitem am stärksten von der Aidsepidemie betroffene Weltregion, was jedoch international kaum noch Schlagzeilen macht.





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