Viaplay/Amazon: »The Irreversible«

»The Irreversible« (Serie, 2023). © Viaplay

© Viaplay

Nein, kein Gaspar-Noé-Remake, sondern eine portugiesische Noir-Serie, die Gesellschaftskritik im Krimigewand zeigt

Viele vermeintlich allgemeingültige Aussagen über Fernsehserien kranken daran, dass sie sich allein auf das US-Serienschaffen beziehen. Gründe dafür sind unter anderem Zugänglichkeit, Sprachbarrieren und individuelle Rezeptionsgewohnheiten. Produktionsländer wie Portugal geraten selten in den Blick. Eine Ausnahme bildet Oliver Fahles Beitrag über portugiesische Historienserien im Sammelband »TV Glokal«. Aus jüngerer Produktion stammt der Krimi-Sechsteiler »Irreversible«: Nach dem Mord an der 17-jährigen Luísa Silva übernimmt Pedro Sousa die Ermittlungen. Mit seiner Begutachtung des Auffindeorts, seinem Besuch im Leichenschauhaus und einem Zeugenaufruf im Zuge einer Pressekonferenz beginnt die Erzählung.

Nach dem Vorspann blendet Bruno Gascon, in Doppelfunktion als Autor und Regisseur beteiligt, einige Zeit zurück: Die Kindertherapeutin Júlia Mendes wird aus dem Schlaf gerissen. Ihre Klientin Sara ist tätlich geworden. Angeblich um ihre Freundin Luísa vor Anfeindungen ihrer Mitschüler zu schützen. Laut Sara sind Lehrer und Eltern unfähig, Luísa vor den Schikanen zu bewahren. Luísa selbst schweigt verstockt. Eigentlich waren die beiden engste Freundinnen. Doch Luísa scheint sich von Sara entfremdet zu haben, was diese nicht versteht und weshalb sie Luísa bedrängt. Das macht Sara zur Verdächtigen, als Luísa tot aufgefunden wird.

Die Psychotherapeutin ist zweifach in den Fall verwickelt. Sara ist ihre Klientin, zugleich berät sie die Polizei bei Ermittlungen, die Kinder und Jugendliche betreffen. Eine problematische Konstellation, die Bruno Gascon entwickelt. Laufend wird gegen die auch in Portugal geltende ärztliche Schweigepflicht verstoßen, ebenso gegen das Gebot, Kinder nur in Gegenwart ihrer Eltern zu vernehmen.

Ein zweiter Erzählstrang eröffnet sich durch die junge Mutter Rita Rodrigues, der von einer angeblichen Sozialarbeiterin ihr Kind entzogen wurde. Aber niemand kennt diese Sozialarbeiterin, die hinterlassene Telefonnummer gibt es nicht. Egal ob Sozialbehörde oder Polizei, Rita Rodrigues erfährt nur Zurückweisung. Sie verzweifelt, nimmt einen neuen Anlauf, verzweifelt erneut, verfällt beinahe wieder der Drogensucht. Dann findet sie heraus, dass einer anderen Mutter Ähnliches widerfahren ist.

Auch in dieser Parallelhandlung gibt es eine Unstimmigkeit. Die in Tränen aufgelöste Rita Rodrigues ruft den zuständigen Ermittler an und bittet abermals um Hilfe, lässt aber unerwähnt, dass die dubiose Sozialarbeiterin augenscheinlich nicht existiert und dass es einen zweiten, nahezu identischen Vorgang gibt. Somit liegt die Schuld für die Untätigkeit der Behörden bei Rodrigues. Die beabsichtigte Institutionenkritik verpufft.

Die Serie wird von Viaplay im portugiesischen Original mit deutschen Untertiteln ausgestrahlt. Die sind leicht zu verfolgen, denn Gascon hält die Dialoge knapp und lässt Pausen zu, wenn den allesamt schmerzerfüllten Figuren die Worte fehlen. In dieser Hinsicht vermag der Sechsteiler zu überzeugen. Ernsthafte Anliegen sollte man nicht zerplappern.

OmeU-Trailer

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt