Netflix: »Color Book«

englisch © Netflix

Eine andere Art von Odyssee: Ein trauernder Witwer möchte mit seinem jungen Sohn trotz aller Widrigkeiten zu einem Baseballspiel fahren

»Color Book«, das auf Festivals vielfach preisgekrönte Regiedebüt von David Fortune, gehört zu jener Sorte »kleiner« Independentfilme, die vor lauter Eventfilmen kaum noch den Weg in die deutschen Kinos finden und nur dank Streaming hierzulande überhaupt zu sehen sind – im Fall von »Color Book« mit zweijähriger Verspätung und ohne große Werbekampagne. Im Mittelpunkt stehen der Vater Lucky (William Catlett) und sein elfjähriger Sohn Mason (Jeremiah Daniels), der das Downsyndrom hat, was die Erzählung aber gar nicht betont. Auch die Tatsache, dass die beiden Afroamerikaner sind, ist hier eine Selbstverständlichkeit – und nur am Rande fällt auf, dass sämtliche Figuren des Films Schwarze sind und die einzige weiße Person lediglich als Passant auftaucht. Das ist ein atmosphärischer Kunstgriff, der ohne offensichtliche Identitätspolitik die Lebenswelt der Figuren etabliert.

Auch sonst zeigt David Fortune ein außerordentliches Gespür für das Alltägliche, für Beiläufigkeiten, aus denen sich ein Lebenskosmos entwickelt, den der deutsche Kameramann Nikolaus Summerer (»Dark«) in delikaten Schwarz-Weiß-Bildern mit naturalistischer Lyrik eingefangen hat. Vieles erschließt sich erst allmählich, ohne große Worte, in kleinen Gesten und Situationen. Die erste, intensive Szene etwa zeigt Mason im ruhigen Spiel mit seiner liebevollen Mutter, doch nur einen Schnitt später sieht man Vater und Sohn bei deren Beisetzung. Wie sie ums Leben kam, erfährt man erst später, auch dies gleichermaßen subtil wie berührend. Luckys Trauer ist in jeder seiner Bewegungen spürbar, doch um seines Sohnes willen darf er sich nicht darin verlieren. Man kann die sublime Leistung des noch wenig bekannten William Catlett in dieser Rolle kaum hoch genug loben. Zwischen ihm und dem gleichfalls bemerkenswerten Newcomer Jeremiah Daniels entwickelt sich eine Chemie, die dem Film eine Emotionalität jenseits vordergründiger Effekte verleiht.

Um seinem Sohn eine Freude zu machen, möchte Lucky mit ihm zu einem Baseballspiel nach Atlanta fahren – für den Jungen eine Premiere. Doch wenngleich die Stadt nicht allzu weit entfernt ist, gestaltet sich die Reise dorthin als ziemlich hindernisreich. Mehr muss hier nicht verraten werden, denn es geht in »Color Book« sowieso weniger um die Hürden der Reise als vielmehr um die sensible Schilderung einer Vater-Sohn-Beziehung zwischen Trauer und Optimismus. Es geht um die kleinen Dinge, um das genaue Hinschauen: Man beobachtet Lucky, den »Glücklichen«, und Mason, dessen Name gesprochen wie »My Son« klingt, beim Basteln und Zugfahren, in einem Diner und auf einem Schrottplatz. Alltagspoesie und Humanismus gehen hier Hand in Hand. Dazu passt auch, dass die beiden auf ihrer Reise nur freundlichen, gütigen Menschen begegnen. Nicht Drama ist hier der Antrieb, sondern Menschlichkeit. Und apropos Eventkino: Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass »Color Book« fast zeitgleich mit Christopher Nolans »Die Odyssee« veröffentlicht wurde. Denn um eine Art Odyssee geht es ja auch hier, nur unendlich viel leiser, feiner und berührender.

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