Kritik zu Strange River

© Salzgeber

Im Spielfilmdebüt des katalanischen Filmemachers Jaume Claret Muxart hadert ein Jugendlicher während des Familienurlaubs mit unerwiderter Liebe.

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Die Kamera rauscht am Blätterdickicht eines sommerlich grünen Waldes vorbei. Dann tauchen fünf Fahrradfahrer auf, die sich immer wieder gegenseitig überholen, »in zehn Kilometern halten wir zum Essen« ruft eine. Unverhofft dreht ein Jugendlicher aus der Gruppe den Kopf und blickt in die Kamera. So führt Jaume Claret Muxart den Protagonisten von »Strange River« ein. Der 16-jährige Dídac (Jan Monter Palau) ist mit seiner Familie im Sommer auf Fahrradtour. Die Donau entlang fahren Mutter Monika (Nausicaa Bonnín) und Vater Alexander (Francesco Wenz) mit den Söhnen Dídac, Biel (Bernat Solé Palau) und Guiu (Roc Colell Moncunill).

Dídacs direkter Blick in die Kamera lässt einen innehalten – und das ist gut so. Denn der Film isoliert seinen Protagonisten im weiteren Verlauf nicht, sondern betrachtet die Familie als lose Einheit. Dídacs intensiver Blick zu Beginn aber kreiert sofort Intimität mit dem Protagonisten. Die immer präsente Familie hingegen spiegelt wunderbar die Dynamik des Zelturlaubs. Privatsphäre? Fehlanzeige. Entweder ist mindestens einer seiner jüngeren Brüder mit im Zelt und stört ihn beim Lesen. Oder sein Vater überrascht ihn beim Masturbieren. Trotzdem findet Dídac immer wieder Zeit zum Träumen. Beim Baden sieht er plötzlich eine tauchende Figur. Vor dem Kontrast des dunkelgrünen Wassers leuchtet der nackte Körper regelrecht, die Kamera folgt ihm sanft und gleichzeitig dynamisch wie der Fluss. Später meint Dídac zu sehen, wie seine Mutter einen anderen Mann küsst.

Es liegt etwas in der Luft – oder vielmehr im Wasser. Auf derselben Tour lernte Monika ihre erste Liebe kennen, wie sie Dídac erzählt. »Ich hatte noch nie so etwas gefühlt.« Dann sei er verschwunden. Ihr Sohn trauert derweil der unerwiderten Liebe eines Jungen hinterher. Er sei diesem egal. »Das verstehst du nicht«, sagt er zu Monika. Diese studiert während des Familienurlaubs für eine Schauspielrolle in Hölderlins Der Tod des Empedokles. Eine Stelle aus dem Text fällt besonders auf: »Suche nicht den Mann, an dem dein Herz gehangen, denn er ist nicht mehr. Gehe, guter Jüngling.« Es ist einerseits ein Rat für den Umgang mit der verflossenen Liebe. Doch lässt sich die Passage auch auf Dídac beziehen. Er, der Jugendliche, verändert sich, ist nicht mehr Kind.

Der Film ist sehr gut darin, dieses Gefühl des Werdens, des Übergangs und auch der damit einhergehenden Sprachlosigkeit einzufangen. Zu den stärksten Szenen gehören diejenigen, in denen der mittlere Sohn Biel seinen älteren Bruder verstohlen, aber auch eindringlich betrachtet, als wäre er ihm plötzlich fremd. Dialog braucht es da keinen. Dass Dídac Jungs mag, ist gar nicht so sehr Thema – auch nicht für seine Eltern. Es ist einfach ein Fakt. Doch während es schön ist, dass die Familienkonstellation so genau erkundet wird, wünscht man sich an manchen Stellen einen klareren Fokus auf Dídac und dafür beispielsweise weniger ausschweifende Exkurse zu den architektonischen Interessen des Vaters. Schauspielerisch hätte Monter Palau das auf jeden Fall tragen können. So aber droht der Film immer wieder, sich allzu sehr im Fragmentarischen zu verlieren und dadurch an Tiefe einzubüßen. Die mysteriöse Figur aus dem Wasser aber taucht immer wieder auf und lässt Dídac schließlich doch noch eine Sommerromanze erleben – genau wie seine Mutter damals, vor 25 Jahren. Vielleicht versteht sie mehr, als er denkt.

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