Kritik zu Blue Moon

© Sony Pictures

Bühnenhaftes, altmodisches Drama um einen tragischen Musicaltexter – mit einem großartigen Ethan Hawke.

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Er ist ein klassischer Showmaker. Ein wenig verschlagen, schmierig sitzt er an der Bar, leicht gekrümmt, das schüttere Haar über die Halbglatze gekämmt. Er macht Zoten, setzt Pointen, rezitiert Filmzitate. Sein Gegenüber nutzt er als Stichwortgeber, manchmal als Sparringpartner, meistens als Publikum. Er beobachtet genau, ist niemals um eine Antwort verlegen und dabei zutiefst einsam, verletzlich, eine verlorene Seele. Regisseur Richard Linklater und Drehbuchautor Robert Kaplow widmen diesem Mann – dem Musicaltexter Lorenz »Larry« Hart (1895–1943) – ein theatrales Biopic, das ebenso eine Hommage an den guten, alten Broadway und als Parabel auf unser heutiges Showbiz zu lesen ist. Ethan Hawke gibt darin eine Paraderolle und wird durch einen brillanten Cast ergänzt – allen voran Andrew Scott als Richard Rodgers, der dafür auf der Berlinale 2025 den Silbernen Bären erhielt.

Es ist der 31. März 1943. Gerade hat das Musical »Oklahoma!« Premiere gefeiert, das erste Stück, das Larrys ehemaliger Partner, der Komponist Richard Rodgers, mit Oscar Hammerstein (Simon Delaney) geschaffen hat. Noch vor dem Schlussapplaus schleicht sich Larry aus dem Saal in die Bar des New Yorker Restaurants »Sardi’s«, voller Verachtung für die Oberflächlichkeit und den Kitsch des Musicals und doch in dem Wissen, dass es ein Erfolg werden wird. Bei der kühlen Begegnung von Larry mit Richard wenig später gibt er sich dennoch begeistert. Er weiß schließlich, wie das Geschäft läuft. Richard behandelt ihn mit mitleidiger Überheblichkeit und Genervtheit. Larry hat ein ernsthaftes Alkoholproblem, kämpft mit seiner Homosexualität und seinem Zynismus. Ein Sympath ist dieser Mann, der so geniale Texte wie »My Funny Valentine« und eben »Blue Moon« geschrieben hat, nicht. Neben dem Whiskey ist der Barkeeper (Bobby Cannavale) einer seiner besten Freunde und engsten Vertrauten. Außerdem schwärmt er für die junge Studentin Elisabeth (Margaret Qualley), sein Protegé. In freundschaftlicher und doch ungleicher Liebe sind sie einander verbunden, was Elisabeth nicht davon abhält, irgendwann mit Richard abzuziehen.

Linklater und Kaplow lassen ihre altmodisch anmutende Tragikomödie an einem einzigen Abend in der »Sardi’s Bar« spielen. Es ist Larrys Bühne. Kammerspielartig und doch pompös inszenieren sie ihn, fast bühnenhaft – mit theatralen Abgängen, etwa wenn Elisabeth eine Treppe hochschreitet. Schmerzhaft ist die Verlorenheit des Protagonisten. Einmal, da scheint sich seine Bühne zu teilen: Auf die eine Seite strömt das aufgekratzte Premierenpublikum, auf der anderen sitzt Larry verlassen an der Bar. Dialoggetrieben ist dieser Film, der auch von dem harten Showgeschäft erzählt, das sich in den 1940ern vielleicht noch etwas langsamer drehte, doch auch damals schon vom Erfolg getrieben war. Im vergangenen Jahr lief »Blue Moon« auf der Berlinale im Wettbewerb, verschwand dann in den USA nach kurzem Kinostart bei Amazon Prime und kommt nun hierzulande noch einmal ins Kino. Die große Leinwand hat dieser elegante, im leichten Ton erzählte Film unbedingt verdient.

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