Festival Marrakesch: Passt auf, schaut hin

»Nafi's Father« (2019)

»Nafi's Father« (2019)

Viele Stars kamen zum Festival von Marrakesch, dessen Wettbewerb von Aufbrüchen erzählte

Die gute Nachricht zuerst: Das 18. Internationale Filmfestival in Marrakesch war ein voller Erfolg. Von Harvey Keitel und Naomi Watts über Bertrand Tavernier und Geoffrey Rush bis hin zu Robert Redford und Bollywood-Idol Priyanka Chopra Jonas reisten die ganz Großen in die nordafrikanische Metropole. Die will ihre Jetset-Ambitionen nicht zuletzt mit diesem nationalen Großereignis untermauern. Und so gibt es vor dem pompös aufge­rüschten Palais des Congrès zur allabendlichen Galapremiere das Schaulaufen nationaler und internationaler Prominenz. Die wartenden Fans sind jedoch weniger auf Selfies oder Autogramme aus, sondern möchten ihre Stars lieber umarmen und küssen. Und diese lassen sich darauf ein, allen voran die Präsidentin der internationalen Jury Tilda Swinton.

Wie bei jedem redlichen Filmfestival ist jedoch auch in Marrakesch der obligatorische Glamour inzwischen vor allem Mittel zum cineastischen Zweck. Und das heißt in Marokko, die Menschen überhaupt ins Kino zu bekommen. Gerade einmal 1,5 Millionen Kinotickets werden pro Jahr gelöst, und das vor allem für Bollywood-Filme. Die Millionenstadt Marrakesch verfügt über nur drei Kinos. Und recht martialisch bewachte, abgesperrte Spielstätten trugen ein Übriges dazu bei, dass die Menschen vor Ort das Festival nur zögerlich annahmen, obschon die meisten Vorführungen für jedermann kostenlos zugänglich sind.

Christoph Terhechte, der 2018 die künstlerische Leitung des Festivals übernahm, trat an, das zu ändern und warb unermüdlich für sein Programm. Mit Erfolg: Die vormals oft leeren Säle präsentieren sich 2019 gut gefüllt. Nicht wenige machen Selfies am für sie exotischen Ort Kinosaal, telefonierten während der Vorführung oder verlassen sie zügig. Aber viele bleiben und sehen nicht nur Scorseses »The Irishman«, sondern auch die Debüts aus wirklich aller Welt, die den Wettbewerb bestreiten. Terhechte, der bis 2017 das Forum der Berlinale verantwortete, ist überzeugt, dass es »an jedem Ort der Welt für jede Art von Kino ein Publikum gibt«.

Hier sieht das Publikum im Wettbewerb vor allem Geschichten von auseinanderbrechenden Familien. Ob bedingt durch elterliche Trennung wie in Lee Jih-youngs südkoreanischem Beitrag »Scattered Night«, religiösen Fanatismus in Mamadou Dias »Nafi's Father« aus dem Senegal und Last Visit aus Saudi-Arabien oder die Krebserkrankung der australischen Teenagerin Milla in Shannon Murphys »Babyteeth« – die jungen Protagonisten müssen sich den Dämonen ihrer Eltern wie den eigenen stellen.

Es sind Geschichten vom Aufbruch, und sie stehen, bei aller ihnen innewohnenden Verzweiflung, in deutlichem Gegensatz zu der Melancholie der großen alten Meister. Für Bertrand Tavernier bestimmen die nicht gedrehten Filme ein Regie-Oeuvre im selben Maße wie die zustande gekommenen, und Robert Redford betont, es tue ihm leid, das sagen zu müssen, aber: »Wir leben in dunklen Zeiten.« Redford, der wie kein zweiter amerikanischer Superstar eine Brücke zwischen Mainstream und Filmkunst gebaut hat, will keine weiteren Filme machen. Gefragt, welchen Rat er Filmemachern geben möchte, sagt er: »Denselben, den ich allen Menschen geben möchte: Passt auf, gebt acht und schaut hin, auf alles, was euch umgibt.«

Im Wettbewerb lernen wir drei außerordentliche junge Frauen kennen, die genau das tun: Auf ihr Leben schauen und das der Väter, die sie schlussendlich verlassen werden: Mickey, Titelheldin in Annabelle Attanasios »Mickey and the Bear«, ringt mit dem opioidabhängigen Irakveteranen Hank, Nafi in »Nafi's Father« mit dem Imam Tierno. Wie diese beiden Männer verliert auch Justinio, ein indigener Hafenarbeiter in Maya da-Rins »Fever«, seine Tochter, hier an eine universitäre Laufbahn. Der Aufbruch dieser jungen Frauen ist so zwingend wie erfreulich leise erzählt. Kein »fishing for feminism« verkitscht ihre von Skepsis durchtränkte Stärke.

Den Hauptpreis der Jury erhält dann doch die Geschichte eines melancholischen alten Mannes. In Nicolás Rincón Gilles »Valley of Souls« macht sich der tiefgläubige José auf, um die Leichen seiner ermordeten Söhne zu bergen. Christoph Terhechte, und das ist die schlechte Nachricht, wird das Festival verlassen. Mögen seine Nachfolger eine ähnlich glückliche Hand mit dem Aufspüren von Filmen und dem Aktivieren des lokalen Publikums haben.

 

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