Kritik zu Noga
Der Dokumentarfilm begleitet die israelische Musikerin Noga Erez bei ihrer künstlerischen Arbeit und thematisiert zugleich, wie die politischen Debatten um den Nahostkrieg ihre Karriere begleiten.
»Meine Meinung ist zu komplex für einen Soundbite.« Die israelische Musikerin Noga Erez, in ihren oft sehr expliziten Songlyrics selten um Worte verlegen, bringt in diesem Moment ihr Dilemma präzise auf den Punkt. Sie fühlt sich von allen Seiten missverstanden. Den einen gilt sie als zu kritisch gegenüber der eigenen Regierung, den anderen reicht ihre Kritik nicht aus. Kaum spricht sie, wird sie vereinnahmt. Oder gleich gecancelt.
Genau hier setzt der Dokumentarfilm von Jono und Benjamin Bergmann an. Er interessiert sich kaum für den klassischen Aufstieg einer Popkünstlerin. Statt Stationen einer Karriere abzuhaken, begleitet er die 1989 geborene Noga Erez über mehrere Jahre in einer Phase, in der privates Glück, künstlerischer Ehrgeiz und politische Realität ständig ineinandergreifen. Die Dreharbeiten beginnen lange vor dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023. Dessen Folgen verändern zwangsläufig auch den Film.
Erez gehört längst zu den spannendsten Stimmen des internationalen Elektropop. Ihre Songs verbinden schroffe Beats mit eingängigen Hooks, Wut mit Witz und Lust am sprachlichen Spiel. Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner und Lebensgefährten Ori Rousso arbeitet sie an ihrem dritten Album »The Vandalist«, während ihre Beziehung Risse bekommt und die Erwartungen an ihre öffentliche Rolle immer größer werden. Konzerte, Interviews und Studiosessions wechseln sich mit erschöpfenden Gesprächen über Krieg, Boykottaufrufe und die Frage ab, ob Kunst überhaupt noch für sich selbst stehen darf. Die Bergmann-Brüder verzichten auf Experten, Archivblöcke und erklärende Offkommentare. Ihre Kamera bleibt dicht an den beiden Protagonisten. Sie beobachtet das gemeinsame Schreiben neuer Songs, Streitereien, Versöhnungen und stille Momente auf dem Sofa mit derselben Aufmerksamkeit wie euphorische Festivalauftritte. Dadurch entsteht das Gefühl, einem kreativen Prozess zuzusehen.
Der Film gliedert sich in Kapitel, die jeweils nach einem Song benannt sind. Die Titel spiegeln die jeweilige Lebensphase und gewinnen im Verlauf neue Bedeutungen. Manche Texte wirken im Rückblick beinahe prophetisch. Das verleiht Noga eine dramaturgische Geschlossenheit, ohne den offenen Charakter einer Langzeitbeobachtung einzuschränken. Das aus Wien stammende Regieduo begleitet eine Frau, die sich gegen Zuschreibungen wehrt und trotzdem weiß, dass sie ihnen nie ganz entkommt. Aus der Debatte über Identität, Herkunft und politische Erwartungen macht das Porträt keinen Schlagabtausch, sondern eine persönliche Erfahrung. Immer wieder geht es um die Freiheit, Widersprüche auszuhalten und die eigene Stimme gegen den Lärm der Gegenwart zu behaupten.
Wer Noga Erez bislang nicht kannte, entdeckt eine faszinierende Musikerin mit Haltung. Wer bereits Fan ist, lernt die Unsicherheit, Disziplin und Verletzlichkeit hinter der Bühnenfigur kennen. Noga ist deshalb weit mehr als ein Musikfilm. Er erzählt von der Zumutung, als Künstlerin permanent Stellung beziehen zu sollen, und von der Kraft, trotzdem weiter Songs zu schreiben. Am Ende steht sie auf der Bühne und erzählt, wie zahlreiche ihrer Konzerte gecancelt wurden. Nur weil sie Israelin ist. Auf einigen Festivals spielen sie und Ori in diesem Sommer dennoch. »Off the Radar« ist keine Option. Gut so.






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