Kritik zu Mein Leben – Ein Tanz

© Temperclayfilm

2016
Original-Titel: 
La Chana
Filmstart in Deutschland: 
28.09.2017
L: 
85 Min
FSK: 
keine Beschränkung

»La Chana« war ihr Künstlername: Lucija Stojevic nähert sich in ihrem Dokumentarfilm dem Geheimnis der ab­gebrochenen Karriere einer der in ihrer Zeit berühmtesten Flamenco-Tänzerinnen

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Wenn Antonia über Musik spricht, dann verwandelt sie sich komplett. Arme und ihre Finger schreiben grazile Bewegungen in die Luft. Ihre Füße entwickeln ein Eigenleben und schlagen ­einen schwindelerregend schnellen Flamenco-Takt an. Niemand musste ihr das beibringen. Hinhören auf die Klänge im Radio genügte der Autodidaktin. Dank ihrem ureigenen Stil, einem ausgeprägten Rhythmusgefühl und einer schwer zu beschreibenden Intensität avancierte die 1946 in Barcelona Geborene zum Star der Flamenco-Szene. Unter dem Künstlernamen »La Chana« tourte sie bis nach Südamerika und wurde Ende der 60er von Peter Sellers entdeckt, der ihr mit dem Auftritt in der ­britischen Komödie The Bobo eine Hollywoodkarriere ermöglichen wollte. Doch dazu kam es nicht.

In ihrem bemerkenswerten Langfilmdebüt erzählt die kroatische Regisseurin Lucija Stojevic die Geschichte hinter dieser Geschichte. »In der Kultur der Zigeuner«, so Antonia, »hat der Mann das Sagen.« Damit meint sie vor allem ihren nie namentlich genannten Exmann, den sie immer nur als »Vater meiner Tochter« bezeichnet. »Er war neidisch und sauer und wertete mich ab.« Deshalb musste sie zuweilen mit gebrochenen Rippen tanzen. Der Tanz bot ihr die einzige Möglichkeit zu entfliehen. Als störend empfand sie lediglich ihren Stammgast Salvador Dalí. Dessen Schmusekatze, ein Ozelot, fauchte nämlich immer, wenn die Tänzerin ihren Flamenco-Rhythmus so sehr forcierte, dass selbst die Gitarristen nicht mehr mitkamen.

Filmszenen und Fernsehmitschnitte aus den 70er und 80er Jahren führen lebhaft vor Augen, welch eine Naturgewalt »La Chana« war. Sie tanzte eigentlich gar nicht für den Applaus, sondern für den Tanz selbst. Für die Dauer des Auftritts konnte sie dem Zugriff ihres prügelnden Ehemannes entfliehen und ihr Schicksal zum Ausdruck bringen. Die ­Kastagnetten und der energische Hüftschwung: Mit diesem Dokumentarfilm beginnt man, Gitano-Romantik und das vermeintlich freie Leben ohne bürgerliche Zwänge mit etwas anderen Augen zu sehen und mit anderen Ohren zu hören. Man ahnt, dass die viel gepriesene »Leidenschaft« des Flamenco-Tanzes sublimierter Ausdruck einer für ­Frauen nicht sehr vorteilhaften Kultur ist.

Aus diesem Grund beugte Antonia Santiago Amador, so ihr bürgerlicher Name, sich seinerzeit auch dem Willen ihres Mannes. Sie ging nicht mit Peter Sellers nach Hollywood und hörte auf zu tanzen. Zum Dank ließ der Gatte sie nach sieben Jahren mittellos zurück. Mit damals 38 Jahren gelang ihr noch einmal ein Comeback. Nun sitzt sie mit ihrer Tochter in der Küche, kocht Paella und füttert ihr Schoßhündchen mit Hummer. Diese vermeintlichen Niederungen des Alltags erscheinen nicht als Gegensatz zur großen Geste des Flamencos. Am Ende begleitet der Film sie bei den Vorbereitungen zu einem letzten Auftritt, den die nunmehr 70-Jährige im Sitzen absolviert, weil ihre Knie nicht mehr mitmachen. Das Pu­blikum dankt es mit Standing Ovations, die man auch diesem großartigen Film spenden möchte.

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