Kritik zu London
Sebastian Brameshubers dokumentarisch anmutendes Roadmovie hat einen meditativen Rhythmus und gewinnt seine Spannung aus bewusster Langsamkeit und den philosophischen Dialogen zwischen Menschen im Auto.
Niemand ist eine Insel. Bobby, Hauptfigur in Sebastian Brameshubers Film »London«, hat sich der poetischen Formel des englischen Dichters John Donne in seinem Beziehungsleben verweigert. Der Pensionär Anfang siebzig hat keine Familie und keine Kinder, weil er stets die damit verbundene Verantwortung scheute. Bobby pendelt mit seinem Range Rover zwischen Wien und Salzburg, wo sein alter Freund Arthur nach einem Schlaganfall komatös in einer Klinik liegt. Um die Benzinkosten zu reduzieren, nimmt er Passagiere mit. Wie sich zeigt, steckt in dem erklärten Individualisten ein den Menschen zugewandter Humanist. Er hilft, wo er kann.
Zwei Stunden lang nehmen die Kameramänner Klemens Hufnagl und Patrick Wally Bobby und seine Mitreisenden auf. Mit ihnen redet er über Wehrdienst und Liebe, Familienleben, das Alter, Kino und Autobahnbrücken. Bobby Sommer spielt Bobby, und auch andere Akteure treten mit ihren realen Vornamen auf. So entsteht ein Kinowerk zwischen Dokumentation und Fiktion: Dokufiktion mit poetisch-philosophischen Untertönen. Brameshuber (Buch und Regie), 1981 in Gmunden geboren, wendet sich mit seinem Roadmovie an ein geduldiges Publikum ohne Empathie für die Kinderfrage »Wann sind wir endlich da?«. Der Film hat einen meditativen Rhythmus, gewinnt seine Spannung aus einer bewussten Langsamkeit. So spiegelt er Bobby, der mit Blick auf die Straße seine Gedanken und Fragen konzentriert, in großer Ruhe und in einem tastenden Duktus ausdrückt. Er kann schweigen und lange überlegen, während das Rauschen des Verkehrs oder die Scheibenwischer den Soundtrack des Films liefern.
Schauplatz ist vor allem das Auto. Szenische Zwischenstationen sind Parkplatz, Tankstelle, Pissoir und Imbiss. Manches erscheint banal und alltäglich, etwa das Gespräch über Süßspeisen mit einem Feinkostlehrling, der in einem Supermarkt arbeitet. Dann wieder offenbart sich ein Geschichtsstudent und Kommunist mit albanischen Wurzeln als Filmkritiker. James Camerons »Avatar – Aufbruch nach Pandora« ist für ihn »unabsichtlich ein marxistisches Meisterwerk«. Mit einer 24-jährigen Ukrainerin bespricht Bobby sein Singledasein und bekennt mit brüchiger Stimme, dass er vierzig Jahre keinen Kontakt mehr zu seinem Freund Arthur hatte. Das Bewusstsein, jetzt zu spät zu kommen, deutet er mit minimalistischem Mienenspiel an. Danach erklingt erstmals Musik: »Pale Blue Eyes« von The Velvet Underground.
Bobby Sommer ist das zentrale Kraftfeld des Films. Er bewegt Menschen dazu, sich zu öffnen. Der Wehrdienstleistende Paul äußert Zweifel an einem möglichen Kriegseinsatz. In den Dialogen gibt auch Bobby viel von sich preis: von seiner Zeit in London, der Rückkehr als langhaariger Gammler (in den Augen seines Vaters), der Vergangenheit als Musiker und der Begeisterung für Orson Welles und dessen Film »Der dritte Mann«. Mit dem Alter kommen Akzeptanz und Gelassenheit, versichert Bobby einer queeren Aktivistin aus dem ehemaligen Jugoslawien. Aber: »This is not endless, you know, this life.«





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