Kritik zu The Death of Robin Hood
Jenseits vom Sherwood Forest: Michael Sarnoski (»Pig«) unterzieht den Mythos vom Rächer der Witwen, Waisen und Enterbten einer bitteren Revision. Der Tod des strahlenden Helden ist nicht nur buchstäblich zu verstehen
Er kennt die verhängnisvolle Macht von Geschichten genau: Sie bringen Menschen dazu, schreckliche Dinge zu tun, aus denen dann weitere Geschichten entstehen. Dass diese Kette des Unheils nicht abbricht, hat er am eigenen Leib erfahren. Er ist von Narben übersät, die beredt Zeugnis ablegen von unzähligen Waffengängen.
Robin Hood (Hugh Jackman), so meint man zu Beginn, hat sein infernalisches Pensum längst absolviert. Aber auch im Alter muss er noch immer auf der Hut sein vor Wiedergängern aus seiner Vergangenheit, die Blutschulden einfordern. Sein Exil bringt er in einer kargen, abweisenden Berglandschaft zu, wo das Dasein an sich schon eine Form von Buße ist. Denn seine Geschichte trug sich ganz anders zu, als es die Folklore besagt. Er war kein Gesetzloser, der im Namen ausgleichender Gerechtigkeit raubte, sondern ein gedungener, blutdürstiger Mörder. Die »Merry Men« waren keine fröhliche Schar, sondern nur eine üble Rotte. Nie kam ihm ein Gebet über die Lippen; die Gottesfurcht des heimgekehrten Kreuzritters war eine Lüge. In Michael Sarnoskis Film zieht dieser Barbar die eigene Legende unerbittlich zur Rechenschaft.
Dann holt ihn brüsk seine Vergangenheit wieder ein. Little John (gespielt vom baumlangen Bill Skarsgård), der letzte Überlebende der alten Bande, bittet ihn um Hilfe. Gemeinsam sollen die einstigen Waffenbrüder seinen Hof zurückerobern, den er indes keineswegs rechtmäßig erworben hat. Ein Gemetzel bricht in Kaskaden los, das Kameramann Pat Scola abwechselnd in tiefe Nachtschwärze und lodernden Feuerschein taucht, sodass Mensch und Tier bald nicht mehr zu unterscheiden sind. Im ersten Teil seines Films erzählt Sarnoski den mittelalterlichen Überlebenskampf garstig als Naturgeschichte nach, in der Schäbigkeit und Niedertracht zu obsiegen scheinen.
Der Furor, mit dem Richard Lester den Mythos in »Robin und Marian« entzauberte, mutet demgegenüber nachgerade romantisch an (wenngleich Sarnoski zärtlich dessen elegische Schlusspointe zitiert). Weit engere Parallelen knüpft das Drehbuch vielmehr zur ersten Hälfte von Clint Eastwoods Endzeitwestern »Erbarmungslos«, aus dem auch Robins Registerarie der eigenen Schandtaten entlehnt sein dürfte: Er hat niemanden verschont, auch Frauen und Kinder nicht. Scham und Reue sind bei Sarnoski freilich ebenso wenig ausgeschlossen.
Dieser Regisseur trifft seine Hauptfiguren gern in einem Nachleben an. Wie der nun als Eremit lebende Chefkoch aus »Pig« und die krebskranke Dichterin aus »A Quiet Place: Tag Eins« west auch Robin im Abglanz früheren Ruhms. Das ist insgeheim stets die Präambel einer spirituellen Wiedergeburt: Ihnen ist eine Katharsis versprochen. Der schwer verletzte Robin erwacht unversehens in einer helleren, friedlicheren Welt. Little John hat ihn auf eine Insel gerettet, wo magische Kräfte wirken sollen. Brigid (Jodie Comer), die Oberin eines kleinen Klosters, die eine tragische Vorgeschichte hat, pflegt ihn hingebungsvoll. Unter ihrer Obhut werden Körper und Seelen repariert.
Mit dieser Begegnung tritt der Film in einen Zustand der Gnade ein. Sein Erzählgestus wandelt sich entschieden; das Faszinosum der Gewalt fällt von ihm ab. Der langsam genesende Barbar könnte den Weg der Läuterung beschreiten. Fällt es in dieser lichten, heiteren Zuflucht leichter, sich seinen Dämonen zu stellen? Das Leben hat auf einmal noch viel mit dem Todgeweihten vor. Er knüpft friedliche Beziehungen und trägt nun Verantwortung für die Zukunft: Er übernimmt die Fürsorge für Little Johns traumatisierte Tochter. Er lehrt sie, wie man einen Bogen spannt, und seine alte Waffe wird zu einem Sinnbild für das Gleichgewicht der Welt. Der Obsthain, um den er sich kümmern soll, weckt keine Erinnerung an den Sherwood Forest. An diesem Ort kann man Frieden schließen. Robins alter Erzfeind Guy von Gisbourne taucht wieder auf, in verblüffender Gestalt und mit ebensolcher Agenda. Die Altlasten wiegen schwer, aber aus unerwartetem Grund.






Kommentare
Gnade der Reflektion
Man muss sich „Robin und Marian“ anschauen, jenen Film mit Sean Connery und Andrew Hepburn, der 1976 lief, also vor 50 Jahren. Nur dann lässt sich m. E. „The Death of Robin Hood“ von 2026 verstehen. Okay, nicht ganz leicht, aber mit ein bisschen Recherche findet man ihn.
Und es lohnt sich, weil man dann sehen kann, dass und wie die Filmgeschichte und -kunst seitdem weitergekommen ist – auch wenn das, was jetzt über den legendären Bogenschützen auf die Leinwand projeziert wurde, keinen Anspruch im Sinne eines „non plus ultra“ hat.
Zugegeben, die erste halbe Stunde ist schwer erträglich – „Gewalt-Porno“ wurde die Handlung in Rezensionen genannt. Und in der Tat, viel länger wollte ich mir das auch nicht zugemutet haben wollen, einschließlich der Schreie, splitternden Knochen, verbrannten Körper, misshandelten Frauen und Kinder.
Muss dergleichen gezeigt werden? Nein, muss nicht. Wer dennoch einen Robin Hood sehen möchte, der viele Jahre nach den Kreuzzügen nach England zurückkehrt, desillusioniert ist und die in der Zwischenzeit um ihn im Volk entstandenen Legenden selbst nicht glaubt, dennoch aber auch das Kämpfen nicht verlernt hat – dies allerdings in abgeblendeten oder gänzlich ausgeblendeten, in jedem Fall aber verharmlosenden Szenen, in welchen wohl auch Blut fließt, jedoch keine Massaker zur Darstellung kommen – für den dürfte „Robin und Marian“ eine Alternative sein.
Gezeigt wird da ein Robin, der keineswegs sterben will, der am Ende jedoch vergiftet wird von seiner Geliebten (Marian), die den gemeinsamen Tod mit ihm wählt, um endlich Frieden zu haben. Ihr Geständnis – als gläubige Christin! – ihn „mehr zu lieben als Gott“, und sein Pfeil, den er als letzte Aktion in die Lüfte schießt, damit der – angekommen auf der Erde – ihr gemeinsames Grab markiere, ist bestimmt eindrucksvoll und ein gelungener Schluss, währenddessen der Film im Ganzen eher an die Karl May-Verfilmungen der 60er Jahre erinnert.
In „The Death of Robin Hood“ will – wie der Titel im Grunde schon andeutet – der Held sterben. Und außerdem ist er kein Held, sondern Raubmörder, ein grausamer obendrein. Nur sein alter Freund „Little John“ nötigt ihn zu einer letzten Schlacht, die er zwar gerade noch überlebt, indes schwerst verwundet. Doch als er mit Johns Hilfe in letzter Minute und mittels Ruderboot noch ein Insel-Kloster erreicht, dreht sich der Film, wie Gerhard Midding treffend formuliert, hin zu einem „Zustand der Gnade“.
Nicht wenige Kritiker meinen, eben diesem zweiten Teil fehle ein Sinn, die Geschichte versande im Nirgendwo. Widerspruch! Warum sollte einer, für den Töten Lebensinhalt war, nicht die Gnade der Reflektion erhalten? Wohlgemerkt ein Töten vor mehr als 800 Jahren, als solches Gebaren nicht nur bei „Gesetzlosen“ gang und gäbe war. Darüber hinaus eine Reflektion, abgeschieden und fernab jener Welt von Rache, Fluch und Auge um Auge? Eine „heile Welt“ ist das beileibe nicht, wie Herr Midding des Weiteren vermutet, auch werden Robins „Körper und Seele“ nicht „repariert“, wie er es aus selbiger Perspektive beobachtet zu haben glaubt, aber eines noch gelingt Robin Hood dort wirklich – wenngleich kein gutes Leben mehr. Dafür ist es zu spät – nicht aber dafür gut zu sterben! Und genau dies gelingt unter einfühlsamer Pflege der Nonne Brigid und ihrer Gemeinde, sowie durch die liebevolle Fürsorge Robins für „Little Margaret“, die kleine Tochter von „Little John“, die ihrer Hinschlachtung seinerzeit entkam und deren Kindheit mit seiner Hilfe noch einmal neu beginnt.
Und anders als noch in „Robin und Marian“, rechtfertigt Robin Hood in diesem Film auch keines seiner Verbrechen, was 1976 noch geschah, als er Massenmorde an Muslimen in Zusammenhang mit den Kreuzzügen – vornehmlich an Frauen und Kindern – noch mit seiner Königstreue für Richard Löwenherz zu erklären suchte.
Insgesamt, denke ich, stehen Legenden nie allein, alle ihre Fassungen wirken immer mit. Natürlich kann nicht jede Kinogängerin und jeder Kinobesucher immer alles und alle berücksichtigen, aber eine Filmansicht im Sinne von Rezeptions-Ästhetik wäre – speziell im vorliegenden Fall – sicher angebracht. Denn immerhin: Was das Ende von Robin Hood betrifft, erleben wir hier ein ebenso glaubhaftes wie nachdenkenswertes.
The Death of Robin Hood
Schade...
der Film selbst ist eine interessante Version.
Die Vertonung das Schlimmste was mgl ist.
Kopfschmerzen sind vorprogrammiert.
Wie kann man einen Film nur so zerstören...
The Death of Robin Hood
Ich habe absolut kein Verständnis dafür,welche Szenen in den ersten 30Minuten gezeigt werden. Ich hatte den Film ohne Vorkenntnisse vorgelegt bekommen und bin nicht der Meinung das allgemein solche Dinge den Weg auf die Leinwand finden sollten.Ich bin nicht zart besaitet,aber ich hab etwas dagegen wenn man Geschichten dermaßen in den Dreck ziehen muss,bloß weil man glaubt heute wäre alles legitim und künstlerisch wertvoll. Die Geschichte die angeblich erzählt werden wollte,wäre meines erachtens auch mit weniger Brutalität erzählbarbgewesen.Was ist eigentlich die Intention dahinter? Zuschauer abzustumpfen oder ihnen PTBS zu bescheren???
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