Glorious Technicolor: The Naked Spur und Niagara

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Es wallet und siedet und brauset und zischt, das Wasser, in dem sich die gequälte amerikanische Seele spiegelt: Der Kriegsheimkehrer, der alles verloren hat, der auf die falschen Frauen gesetzt hat und nun obsessiv ein spinnertes Ziel verfolgt. Einmal spielt James Stewart diesen neurotisch Traumatisierten, einmal Joseph Cotton – immer am Wildwasser entlang entfaltet sich die Handlung von The Naked Spur (Nackte Gewalt, Anthony Mann 1953) respektive Niagara (Henry Hathaway 1953).

 

Joseph Cotton ist depressiv, zwischen Melancholie und Raserei, und auch noch an Marilyn Monroe geraten, was diese offenbar inzwischen bereut. Hathaway inszeniert sie als erotische Sensation: sie schläft nackt, ihre helle, reine Haut leuchtet aus den weißen Laken, später sieht man sie duschen; ein erstaunliches Kleid trägt sie auch, kurz bis über die Knie, mit kräftigem Decolleté – würdest du so etwas tragen, fragt der biedere Amerikaner Ray Cutler seine Frau Polly – nein: Ich bin nicht der Kniescheiben-Typ. Doch diesen Erotik-Typus erweitert der Film um weitere Monroe-Facetten: die eiskalte Mörderin, oder die leidenschaftlich Liebende, zum Beispiel.

Liebe nur eben zum falschen Mann, Cotton ist zu kaputt; sie hat daran mitgearbeitet, am Kaputtmachen seiner Seele, wahrscheinlich auch ohne es zu wollen. Jetzt will sie ihn loswerden, an den Niagara-Fällen, zusammen mit ihrem lover. Die Cutlers aus dem Bungalow nebenan kommen leider in die Quere.

 

James Stewart wiederum jagt durch die Wildnis hinter einem Mörder her, gabelt unterwegs einen Trapper und einen Ex-Soldaten auf, die den Killer zusammen mit dessen Gefährtin Janet Leigh alsbald fassen – und ihn nun nach Kansas bringen müssen, durch die Rocky Mountains, den wilden Fluss entlang. Und der Killer entpuppt sich als Meister der Manipulation und der Psychospielchen: Intuitiv weiß er die Schwächen seiner Gegner zu deuten und auszunutzen, die Belohnung, die auf ihn ausgesetzt ist, das Gold, das der Trapper nie findet, das Mädchen, das der Soldat begehrt, und die Vergangenheit, die Stewart quält. Ein Western-Action-Psychothriller, der für die meisten nicht gut ausgeht; auch nicht für ein Dutzend Indianer, das zufällig den Weg kreuzt.

 

Intensive Spannung halten die Filme von Anfang an, auf den Ebenen der Action ebenso wie im Psychologischen. Und in beiden Filmen wird Technicolor nicht eingesetzt, um kräftige künstlerische, sprich künstliche, sprich außerweltliche Akzente zu setzen, sondern um - bei genauer, aber unaufdringlicher Farbdramaturgie – die Natürlichkeit der Bilder zu betonen, um damit den emotionalen Impakt zu verstärken.

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