Vorwärts nach Europa, raus aus Moskau!
Manche Filme sind wie Kassiber, die heimlich aus einem Gefängnis geschmuggelt werden. Das ist uns heute aus dem Iran oder anderen autokratisch regierten Ländern vertraut. Das Glück ihrer Sichtbarkeit ist nie ganz ungetrübt. Keiner weiß, wie groß die Dimension des Pechs ist, nie mehr an die Öffentlichkeit zu gelangen.
„Crystal Palace“ beispielsweise wäre vielleicht nie wieder entdeckt worden, wenn nicht vor zwei Jahren ein anonymer Wohltäter einen 2K-Scan von der vermutlich einzigen existierenden 35-mm-Kopie angefertigt und ihn ans Amherst College in Massachusetts geschickt hätte. Dort hatte der ukrainische Filmhistoriker Ivan Kozlenko gerade einen Lehrauftrag. Nur der Dekan des Colleges, erzählt er mir, kennt eventuell die Identität des Absenders. Sehr wahrscheinlich ist, dass die Kopie im Archiv des Gosfilmofond bei Moskau lagert. Da es sich um die ukrainische Original- und nicht um eine russische Synchronfassung handelt, wurde sie in der Sowjetunion nie verliehen, nachdem den Film der Bannstrahl der Zensur traf. Bei den „Berlinale Classics“ erlebte die Restaurierung, die von FIXAFILM in Polen finanziert und ausgeführt wurde, ihre Welturaufführung,
„Crystal Palce“ ist vielsprachig, wenn man genau hinschaut, entdeckt man an den Wänden Slogans in Esperanto und anderswo lateinische Inschriften. Die Schauspieler waren größtenteils Ukrainer, die Hauptdarstellerin indes eine Russin, die bewundernswert akzentfrei sprach. Ihr Partner, der den eigensinnigen Bildhauer spielt, fiel 1936 den stalinistischen Säuberungen zum Opfer. In der Handlung spiegelt sich die staatliche Auferlegung von Zwang, aber Lozenko ist gar nicht so sicher, ob die Filmemacher eine Allegorie auf die sowjetische Herrschaft während des Holodomor im Sinn hatten. „Die Dreharbeiten begannen zwei Jahre vor der Uraufführung im Herbst 1934“, berichtet er, „als gerade die Doktrin des Sozialistischen Realismus verkündet wurde. Aber niemand wusste, wie der auszusehen hatte. Sie experimentierten also mit neuen Formen und es war völlig ungewiss, was die Zensur davon halten würde. Eigentlich arbeiteten sie in ständiger Furcht. Ich denke, deshalb ist die Botschaft ihres Films auch etwas verschwommen.“
Die ukrainische Filmindustrie befand sich noch mitten im Aufbau. 926 war eine Schule für Kameraleute eingerichtet worden, die ein deutscher Szenenbildner leitete, Heinrich Beisenherz. Im Studio in Kiew gab es keine Produzenten, wohl aber Lektoren, die Drehbücher aufpolierten und bald auch entschärften. Vorerst jedoch existierten noch Freiräume. Da noch keine eindeutigen Richtlinien zum Sozialistischen Realismus aus Moskau kamen, bewahrten sich die Filmemacher der 1920er und 30er Jahre ihre Autonomie. Dieses Wort fällt immer wieder während unseres Gesprächs. Diese kulturelle und politische Eigenständigkeit währte laut Kozlenko bis 1939 - zwar nicht uneingeschränkt, aber doch weitgehend. Ein zentrales Medium dieser sprachlich-kulturellen Einheit war der Rundfunk. In „Crystal Palace“ spielt er allerdings eine zwiespältige Rolle: Der Sender, der ein Monopol auf die Berichterstattung vom Prozess gegen den vermeintlichen Ministermörder hat, dreht dem Angeklagten die Worte im Munde um und macht aus seinem Unschuldsplädoyer ein Geständnis. Wie der Film sich die Möglichkeiten des Tons erschließt, findet Kozlenko bestechend. Ich hebe die langen Kamerafahrten hervor. „Ja“, erwidert er, „aber wenn Sie darauf achten, merken Sie, dass die Figuren nie beim Gehen sprechen. Da war es noch nicht möglich, mit Originalton zu drehen. Jedoch fingen die Toningenieure an, eigene neuen Techniken zu erfinden.“
Wir kehren zurück zum Thema Autonomie. „Dabei gab es kein nationales Narrativ“, fährt er fort, „wohl aber eine Avantgarde, die ihre Filme in einer eigenen ethnographischen Tradition verwurzelte. Zugleich waren die Künstler extrem offen für europäische Einflüsse, sie studierten den deutschen Expressionismus und den italienischen Futurismus.“ Dieser intensive Austausch mit dem Westen folgte einem berühmten Motto dieser Zeit: „Forward to Europe, get out of Moscow!“ (Unser Gespräch fand auf Englisch statt.) So entstand ein genuin ukrainischer Filmstil. „Der Mann mit der Kamera“ von Dziga Vertov, davon ist Kozlenko überzeugt, hätte nirgendwo sonst in der Sowjetunion entstehen können. Oleksandr Dowschenko, der große Lyriker aus der Ukraine , vollzog den Aufbruch in die neue Zeit mit bodenständiger Poesie. „Erde“ ist fest verankert in regionalen Traditionen: eine Hymne an die Natur und die Tatkraft dörflicher Gemeinschaften. Dieser lokale Eigensinn wurde den ukrainischen Filmemachern später von Moskau brüsk ausgetrieben, wo man inzwischen klare Vorstellungen davon hatte, wie die sozialistische Gesellschaft auf der Leinwand auszusehen habe.
„Crystal Palace“ war auf diesem Weg ein prächtiger Stolperstein. Er ergänzt den Kanon der bedeutenden ukrainischen Filme, in dem er bisher fehlte. In Ivan Kozlenkos Vorlesungen in Amherst, die Sie auf Youtube.com sehen können, nimmt er immerhin bereits einen stolzen Platz ein. „Das große Problem besteht darin“, sagt er abschließend, „dass auch mehr als 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Geschichtsschreibung noch immer sehr auf Moskau zentriert ist.“ Nun hofft er, den Film noch auf weiteren Festivals präsentieren zu können. Ich muss an einen Satz denken, den mir Bernard Eisenschitz einmal als Widmung in sein Buch über die Tauwetterperioden im sowjetischen Kino schrieb: Man muss immer eine Gegengeschichte schreiben. Ivan Kozlenko lächelt, als ich seinen französischen Kollegen zitiere. Er weiß, wie recht er hat.



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