Der abenteuerliche Raum

Auf das Adjektiv im Titel von Valeska Grisebachs Film kann ich mir bislang noch keinen Reim machen. Er ist schließlich keine Rêverie und seine Protagonistin Veska keine Träumerin, sondern eine Heldin, die auf dem Boden der Wirklichkeit steht. Keine meiner KollegInnen scheint sich darüber zu wundern oder daran zu stören. Das spricht bestimmt für die Robustheit des Titels. Aber eine Erklärung, warum dieses Abenteuer geträumt sein soll, hätte ich doch gern.

In Interviews mit der Regisseurin fand ich sie bislang nicht. Dunja Bialas fragt auf artechok.de klug daran entlang – der Film spiele viel in der Nacht, habe dadurch etwas Traumhaftes, Phanasmagorisches – worauf Grisebach jedoch nicht eingeht. In ihrer munteren Kritik im Semptemberheft von epdFilm wiederum nennt es Alexandra Seitz immerhin „Veskas tatsächlich wie geträumtes, also eher unbewusst erlebtes Abenteuer“. Ganz zufrieden stellt mich auch diese Deutung nicht, aber sie führt auf eine interessante Spur.

Am Substantiv im Titel wiederum besteht überhaupt kein Zweifel. Für einmal geht es im deutschen Kino wirklich um ein Abenteuer und wird das Wort nicht als Synonym für eine erotische oder romantische Affäre benutzt. Die Archäologin, die zu Ausgrabungen in ihre Heimatstadt an der bulgarisch-türkisch-griechischen Grenze zurückkehrt, begibt sich in Gefahr. Sie muss aufpassen, nicht tiefer zu graben nach verborgenen Geheimnissen. Sie kommt als Außenseiterin zurück, einmal wird sie die „Europäerin“ genannt, worin sich ein solider Argwohn artikuliert. Ihr Blick ist aber auch der einer Regisseurin, der die bezeichnenden Details ins Auge fallen, die den Einheimischen nicht nicht der Rede wert wären. Er ist aufmerksam, bevor er wachsam werden muss.

In vieler Hinsicht knüpft Grisebach an ihren vorangegangenen Film „Western“ an, der ja ebenfalls in Bulgarien spielt (das ist noch mal ein ganz anderes Rätsel: Wie finden es wohl die hiesigen Filmförderungen, dass ihre Neugier nicht an deutschen Grenzen halt macht?) und die Genrebezeichnung seines Titels ganz ernst nimmt. Veskas zufällige Begegnung mit ihrem alten Freund Said erinnerte mich an eine jener archetypischen Szenen, in denen die Rancher in die Stadt kommen, um Vorräte einzukaufen. Auch die Konvention des vermeintlich unausweichlichen Duells, die Grisebach bereits im Vorgänger beschäftigte, spielt wieder eine verblüffende Rolle. Diesmal freilich erobert sich Grisebach auf ihre Weise ein anderes, klassisches Hollywoodgenre, den Gangsterfilm.

Es liegt etwas in der Luft an diesem Ort, der einst an der alten Seidenstraße lag. Nahe der Grenze werden undurchsichtige Geschäfte getätigt, Schmuggel, Schiebereien, vielleicht Menschenhandel. Die hiesige Mafia herrscht durch Gunst und Drohung. Was Veska hier schwant, lässt sich vorerst nicht genau bestimmen. Einmal schaut die Kamera einem brüsk aufgescheuchten Vogelschwarm nach, was mich unweigerlich an das Finale von „Bonnie & Clyde“ denken ließ. Das war ein voreilig, denn der Film überstürzt nichts. Er etabliert eine Atmosphäre, die eigentlich bedrohlich sein müsste. Zugleich herrscht aber eine tiefschürfende Geselligkeit, an der die aufgeschlossene Heldin umstandslos teilhaben kann. Das Drehbuch von Grisebach und Lisa Bierwirth steckt voller Kipppunkte, die man beinahe nicht bemerkt. Sein Gestus ist das Schwelen, die latente Gefahr. Aber daraus entwickelt der Film etwas faszinierend Anderes: eine Stimmung der Furchtlosigkeit, die von der Heldin ausgeht. Sie bewegt sich resolut auf diesem unwägbaren Terrain. Diese Eigenschaft ruht ganz selbstverständlich in ihr, weshalb sie nicht auffällig ausgestellt werden muss. Hier wären wir bei Alexandras oben zitierter Interpretation. Sie ist eine Figur der Zuversicht, der man sich anvertraut, sodass das Brenzlige beherrschbar scheint. Mithin eine resolute Traumwandlerin? Es ist ein eben auch nicht nur ein männlich dominierter Alltag. Die Frauen der Region sind beeindruckende Überlebende. Aus Veskas Offenheit entsteht ein schöner Zusammenklang von Biographie und Ambiente. Der schmale Grat ist ein Lebensweg. Dergleichen habe ich im deutschen Kino noch nicht erlebt.

 

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