Auf goldenem Boden
Eine der schönsten Schlussszenen der gesamten DEFA-Produktion spielt am Eselsbrunnen in Halle. Er ist ohnehin ziemlich sagenhaft. Ein Müller soll hier seinen Esel über ein Bett von Rosen geführt haben, das eigentlich für den König ausgebreitet wurde. Dieser nahm dann witterungsbedingt eine andere Route, was im Realsozialismus gewiss als dankbare Parabel durchging.
Gleichviel, in „Das Fahrrad“ von Evelyn Schmidt hat der Brunnen 1982 seinen großen Auftritt. Der Alte Markt, auf dem er steht, wirkt überraschend klein. Aber Marktplätze waren im Mittelalter wohl so überschaubar. Jenny, die Tochter der Protagonistin, umkreist ihn mit ihrem roten Rad. Es ist das erste Mal, dass sie das ohne Hilfe der Mutter schafft. Ausgelassen dreht sie ihre Runden, ein schöner Triumph des Gelingens. Das Rot ist der einzige kräftige Farbakzent in der gedämpften Palette des Films und unterstreicht, dass hier ein Aufbruch geschieht. Kurz zuvor hieß es im Dialog noch: Hauptsache, alles bleibt schön beim Alten.
Auf dem von der AfD geplanten Stolz-Pass würde sich der Brunnen gut machen. Er soll eine Art Rabattheft sein, mit dem Bürger beim Besuch historische Stätten einen Nachlass erhalten. Die Stempelkarte würde man wohl allein schon bei der Suche nach Drehorten prächtig füllen können. Auf einschlägigen Seiten wie filmtourismus.de schaut das alles recht heimelig aus. Märchen- und Kinderfilme fanden hier schon in DEFA-Zeiten goldenen Boden. Die zahlreichen Burgen lieferten ideale Drehorte für Mittelalter-Fantasy wie „Die Päpstin“ und „Der Medicus“. Das von der Partei bevorzugte 19. Jahrhundert, die Zeit der Nationswerdung, ist leider nicht so prominent vertreten. Und falls Sie in Coswig den Teich aus „Spur der Steine“ suchen sollten, in den Manfred Krug und seine Brigade springen, muss ich Sie vorwarnen: Er wurde seither zugeschüttet.
Im Harz herrscht eine besondere Dichte an begehrten Drehorten. George Clooney fand den Dom von Halberstadt perfekt für die Sequenz aus „Monuments Men“, in der belgische Priester versuchen, den Genter Altar vor den Nazis zu retten. Die Altstadt von Quedlinburg mit ihren über 1000 pittoresken Fachwerkhäusern doubelte beispielsweise in „Goethe!“ das historische Wetzlar und in „Heidi“ das alte Frankfurt am Main; in „Frantz“ darf sie sich selbst spielen. Die Ausreißer in „Tschick“ wiederum genießen den Ausblick von der Burg Regenstein und ziehen ihre Bilanz des „besten Sommers von allen.“ Der Landesteil prunkt mit Berglandschaften und markanten Felsformationen. In „Frantz“ erklimmt das verhinderte Liebespaar die berühmte Teufelsmauer bei Blankenburg und blickt über eine bukolische Flusslandschaft. Einheimische streiten darüber, ob Frank Beyer hier 1960 tatsächlich „Fünf Patronenhülsen“ drehte – die Szenerie soll nicht bei Weddersleben liegen, sondern in den Thekenbergen bei Westerhausen. So oder so, die dortigen Sandsteinfelsen waren zu dunkel, um als spanische Landschaft durchzugehen und mussten von einer Malerbrigade der DEFA weiß getüncht werden.
Es ist schon ein schmuckes Land. Schauen Sie sich nur einmal „Tschick“ von Fatih Akin an: Hier sind selbst die Talsperren schön. Es nimmt nicht wunder, dass Sachsen-Anhalt in der Datenbank der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM) über 300 Film- und Fernsehtitel auflistet, die hier seit 1998 gedreht wurden. Das sind fast so viele wie in Sachsen. Besonders stolz ist man natürlich auf den Erfolg von „In die Sonne schauen“, der in der Altmark entstand. Letzthin erhielt ich die Pressemitteilung, dass Anno Saul die Dreharbeiten zur Juli-Zeh-Verfilmung „Unter Menschen“ im Jerichower Land abgeschlossen hat.
Ich fragte bei der MDM an, wie besorgt man auf das Wahlergebnis am kommenden Sonntag blickt. Lennard Kröger-Petersen von der Presseabteilung antwortet mir mit gebotener Vorsicht und ausführlich: „Wie genau sich die politische Lage nach der Wahl entwickelt, weiß derzeit niemand seriös vorherzusagen. Was sich sagen lässt, ist, worauf der Erfolg des Filmstandorts Sachsen-Anhalt beruht: auf über Jahre gewachsenen Strukturen, auf verlässlichen und transparenten Förderregeln und auf einer eingespielten Zusammenarbeit zwischen Produktionsfirmen, Dienstleistern und uns als Fördereinrichtung. Diese Grundlage ist belastbar und verändert sich nicht kurzfristig.“ Auf meine Frage, welche Reaktionen von Produktionsfirmen vorherzusehen wären, schreibt er: „Dass die politische Entwicklung im Land aufmerksam verfolgt wird, liegt in der Natur einer Branche, die auf Planungssicherheit angewiesen ist. Finanzierungen und Standortentscheidungen werden oft Jahre im Voraus getroffen. Aber wir sehen gegenwärtig keinen Anlass, einen Rückzug von Produktionen zu prognostizieren.“
Meine Frage, welche Art von Filmen es unter einer möglichen AfD-Landesregierung künftig schwer haben könnten, war ihm zu spekulativ: „Unsere Förderentscheidungen richten sich nach festen, öffentlich einsehbaren Kriterien: künstlerische und wirtschaftliche Qualität sowie der Regionaleffekt für den Medienstandort. (…) Eine politisch-thematische Lenkung findet in unserem Verfahren nicht statt und ist auch künftig nicht vorgesehen.“ In der Tat bestätigt das Panorama der hier entstandenen Filme den Eindruck, man könne hier freihändig drehen. Die Idylle hat oft Widerhaken, es gibt häufig einen Kippmoment, von dem an sie einem nicht mehr ganz geheuer ist. Eine kleine Stegreifliste von Beispielen, die mit dem „Regierungsprogramm“ der AfD unvereinbar sind.
Die sympathische Zeichnung der alleinerziehenden Mutter in „Das Fahrrad“ läuft flagrant dem traditionelle Familienbild zuwider, bei dem biodeutsche Frauen so viel Kinder wie möglich gebären, aber gefälligst verheiratet sein sollen. Evelyn Schmidts Film wurde bereits 1982 heftig angefeindet (ein Tiefpunkt deutscher Filmkritik: der Rezensent von „Neues Deutschland“ fand die Hauptdarstellerin zu mager) – und was in der DDR anstößig war, ist in der Regel auch mit dem Weltbild dieser Partei unvereinbar. „Jerichow“ gehört ebenfalls auf diese glorreiche Mängelliste, allein schon wegen der dritten Hauptfigur, dem Türken Ali, der ein Imperium von Imbissbuden errichtet hat. Sein Geschäftssinn trotzt einer Welt, die ihn nicht haben will. Christian Petzold liest den Heimatfilm (der in seiner geschichtsvergessenen und ausgrenzenden Tradition ganz nach dem Gusto dieser Nationalisten sein dürfte) mit „The Postman always rings twice“ von James M. Cain gegen und hebt den rassistischen Aspekt der mörderischen Dreiecksgeschichte hervor. In „Monuments Men“ wiederum geht es um Raubkunst, ein Reizthema für die Partei, die der Provenienzforschung den Garaus machen möchte. Was Parteigänger der AfD schließlich von „Tschick“ zu halten haben, lässt sich nicht ganz eindeutig klären. Die Familienverhältnisse sind zerrüttet und die Phantasie des 14jährigen Maik ist ziemlich anarchisch. Dafür zeigen sich die ostdeutschen Landschaften von ihrer schönsten sommerlichen Seite. Die Titelfigur stammt aus Russland und will den Großvater besuchen. Der gekaperte Lada Niva mit Dieselmotor, in dem sie die Reise antreten, geht auch okay. Als Anschauungsmaterial für den von der AfD geplanten Schüleraustausch mit Russland taugt Fatih Akins Film nun aber doch nicht. Dazu hat er die Windräder einfach zu poetisch inszeniert.
Die hier gedrehten Filme liefern keinen Leitfaden fürs deutsch denken, aber geben viele Antworten darauf, was es heißt, deutsch zu sein. „Rose“ und „Frantz“ (in diesem Kontext wirkt das „t“ umso widerspenstiger) zeigen jeweils eine enge, verstockte Welt, in der kein Willkommen herrscht. Bei Markus Schleinzer wird sie von abweisenden und missgünstigen Bauern bevölkert. In Francois Ozons Film fängt die Argwohn vor dem Fremden schon mit dem Rezeptionisten an, der pikiert ist, dass sein neuer Hotelgast einen französischen Namen trägt. In der zugehörigen Wirtschaft „Zum Adler“ wird inbrünstig die „Wacht am Rhein“ gesungen. Beim Wiedersehen des Films musste ich an die Passage aus Steffen Kopetzkys „Harzreise“ denken, wo der Schriftsteller in Wernigerode ein Fest der AfD besucht, auf dem besoffene Burschenschaftler lauthals vom Expatriieren Fremder träumen. Bei Ozon gibt es Hoffnung, die weltanschauliche Engherzigkeit lasse sich überwinden; sie wird von den getrösteten Eltern verkörpert. Ich gebe es unumwunden zu: Mir gefällt der Gedanke, dass der schönste Film aus Sachsen-Anhalt von einem Franzosen gedreht wurde.
Und da wir gerade etwas zuversichtlich gestimmt sind, lassen Sie mich noch einmal Lennard Kröger-Petersen zitieren. Ihm erschien auch meine letzte Frage - wie realistisch die Möglichkeit sei, dass sich eine zukünftige Landesregierung aus der Filmförderung zurückzieht? - zu spekulativ. Aber er antwortete so ausführlich wie zuvor: „Die MDM wurde bewusst als Gemeinschaftseinrichtung von fünf Gesellschaftern konzipiert (den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie MDR und ZDF). Diese breite Trägerschaft (...) macht die Förderung gerade nicht von einem einzelnen Gesellschafter abhängig. Die Beteiligung der Länder ist vertraglich geregelt und Änderungen daran sind an feste Verfahren gebunden und nicht kurzfristig umsetzbar. Wir schauen nüchtern auf das, was in den letzten Jahrzehnten aufgebaut werden konnte und strukturell verankert ist. Und wir gehen davon aus, dass alle Gesellschafter auch weiterhin verantwortungsvoll mit diesem Wertschöpfungsgut umgehen. Denn es geht dabei um Beschäftigung, um wirtschaftliche Faktoren, nationale und internationale Sichtbarkeit und nicht zu vergessen, um die kulturelle Vielfalt unserer Region.“







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