Kirill Serebrennikov – Ein Porträt

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Kirill Serebrennikov am Set von »Leto« (2018). © Weltkino

Kirill Serebrennikov am Set von »Leto« (2018). © Weltkino

Kirill Serebrennikov steht unter ­Hausarrest. Könnte das politische Gründe haben? In seinem neuen Film Leto erzählt der russische Regisseur von einer musikalischen Revolte und fordert das Recht auf Ekstase ein

Neben dem in einem Arbeitslager eingesperrten ukrainischen Filmemacher Oleg Senzov, der kürzlich nach 144 Tagen seinen Hungerstreik beendete, ist der russische Theaterstar und Filmemacher Kirill Serebrennikov das derzeit prominenteste Opfer des Putin-Regimes in der Filmbranche. Im August 2017, während der Dreharbeiten zu seinem neuen Film »Leto« (Sommer), wurde Serebrennikov verhaftet. Schon vorher hatten die Behörden seinen Pass eingezogen. Er steht bis heute unter Hausarrest. Der Vorwurf lautet: Veruntreuung von Staatsgeldern. Es geht um 68 Millionen Rubel. Diese Anklage ist ebenso absurd wie das Urteil, Oleg Senzov sei ein ukrainischer Terrorist.

Warum aber hat Serebrennikov, der als Sohn eines jüdischen Vaters und einer ukrainischen Mutter am 7. September 1969 in Rostow am Don zur Welt kam, in Russland die Obrigkeit so gegen sich aufgebracht? Vielleicht spielt dabei eine Rolle, dass er im Ausland als Theaterregisseur hofiert wird, gut Englisch kann, sich als homosexueller Künstler outet und engagiert und sich gegen die Annexion der Krim aussprach.

»Der die Zeichen liest« (2016). © Neue Visionen Filmverleih

Provoziert hat er schon lange auch mit seinen Arbeiten im Theater und Film. In seinem vorletzten Film »Uchenik« (Student, 2016), der in Deutschland unter dem unglücklichen Titel »Der die Zeichen liest« herauskam, nervt ein junger Mann, Benjamin, seine Umwelt mit seinem religiösen Wahn. ­Permanent stellt er seiner alleinerziehenden Mutter, seinen Lehrerinnen und ­Mitschülern Fragen nach der Evolution und Gott. Er wettert gegen selbstbewusste Frauen, gegen Bikinis oder Sexualerziehung in der Schule. Im Namen des Herrn ist er um passende Bibelzitate nie verlegen; er predigt Enthaltsamkeit und Keuschheit. Im November 2016 holte der deutsche ­Verleih Serebrennikov nach Deutschland für Interviews. Als ich ihn nach dem steigenden Einfluss der russischen Kirchen befrage, antwortet er: »In Russland war man schon vor der Revolution wie besessen von der Kirche. Und die orthodoxe Kirche hat sich eigentlich ihre Macht, die sie nach der Revolution verloren hatte, zurückgeholt. Ich finde das nicht schrecklich, sondern nur traditionell russisch. Die Aufgabe der Intelligenzia besteht jedoch darin, dagegen zu kämpfen.«

»Uchenik« ist nicht der einzige bedeutende russische Film, der aktuell den Einfluss der Kirche thematisiert. Auch Andrey Zvyagintsev hat sich in seinen letzten beiden großartigen Werken »Leviathan« und »Loveless« an korrupten Priestern und von der Kirche kontrollierten Betrieben abgearbeitet. So traut sich in »Loveless« der in Scheidung lebende Ehemann nicht, seinem kirchlichen Arbeitgeber zu gestehen, dass er seine Frau verlassen hat. Dafür droht ihm die Kündigung. Aber Zvyagintsev kritisiert die Zustände in Russland nur in seinen Filmen. Er spricht kein Englisch, ist kein Weltbürger, in seiner Weltsicht mitunter durchaus auch konservativ und traditionell russisch. Außerdem gibt er keine kontroversen Interviews. Serebrennikov dagegen wirkte bis zu seiner Verhaftung stets furchtlos und äußerte sich viel politischer: »Viele ehemalige Priester waren KGB-Agenten, aber vor allem steht die Kirche für lukrative Geschäfte. Für viele Aktivitäten zahlt sie keine Steuern. Es geht um Macht und Geld.«

»Der die Zeichen liest« (2016). © Neue Visionen Filmverleih

Fast noch erschreckender ist ein weiterer wichtiger Aspekt von »Uchenik«. Während das überwiegend weibliche Schulpersonal beschwichtigt und viele Provokationen des jungen Mannes sogar hinnimmt, leistet die Biologielehrerin lange Widerstand. Sie ist Jüdin und bekommt den geballten Hass des jungen Fanatikers zu spüren. Auch auf die Frage nach dem aktuellen Antisemitismus antwortete Serebrennikov deutlich: »In meinem Ensemble am Gogol-Center spielt ein Schauspieler die Hauptrolle im Bühnenstück ›Kafka‹. Er ist jüdisch und heißt Steinberg. Ein Produzent wollte ihm eine Hauptrolle für eine Serie des staatlichen russischen Senders ›1. Kanal‹ geben. Aber der dortige Head of Production sagte nur: ›Glauben Sie wirklich, einer, der Steinberg heißt, kann in einer Serie des russischen Fernsehens mitspielen?‹ Und das passiert nicht in Hitlerdeutschland oder in der Stalinzeit. Das geschieht heute. Das ist offener Antisemitismus.«

Schon in seinem eigenen Theater im Gogol-Center in Moskau hatte Serebrennikov »Uchenik« inszeniert. Es ist eine russische ­Adaption des deutschen Bühnenstücks »Märtyrer« von Marius von Mayenburg. Ganz bewusst verlegte der Regisseur die Handlung im Film nach Kaliningrad, weil das einstige Königsberg heute zutiefst russisch und postsowjetisch wirkt. Mit »Uchenik« gelang dem Filmemacher Serebrennikov vor allem im Ausland sein erster Erfolg bei der Kritik, bei Cineasten und beim Verkauf. Die Zuschauerzahlen dagegen sind ernüchternd: nur 58 000 Kinobesucher in Russland, 17 000 in Frankreich, obwohl der Film in Cannes für Aufmerksamkeit sorgte. Und in Deutschland ging »Der die Zeichen liest« mit 4116 Zuschauern vollkommen unter.

Bis dahin hatten sich Serebrennikovs Filme eher durch Stilwillen und viele Genrewechsel ausgezeichnet. Aufsehen erregte er mit seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm. In »Izobrazhaja ­zhertvu« (Playing the Victim), der 2006 in Russland erschien und 2007 auf dem Festival in Rotterdam und bei GoEast in Wiesbaden aufgeführt wurde, geht es um einen ungewöhnlichen Statistenberuf: Valja stellt Morde und Verbrechen als Opfer für die Moskauer Polizei nach. Stoff genug für einen skurrilen, unterhaltsamen, aber nicht durchgängig gelungenen Film. Beeindruckend ist die Verspieltheit: der Wechsel von Bildformaten und die Verwendung von Animationssequenzen. Anstrengend dagegen sind eine gewisse Hysterie und Theatralik, vor allem, wenn sich Paare streiten.

Nur ein Jahr später folgte mit »Yurev den« (Yuri's Day) eine deutsch-russische Koproduktion, die in Deutschland nie zu sehen war. Die Geschichte um eine russische Opernsängerin, die auf dem Weg nach Deutschland noch einmal in einer russischen Kleinstadt strandet, lief zunächst in Locarno und gewann später auf dem Warschauer Filmfestival den Hauptpreis. Für die Hauptrolle konnte Serebrennikov immerhin Xenia Rappoport gewinnen, die vor allem durch Giuseppe Tornatores »Die Unbekannte« auch international bekannt ist. Sie spielt eine Operndiva, deren Sohn plötzlich verschwindet und die alles verliert: ihre Stimme, ihr Auto, den Ruhm. Am Ende arbeitet sie als Putzfrau und singt in einem Kirchenchor. Dieser Ausflug von Serebrennikov in die Untiefen der russischen Provinz ist von einem klassischen Realismus weit entfernt. Noch viel stilisierter ist sein folgender Film »Izmena« (Betrug), der 2012 beim Festival in Venedig aufgeführt wurde.

Franziska Petri spielt in dem Drama eine Ärztin, die ihrem Patienten klarmacht, seine Frau betrüge ihn mit ihrem Mann. Die Protagonisten tragen keine Namen, sind nur »sie« und »er«. Schnell gehen die betrogenen Partner eine komplizierte Beziehung ein, sind jedoch in einem Hotelzimmer nicht fähig, miteinander zu schlafen. »Sie« kann nicht, fängt an zu weinen. »Er« ist in seiner männlichen Eitelkeit gekränkt und geht auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Zunächst hören sie nur, wie ein weiteres Pärchen wilden Sex hat. Dann sieht man »seine« Ehefrau über die Balkonbrüstung gelehnt beim Akt. Kurze Zeit später liegen die beiden Betrüger und Liebenden nackt umschlungen und tot vor dem Hotel: Balkonsturz. Doch damit ist dieser rätselhafte Film noch lange nicht vorbei.

»Izmena« wirkt oft sehr künstlich, schrammt stets hart an der Grenze zum Kunstgewerbe entlang. Es ist ein hoch stilisierter, sehr kalter Film, der sich im russischen Ambiente einer nicht näher definierten Kleinstadt um Universalität bemüht. Auch »Izmena« fand keinen deutschen Verleih. Generell wird Kirill Serebrennikov bei uns vor allem als Theaterregisseur wahrgenommen und vom Feuilleton gefeiert. Er inszenierte Theaterstücke und Opern an mehreren deutschen Häusern, unter anderem an der Komischen Oper in Berlin und in Stuttgart. Dort sollte im Herbst 2017 auch seine eigenwillige Version von »Hänsel und Gretel« Premiere feiern. Die beiden berühmtesten Kinder des Grimmschen Märchenkanons stammen bei Serebrennikov jedoch aus Ruanda – wo Serebrennikov im ­Frühjahr zur Vorbereitung eine Dokumentation gedreht hatte – und sind Flüchtlinge; im Wald des Konsums werden sie durch den Kapitalismus verführt. Beenden konnte Serebrennikov seine Inszenierung nicht mehr. Die Verhaftung im August kam dazwischen. Der Leiter des Gogol-Centers kann auch an seinem Haus nicht mehr inszenieren, das wie eine Insel der liberalen, aufgeklärten Intelligenzia Moskaus erscheint. Man finanziert sich vor allem durch die Ticketverkäufe und zieht nicht nur den Zorn der Behörden auf sich, wie Serebrennikov darlegt: »Nikita Michalkow wettert gegen mein Theater, bezeichnet es als ›unrussisch‹, war aber nie dort. Es ist ­nicht gut angesehen, ins Gogol-Center zu kommen.«

»Leto«, Serebrennikovs in bestechendem Schwarzweiß gedrehte, wunderschöne Erzählung vom Beginn der Rockmusik in der Sowjet­union, war immerhin zu drei Vierteln abgedreht, als die Behörden zuschlugen. Zwei wichtige Szenen standen noch aus. Eine war schon geprobt, die andere inszenierte Serebrennikov mit Anleitungen per Video. Von seinem Anwalt bekam der Regisseur eine Festplatte mit allen Aufnahmen, den Schnitt besorgte er dann in seiner Wohnung. Das Endergebnis ist eine wirkliche Überraschung im Werk von ­Serebrennikov. Der Film erinnert an die Musiker Viktor Tsoi, der mit der Band »Kino« später zum Star wurde, und an seinen Weggefährten und Konkurrenten Mike Naumenko. Beide lieben dieselbe Frau, nur ist sie bereits mit Mike verheiratet. Gespielt wird sie von Irina Starshenbaum, bekannt etwa aus dem russischen Blockbuster »Prityazhenie« (Attraction) von Fjodor Bondartschuk.

»Leto« funktioniert auf vielen Ebenen. Es ist eine melancholisch-amüsante Zeitreise in das Leningrad von 1981, als Jugendliche bei öffentlichen Rockkonzerten sitzen mussten und Ekstase streng verboten war. In diese Stimmung hinein inszeniert Serebrennikov eine fiktive Revolte, eine Explosion der Menge im Club. Bis einer ein Plakat hochhält: All das ist so nicht passiert. Das Gegenteil des amerikanischen »based on a true story« also. »Leto« ist aber nicht nur Sittengemälde und eine viel sinnlichere Version von Alexej German jr's ebenfalls schwarzweißer Künstlerstudie »Dovlatov« (die in diesem Jahr im Wettbewerb der Berlinale lief), sondern auch ein wunderbarer, lauter Musikfilm, der mit kleinen optisch-akustischen Kabinettstückchen aufwartet. So sieht man im Stil der Musikvideos der 80er Jahre eine hinreißende russische Coverversion von »Psycho Killer« von den Talking Heads. »Leto« macht Spaß und ist vielleicht Serebrennikovs erster wirklicher Unterhaltungsfilm, schön subversiv durchsetzt mit einigen Lieblingsthemen des Regisseurs. Das kommt nie idealistisch oder verklärend daher, sondern pendelt zwischen liebevoller und desillusionierter Hommage. In Cannes durfte der Regisseur nicht dabei sein, dafür ehrten ihn seine Schauspieler und Produzenten.

Obwohl Serebrennikov unter Hausarrest steht, lief »Leto« im Juni auf über 1 000 Leinwänden in den russischen Kinos. Angesichts der Popularität von Viktor Tsoi hätte man auf einen Blockbuster hoffen können. Aber mehr als 360 000 Zuschauer und ein Einspiel von 1,7 Millionen Dollar sind es nicht geworden. Es ist dennoch der bisher größte Erfolg von Serebrennikov als Filmemacher in seiner Heimat.

Und was sagte Serebrennikov über Serebrennikov so treffend vor zwei Jahren in einem Berliner Hotel im Prenzlauer Berg? »Ich beschwere mich nicht. Wenn ich keinen Widerspruch spüre, ist das für mich unbefriedigend. Ich bin ein unabhängiger russischer Künstler.«

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