Kritik zu Moscas – Fliegen und andere Gäste

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Der Mexikaner Fernando Eimbcke erzählt in atmosphärischem Schwarz-Weiß von der Freundschaft, die sich unerwartet zwischen einer Witwe und einem Jungen entspinnt, dessen Mutter nach einer Chemotherapie im Koma liegt.

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Mit dem Kuss ist es um Olga geschehen. Er kommt unerwartet und dauert lang. Erst will sie ihn abwehren, aber jetzt kehrt für ein paar Augenblicke in den Film eine Stille ein, in der nur ihr Atmen zu hören ist. Es hat eine besondere Bewandtnis mit diesem Kuss, in ihm zeigt sich eine Zärtlichkeit; wie man sie im Kino gemeinhin nicht erwartet.

Die Witwe Olga (Teresita Sánchez) fürchtet, dass sie Fieber hat. Der neunjährige Cristian (Bastián Escobar), den sie widerwillig bei sich aufgenommen hat, kann das Thermometer nicht reparieren. Nun erinnert sich der aufgeweckte Junge an die Methode, die ihm seine Mutter beigebracht hat, um erhöhte Temperatur zu messen: Er presst seine Lippen auf Olgas Stirn – und kann seine Gastgeberin alsbald beruhigen. Bis zu diesem Moment – er geschieht in der 73. Minute des Films – hat sich der mexikanische Regisseur Fernando Eimbcke viel Zeit mit der Annäherung der zwei gegensätzlichen Charaktere gelassen. Aber nun ist endgültig ein Band zwischen ihnen geknüpft. In Windeseile entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen, die im Zeichen des Verlustes steht.

Bislang führte Olga in ihrer Wohnung ein abgeschiedenes Dasein, brachte ihre Tage in einem streng kontrollierten Einerlei zu. Da sie Geld für eine Operation braucht, zu der ihr die Podologin dringend geraten hat, vermietet sie das freie Zimmer an Angehörige von Krankenhauspatienten. Cristian und sein Vater Tulio (Hugo Ramírez) suchen händeringend eine Unterkunft in der Großstadt, wo sich Cristians Mutter einer Chemotherapie unterziehen muss. Die zwei sind ein liebevolles Gespann, wofür die ruppig auftretende Wirtin indes vorerst keinen Blick hat. Dann muss der Vater eilig zurück nach Hause, wo ein Job auf ihn wartet. Das Geld ist knapp; der Neunjährige bleibt nun auf sich allein gestellt.

Von den ersten Filmsekunden an, da schon im Schwarzbild eine Fliege enervierend brummt und sich letztlich nur mit drakonischen Maßnahmen zum Schweigen bringen lässt, wird klar, dass Olga keine Gesellschaft sucht. Das ist zudem der Auftakt eines außerordentlich präzisen Tonfilms. Der Plural seines Titels lässt keinen Zweifel, dass sie Cristian ebenfalls als Plage empfindet (was der deutsche Zusatz etwas freundlicher deutet). Fürwahr, der Racker ist aufgedreht und rastlos. Sein Spieltrieb ist unerschöpflich; vor allem das Videogame »Cosmic Defender« hat es ihm angetan. Er hat nicht das geringste Talent, sich zu langweilen. Da er als Kind nicht ins Krankenzimmer der Mutter gelassen wird, schließt er Freundschaft mit einem Pfleger und bezirzt die Pförtnerinnen des Hospitals. Sein Charme ist beträchtlich, aber er fruchtet nicht. Nach dem Kuss, der Olgas verdrängte Mutterliebe weckt, verschwören die beiden sich, damit der Junge endlich seine Mission erfüllen kann, der Mutter ihre Pantoffeln unters Krankenbett zu stellen.

Der Abstand, der sich zwischen den zwei Hauptfiguren wandelt, ist auch eine ästhetische Kategorie dieses in atmosphärischem Schwarz-Weiß gehaltenen Films, der auf der Berlinale mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde. Es ist schlicht meisterlich, wie Eimbckes Inszenierung zwischen extremen Totalen und bezeichnenden Nahaufnahmen wechselt; auch die Einstellungsgrößen mittendrin beherrscht der Regisseur und Co-Editor großartig. Mit dem genauen Gespür für die Distanz geht eine Sensibilität im Tonfall einher. Das furchtbare Trauma, das Olga einst erlitten hat, deutet Eimbcke lediglich taktvoll an. Die Prüfungen, die dem patenten Jungen bevorstehen, setzt er ebenso diskret in Szene. Dabei wirkt es nie wie ein Stilbruch, wenn Eimbcke Momente des Magischen Realismus in den Erzählfluss einflicht. Das Videospiel steht hier Pate; es gerät indes nicht allein zur Metapher, sondern wird zum Instrument, sich in die Gefühlswelt des Jungen einzufühlen. Bald stellt sich heraus, dass »Cosmic Defender« auch eine traurige lebensgeschichtliche Bedeutung für die Witwe hat. Olga und Cris tun sich zusammen, damit ihr Schutzbefohlener endlich den Titel des Champions erringt. Wie sie ihren Triumph daheim mit einer fulminanten Tanzeinlage feiern, ist emotional so aufgeladen wie der Kuss, der zuvor die Temperatur ihrer außergewöhnlichen Freundschaft nahm.

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