Venedig: Löwen, Schuld und Sprengkraft

»Wild Horse Nine« (2026). © Searchlight Pictures

»Wild Horse Nine« (2026). © Searchlight Pictures

Kurz vor der Preisverleihung der Filmfestspiele Venedig ragen vier Werke aus einem durchwachsenen Wettbewerb heraus. Vor allem der Dokumentarfilm »Naza« entfaltet politische Sprengkraft

Wenn am Samstag die 83. Internationalen Filmfestspiele in Venedig zu Ende gehen, ließe sich angesichts manches enttäuschenden oder unbefriedigenden Films im Wettbewerb ein durchaus durchwachsenes Urteil ziehen. Doch umso deutlicher stachen die Höhepunkte in der Hauptreihe des Festivals hervor und empfahlen sich so der von US-Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal geleiteten Jury, die in diesem Jahr über den Goldenen Löwen und die übrigen Preise entscheidet.

Am Donnerstag hatte sich diesbezüglich noch ein Film in Stellung gebracht, der sich in jeder Hinsicht vom Rest des Wettbewerbs absetzte. »Naza« ist nicht nur die einzige dokumentarische Arbeit in der Hauptsektion, sondern auch ein Werk von solcher Wucht und – auch politischer – Sprengkraft, die in diesem Jahr ihresgleichen sucht. Denn Yuval Abraham und Rachel Szor, die schon zum Regieteam des Oscar-Gewinners »No Other Land« gehörten, haben für ihren Film mit 24 IDF-Soldat*innen und Militär-Mitarbeiter*innen gesprochen, die in erschütternder Ausführlichkeit darlegen, wie Israels Führung seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 den Tod palästinensischer Zivilist*innen nicht nur in Kauf nimmt, sondern gezielt plant.

Nichts, was man in »Naza« erfährt, ist neu, geschweige denn Propaganda; alle Fakten und Aussagen wurden in Kooperation mit dem britischen Guardian und den israelischen Investigativ-Medien +972 Magazine und Local Call recherchiert und veröffentlicht. Doch die Ausführlichkeit und Ruhe, mit der die Befragten hier – häufig, aber nicht immer in Kombination mit Reue oder Schuldgefühlen – Einblicke geben in die Überwachung und Tötung Tausender Palästinenser*innen durch den systematischen Einsatz von KI, Drohnen und Flächenbombardement, schockieren nachhaltig.

Fast könnte man einen Bogen schlagen von diesem dringlichen Dokumentarfilm zum ersten Film, der in Venedig einen Glanzpunkt gesetzt hatte, schließlich erzählt auch Martin McDonagh in »Wild Horse Nine« von verdeckten Geheimdienstoperationen mit weitreichenden internationalen Folgen. Wobei der irische Regisseur John Malkovich und Sam Rockwell 1973 als CIA-Agenten auf die Osterinsel schickt, wo die beiden weniger angesichts des bevorstehenden Putsches in Chile, aber vor allem einer unheilbaren Krebserkrankung auch mit dem eigenen Lebensweg konfrontiert werden. Einmal mehr gelingt McDonagh ein Blick auf eine ungewöhnliche Männerfreundschaft und Fragen nach Schuld und Reue, der so schwarzhumorig wie bitter-melancholisch ist. Und nicht zuletzt Malkovich empfiehlt sich nicht nur für eine Oscar-Nominierung, sondern auch einen möglichen Preis auf dem Lido.

Das Ringen mit der Schuld und der Vergangenheit steht auch in »Kvinde, ukendt« von May el-Toukhy im Mittelpunkt. Die ägyptisch-stämmige Dänin siedelt ihre Geschichte 1945 in Kopenhagen an. Die Besatzung durch die Deutschen ist beendet und die Zeichen stehen auf Neuanfang, doch zum Aufräumen der Vergangenheit gehört auch das Aufspüren von Kollaborateuren. Protagonistin Marie (Mathilde Arcel), erst Hausmädchen und nun Verlobte eines verwitweten Fabrikanten, muss fürchten, dass ihr zum Trauma gewordenes Geheimnis enttarnt wird. El-Toukhy verhandelt Geschichte nicht zuletzt im Kontext des weiblichen Körpers, und wie sie das gleichermaßen mit spürbarer Wut und doch strenger Zurückgenommenheit tut, ist so klug wie bewegend, auch dank der subtilen Meisterleistung ihrer Hauptdarstellerin.

Ebenfalls zum erlesenen Kreis der Filme, die auf dem Lido für weitreichende Begeisterung sorgten und nun als Favoriten für die Preisverleihung gehandelt werden, gehört »Possible Love« von Lee Chang-dong. Mit viel Ruhe, Bedacht und naturalistischer Kameraarbeit erzählt er anhand zweier Ehepaare von Klassenunterschieden und den Nachwehen einer Massenentlassung, so menschlich und klug, dass es trotz einer Länge von fast drei Stunden nicht langweilig ist. Sollte die Jury sich scheuen, mit einem Goldenen Löwen für »Naza« auch ein politisches Statement zu setzen, dürfte das Werk des Koreaners, das von gesellschaftlichen Realitäten so sehr handelt wie von der Liebe, eine gute Alternative sein.

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