Neuigkeiten von der anderen Seite des Harz

Den gestrigen Welttag des Bartes habe ich ohne nennenswerte Gefühlsaufwallung erlebt. Allerdings habe ich mir Gedanken über Vollbärte gemacht. Nicht jeder hat das dazu passende Gesicht, wie mir die Klientel der noch immer zahlreichen Barbershops in meiner Berliner Nachbarschaft täglich vor Augen führt. Dass hingegen Aljoscha Stadelmann seine Gesichtsbehaarung prächtig steht, davon konnte man sich abends in der diesjährigen Folge von „Harter Brocken“ überzeugen.

Wobei ich in diesem Zusammenhang nicht verheimlichen will, dass mich eine Kollegin, der ich die ARD-Serie empfohlen hatte, bereits im letzten Jahr auf einen bemerkenswerten Widerspruch hinwies: Wie kann es sein, dass ich die gestutzten Vollbärte in „One Battle After Another“ faschistisch fände, den des Dorfpolizisten Frank Koops jedoch anmutig? Stadelmanns erster Auftritt in „Die Versuchung“ mag eine Antwort darauf liefern:Er hat die Statur dafür. Tatsächlich sieht man seinen massigen Oberkörper ausnahmsweise mal unbekleidet. Er liegt noch im Bett, wo er eine gewiss köstliche Liebesnacht mit seiner neuen Freundin Nadja (Christina Große) verbracht hat, einer hervorragenden Köchin, die ihm jetzt Beignets serviert und mit ihren Zukunftsplänen überrascht. Koops würde vorerst lieber mit ihr ins Kino gehen und „Hondo“ anschauen. In St. Andreasberg wurde nämlich unlängst eine alte Turnhalle zu einem Lichtspieltheater umgebaut. So unwahrscheinlich es auch sein mag, dass in einem Dorf im Harz ein alter Western von John Farrow gezeigt wird, so plausibel ist es doch, dass Koops neben John Wayne auch Geraldine Page als Hauptdarstellerin nennen kann. Bestimmt kennt er den schönen Beschützerwestern aus dem eff eff.

Überhaupt hat sich seit dem letzten Jahr einiges getan in Koops Revier. Sein Freund Heiner plant, seine wackere Kollegin Mette mit allen Schikanen zu heiraten, während sie die Feier lieber romantischer und im engsten Kreis begehen würde. Das Hotel „Sonnenhof“ ist zwar nicht neu, taucht aber meines Erachtens zum ersten Mal auf. Es hat seine besten Zeiten sogar schon hinter sich, was seinem Namen in diesem nebelverhangenen Herbstkrimi einen ironischen Klang gibt. Besitzer ist Nadjas Bruder Uwe, der es so weit heruntergewirtschaftet hat, dass er in der ersten Szene Selbstmord begehen will. Das Vorhaben wird durch einen Unfall vereitelt, den zwei Drogenkuriere aus Holland verursacht haben. Ich mag es immer gern, wenn in Geschichten das Endgültige vom Banalen durchkreuzt wird. Die Fügung ist also auch in dieser Folge wieder einmal sehr einfallsreich. Uwe entdeckt das in Eimern mit Spachtelmasse versteckte Kokain. Der zweite Koch des „Sonnenhof“ ist auf Bewährung, unterhält aber nach wie vor gute Kontakte zur Unterwelt von Hannover. Mithin macht sich Uwe keine Sorgen mehr um seine Schulden, sondern träumt von Millionen.

St Andreasberg avanciert wiederum zum Nabel der kriminellen Welt (in der ARD-Mediathek bis zum 3. 9. 2027). Eine schöne Konvention der Serie ist, dass vom Zufall begünstigte Amateure sogleich auf kaltblütige Profis treffen. Die beiden Kuriere, die den Unfall arg lädiert überlebt haben, gehören eindeutig zum ersten Lager. Aber „Harter Brocken“ hat uns bereits in den ersten neun Episoden gelehrt, dass auch die Überforderten verbissen sein können. Selbstironie („Und ich dachte schon, ich wäre der einzige Loser.“) steht ihnen ebenfalls zu Gebot. Aus Holland reist eine Vertreterin des zweiten Lagers an, eine angebliche Disponentin der Transportfirma an, die den schönen Namen Fleur de Jong trägt und glaubt, den Dorfpolizisten mit ihrem Charme einlullen zu können. Dagegen ist die Spürnase natürlich gefeit – welches Unternehmen treibt schon solchen Aufwand nur wegen 18 Eimern Spachtelmasse? Und fürwahr, mit Fleur ist nicht gut Kirschen essen. Sie genießt es, am Schalldämpfer zu riechen, nachdem sie einen der zwei Tölpel kurzerhand erschossen hat.

Bislang galt in der Serie die alte Hitchcock-Regel, dass ein Krimi um so besser wird, je stärker der Schurke ist. Koops gerät in der Regel an weltläufig-doppelzüngige Schurkinnen. Hier hat Julia Koschitz in der ersten Folge bereits die Messlatte hoch angelegt (sie bei ihrem zweiten Auftritt in „Der Bankraub“ indes nicht mehr ganz erreicht), um dann von Luna Wendler in „Der Goldrausch“ (siehe „Nobody's fool“ vom 29. 1. 2024) glorreich übertrumpft zu werden. Isabel Berghout erreicht als Fleur nicht ganz dieses Format. Sie hat allerdings auch zu wenige Szenen mit Koops, um seine Gemütsruhe zu erschüttern. Ihr homerisches Lachen bei der finalen Konfrontation ist immerhin ein Glanzpunkt. Ansonsten eignet dieser Folge eine bemerkenswerte Melancholie, denn Koops Welt scheint ein wenig in Auflösung begriffen zu sein. Dass die Rolle des findigen Postboten Heiner vor einem Jahr umbesetzt wurde, habe ich immer noch nicht ganz verwunden. Die Serie ebenso wenig. Jakob Benkhofer ist bisher kein vollgültiger Ersatz für Moritz Führmann. „Die Versuchung“ gibt ihm wenig Handhabe, der Figur eigenes Charisma zu geben. Die Intrige ist viel zu verwickelt, als dass Koops die Muße hätte, mit seinem Freund in der Dorfkneipe Halma zu spielen. Immerhin wollen die Zwei am Schluss zusammen ins Kino gehen. Hoffentlich in ein lehrreiches Buddy-Movie.

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