Kritik zu Von Scham und Geld
Seine ersten beiden Spielfilme, »Babai« und »Exil«, stellten Beziehungen zwischen Deutschland und dem Kosovo her. Jetzt ist Visar Morina nach Pristina zurückgekehrt und entwirft das Bild eines Landes, das unter rasantem ökonomischem Wandel ächzt. Dafür gab es einen Großen Preis beim Sundance-Festival.
Ich brauche Geld«, lautet der erste Satz. Während Hatixhe die Kühe melkt, tritt ihr Schwager an sie heran. Sie solle mit Shaban, ihrem Mann, sprechen, verlangt Liridon, damit dieser die Mutter um Geld für ihn bittet. Zwanzig Filmminuten später sind die Kühe verschwunden, und Liridon ist auf und davon. Es heißt, er sei nach Deutschland gefahren, um dort zu arbeiten. Die weitere Handlung konzentriert sich auf das Schicksal von Shaban und Hatixhe. Nachdem sie mit den Kühen ihre Lebensgrundlage verloren haben, verlassen sie ihr Dorf und ziehen mit den drei kleinen Töchtern und Shabans Mutter nach Pristina. In der kosovarischen Hauptstadt hoffen sie, sich eine neue Existenz aufbauen zu können. Mit Hilfe von Hatixhes Schwester und deren Mann finden sie eine erste Unterkunft und einen Job als Putzkräfte in einem Nachtklub. Hatixhe wird zudem in die Pflege des schwer kranken Schwiegervaters ihrer Schwester eingespannt.
Doch die Unterstützung der wohlsituierten Verwandten schafft Abhängigkeiten und gerät zur Demütigung. Der Verdienst reicht kaum aus, um ein neues Paar Schuhe für eine der Töchter zu kaufen oder die Medikamente zu bezahlen, die Shabans Mutter dringend benötigt. Die Mutter bezieht eine monatliche Rente von 100 Euro, der offiziellen Landeswährung. Dass die Rentenkasse bei Auszahlung zwei Euro Servicegebühr einbehält, schlägt ins Kontor. Als Ausweg aus der Not bietet Shaban sich als Tagelöhner an. Das missfällt dem Schwager, der um den Ruf der Familie fürchtet. »Scham ist ein Luxus«, entgegnet Hatixhe ihrer Schwester, als diese sie mit der Reaktion ihres indignierten Mannes konfrontiert. Schließlich wird dem redlichen Shaban ein Job bei einer Sicherheitsfirma angeboten. Er soll für 300 Euro Monatslohn ein eingezäuntes Wohnviertel bewachen. Shaban bedrängt die existenzielle Frage, wie er angesichts der Anfechtungen durch die ungerechten Lebensbedingungen seine Selbstachtung und menschliche Würde bewahren kann.
»Von Scham und Geld« erzählt einfühlsam, aber unsentimental von den Bewährungsproben einer Familie im heutigen Kosovo und ihren Schwierigkeiten, sich unter dem ökonomischen Druck der neuen Lebensverhältnisse zurechtzufinden. Dafür gewann der Film auf dem Sundance Festival den Großen Preis der Jury in der Kategorie Weltkino – Spielfilm. Die Jury des wichtigen Independent Filmfestivals lobte, dass Visar Morinas starkes und einzigartiges Porträt menschlicher Würde im Kosovo universell gültig und weltweit verständlich sei. Tatsächlich könnte das Drama so oder ähnlich auch anderswo spielen. Doch Morinas Film erzählt zugleich eine spezifische Geschichte über den Kosovo, ein europäisches Land, in dem die Folgen des Krieges nach mehr als dreißig Jahren immer noch spürbar sind, das wie alle postsozialistischen Länder in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten einen rasanten gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel zum Kapitalismus vollzogen und sich vor vier Jahren um Mitgliedschaft in der Europäischen Union beworben hat.
Morinas bisherige Filme stellten einen Bezug zwischen Deutschland und dem Kosovo her, dem Geburtsland des Regisseurs, der seit seiner Jugend in Deutschland lebt. Sein vielbeachteter Spielfilm »Exil« (2020) erzählte die Geschichte eines beruflich erfolgreichen und privat integrierten Ingenieurs aus dem Kosovo in Deutschland, der sich mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert sieht. Morinas erster Spielfilm, »Babai« (2015), handelte von einem Jungen, der sich Anfang der 1990er Jahre auf den Weg nach Deutschland macht, um seinen Vater zu finden, der den Sohn im Kosovo zurückgelassen hatte. Für »Von Scham und Geld« hat Morina ausgiebig im Kosovo recherchiert. Der Film gewinnt Intensität durch das ruhige, präzise Beobachten. Bemerkenswert ist auch die Kameraarbeit (Janis Mazuch), die Kontraste plastisch in Szene setzt: die Gesichter der Figuren bei der Bewältigung ihres Alltags, Landschaften mit malerischen Almen, Großbaustellen in Pristinas Wohngebieten, die bronzene Statue von Bill Clinton im Zentrum der kosovarischen Hauptstadt, errichtet zum Dank für sein Engagement im Kosovokrieg. »Von Scham und Geld« ist ein sehenswerter Film über das Ringen um menschliche Würde inmitten sozialer Ungerechtigkeit.






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