Gefährliche Staatsbürger
Ehsan Khoshbakht ist auf dem besten Wege, im Filmbereich das zu werden, was Hans-Ulbricht Obrist in der bildenden Kunst ist: der maßgebliche, der einflussreichste, der Weltstar unter den Kuratoren. Vielleicht irre ich mich und er hat dies Ziel längst erreicht.
Der Tausendsassa ist nicht nur Co-Direktor von „Il Cinema Ritrovato“, dem Mekka der Cinéphilen in Bologna und ein Dokumentarist mit Gespür für originelle und ertragreiche Sujets, er gibt Bücher heraus, schreibt an prominenten Orten und liefert kluge Kommentare zu DVDs bzw. Blu-rays. Der Vergleich zu Obrist lässt sich natürlich nur begrenzt ziehen. Im Gegensatz zu dem smarten Schweizer kann der Brite wohl keine Künstlerkarrieren fördern oder gar „machen“. Allenfalls gelingt ihm das retrospektiv, indem er die Avantgarden von Gestern wiederentdeckt. Beide weisen auch eine unterschiedliche berufliche Herkunft auf, die ihnen bei ihrer Arbeit indes gleichermaßen nützlich sein dürfte. Obrist ist gelernter Ökonom, Khoshbakht hat Architektur studiert. Der Eine operiert auf einem Markt, der Andere baut an einer neuen Filmgeschichtsschreibung.
An dieser Stelle ist der gebürtige Iraner vor allem als Kurator der Retrospektiven in Locarno in Erscheinung getreten. Das ist auch in diesem Jahr der Fall; seit gestern läuft dort eine von ihm konzipierte Reihe zur Blacklist in Hollywood. Er verkündete schon im Vorfeld, dies sei die aktuellste, die dringlichste (so übersetze ich mal sein „most timely“), an der er bisher arbeitete. Diese Aussage wird gewiss ein dankbares Echo finden in den Artikeln, die sich mit ihr beschäftigen. Mich hat der erste Blick auf seine Filmauswahl verblüfft. Sie erweitert den Radius des Erwartbaren auf faszinierende Weise. Nicht nur laufen etliche Dokumentationen über die „Hollywood Ten“ und andere Opfer, die brandaktuell in den 1940ern oder danach entstanden. Ich wäre besonders gespannt „Dangerous Citizen: The Life of Times of Abraham Polonsky“, die Steven C. Smith erst in diesem Jahr realisiert hat – in meinem Regal hat die fast gleichnamige Monographie von Paul Buhle und Dave Wagner einen Ehrenplatz, die sogar von einem „very dangerous Citizen“ spricht und nicht versäumt, auch den zweiten, patriotischen Vornamen des Autors und Regisseurs zu erwähnen: Lincoln.
Die Reihe blickt weit über die USA hinaus, einerseits ins Exil, wo Großbritannien der wichtigste Fluchtpunkt war. Großartig, dass „All Night long“ von Basil Dearden zu sehen ist, an dessen Drehbuch Paul Jarrico 1962 mitwirkte. Von Joseph Losey läuft der frühe „The Intimate Stranger“ von 1956, der als „the most strikingly self-reflective McCarthy-Era film“ angekündigt wird, für den sich diverse Mitwirkende ein Pseudonym zulegen mussten. Loseys erster, in Italien entstandener Exilfilm „Stranger on the prowl“ (Giacomo/ Schrei ohne Echo, 1951) nach einer Drehbuchidee von Ben Barzman (und ungenannt wohl auch seiner Frau Norma) verhandelt melodramatisch eindrucksvoll und durchwoben vom Schauplatzrealismus des Neorealismus das Motiv der Flucht und Staatenlosigkeit in einer namenlosen Hafenstadt, die in Trümmern liegt. Das französische Exil ist mit Jules Dassins „Celui qui doit mourir“ (Der Mann der sterben musste, 1957) präsent, an dessen Drehbuch wiederum die Barzmans mitwirkten. Den vielschichtig anarchischen „La Legge“ (Wo der heiße Wind weht, 1959) von Dassin habe ich gerade unlängst gesehen; er hätte auch gepasst. Vollends überrascht hat mich der Spanien-Schwerpunkt im Programm, der aber augenblicklich Sinn ergibt.
Das Hollywoodkino durchforstet der Kurator in seiner liberalen Mitte und an den linken Rändern. John Garfield ist hier ein Kraftzentrum (https://www.epd-film.de/blogs/autorenblogs/2025/manchmal-fuehle-ich-mich-wie-mitternacht) unter anderen. Die progressiven Spuren, die durch die Kommunistenhatz inkriminierte Drehbuchautoren (Howard Koch, Albert Maltz, Michael Wilson, Adrian Scott u.a) und Regisseure (Dassin, Cy Endfield etc) während und nach dem Weltkrieg hinterlassen haben, sind schlagend. Dass die Cary-Grant-Komödie „Mr Lucky“ von 1943 einen anderen Tonfall hat, war schon Jean-Pierre Melville aufgefallen, was Norma Barzman und ich Jahrzehnte später bei einem Kinobesuch im Quartier Latin bestätigt fanden (sie war mit Adrian Scott gut befreundet gewesen). Der Frauengefängnisfilm „Caged“ (Regie; John Cromwell, 1950) zerrt heftig an Tabus. „Woman in hiding“ (von Michael Gordon, der nach der Schwarzen Liste riesigen Erfolg mit seinen Doris-Day-Hudson-Komödien hatte) und „Shakedown“ (Regie: Joseph Pevney) kenne ich nicht, nehme aber stark an, dass Khoshbakht gute Gründe hatte, sie auszuwählen. Sein Programm wirkt so reflektiert, dass selbst die bestens kanonisierten/abgehangenen Western-Allegorien „High Noon“ und „Silver Lode“ hier in neuen Licht erscheinen könnten. Allen Dwans Film sah ich erst vor einem Jahr wieder, als mir auffiel, dass er am Unabhängigkeitstag spielt. Die vermeintlichen Gesetzeshüter, die John Payne für ein Verbrechen zur Rechenschafts ziehen wollen, das er nicht begangen hat, haben den richtigen Tag ausgewählt: Alle Bundesbehörden in der „Stadt der Verdammten“ sind am 4. Juli geschlossen, auch das Büro des Marshal. Als Gleichnis funktioniert das noch immer prächtig; es wäre gar nicht nötig gewesen, einem der Schurken den Namen McCarthy zu geben..






Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns