Filmfest München – Neues deutsches Kino

Zurück in die fremde Heimat
»Identiti« (2026). © Frank Dicks/Lukasz Bak/Razor Film/Alamode Film

»Identiti« (2026). © Frank Dicks/Lukasz Bak/Razor Film/Alamode Film

Abarbeitung an der eigenen Familie war das große Thema in der Reihe »Neues deutsches Kino« beim Filmfest München

Wer werde ich in fünfzehn Jahren sein? Diese Frage sollen fünfzehnjährige SchülerInnen bei einem Workshop beantworten, indem sie Briefe an ihr zukünftiges Selbst schreiben. Für ihre Lehrerin Caro stellt sich dadurch auch die Frage nach ihrer eigenen Identität, schließlich war sie einst Schauspielerin, die ihre Zukunft nicht unbedingt als Lehrerin mit Ehemann im geerbten Eigenheim in Tübingen sah. Auch die Wiederbegegnung mit ihrer Kindheitsfreundin Nico, die den Workshop gemeinsam mit ihr veranstaltet und daneben über ihre eigene Familie (besonders über einen Onkel) recherchiert, wirft Fragen auf.

Für »Erzähl mir dein Morgen« wurden Ella Cieslinski und Nina Wesemann mit dem Regiepreis der Förderpreis-Jury ausgezeichnet, Ricarda Seifried (Caro) zudem als beste Darstellerin. Den Film haben die beiden Absolventinnen der Münchner Filmhochschule mit Hilfe von Crowdfunding in ihrer Heimatstadt Tübingen für ganze 13.000 Euro gedreht, der Workshop war dokumentarisch, während die Geschichte des Onkels fragmentarisch anhand von Dokumenten erzählt wird – die Verknüpfung von Dokumentarischem und Fiktion, verbunden mit einer medialen Selbstreflexion, zeigte sich auch in anderen Filmen.

Diesen sympathischen kleinen Film würde man gerne im Kino wiedersehen. Reisen in die Vergangenheit, die zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und den damit verbundenen Geheimnissen und Lügen zwingen, waren ein großes Thema der Filmreihe. Während der Tonfall in »Erinnerungen eines Waldes« von Katharina Rabl mit einer ökologischen Ebene verknüpft wird und durchgängig dramatisch ist, wird das Drama in »Kalter Hund« von Pauline Roenneberg durch schwarzen Humor konterkariert. Der ganze Film spielt am 100. Geburtstag des Patriarchen, der allerdings in der Nacht verstorben ist, möglicherweise durch fremdes Zutun. Als dessen Ehefrau ist Corinna Harfouch die meiste Zeit nicht ganz bei sich, ein beredter Kontrast zu ihrem selbstsicheren Auftreten als Wissenschaftlerin in »Im Spiegel meiner Mutter« (Kritik in diesem Heft), die gleichwohl im Beisein ihrer Mutter immer wieder zum Kind wird.

Die Frage nach der eigenen Identität wird in »Identitti« von Randa Chahoud in einen globalen Kontext gestellt, wenn die Protagonistin Nivedita entdeckt, dass die von ihr verehrte Dozentin Saraswati in Wirklichkeit eine Weiße ist, die sich eine falsche Identität als Person of Color zugelegt hat. Ist damit auch all das falsch, was sie in deren Seminaren gelernt hat? Es sind die Zweifel und Fragen, die den weiteren Verlauf dieses Films bestimmen. Wo »Identitti« den Realismus der Darstellung immer wieder aufbricht, nicht nur durch eine aufwendige Traumsequenz und eine der kindlichen Erinnerung, sondern vor allem durch die choreografierten Körperbewegungen, mit denen sich die Studierenden im Einklang bewegen, da greift auch Susanne Heinrich in ihrem zweiten Langfilm »Die miserable Mutter« auf Elemente des Musicals zurück, wenn sie die An- und Überforderungen durch die Mutterrolle in stilisierten Tableaus in Szene setzt.

Beklemmend aktuell war Nicolas Ehrets Debütfilm »Morgen war Krieg«, in dem Enno Trebs zwischen der Forderung, das Vaterland (in dem eine rechte Regierung das Sagen hat) zu verteidigen, und der, seine kleine Schwester zu beschützen, steht, während David Helmuts Kinodebüt »So Happy It Hurts« und Peter Meisters »Bärenjagen« zwei sehr konträre Komödien boten. Meisters Zweitling erzählt seine Geschichte aus dem Jahre 1834 mit deutlichen Parallelen zur Gegenwart ähnlich lakonisch wie in seinem Debüt »Das schwarze Quadrat«, während David Helmut seine in einem Trashkosmos beginnende Geschichte in die Höhen immer böser werdender Komik entführt.

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