Kritik zu Spider-Man: Brand New Day
Mit »Spider-Man: Brand New Day« schlägt das Marvel-Universum ein neues Kapitel auf. Tom Holland überzeugt in einem persönlicheren Abenteuer, das spektakuläre Action mit emotionalen Momenten und einem gefährlichen neuen Gegner verbindet
Es ist tatsächlich mal kein leeres Versprechen: Brand New Day! Am Ende des letzten Films hatte sich Spider-Man für den radikalen Bruch mit seiner Existenz als Peter Parker entschieden, um seine Freundin MJ und seinen Kumpel Ned zu schützen. Mit Unterstützung von Dr. Strange wurde universumweit die Erinnerung an ihn gelöscht. Jetzt hockt Spidey einsam in einer schäbigen kleinen Wohnung, zusammengekauert neben der Waschmaschine, in der sich sein Trikot rhythmisch dreht, während er auf Social Media wehmütig verfolgt, was die ehemaligen Freunde ohne ihn so treiben. Ansonsten konzentriert er sich ganz auf Verbrechensbekämpfung, dankenswerterweise nicht mehr im überdrehten Multiversum, sondern fast schon bodenständig auf der Erde, in den Häuserschluchten und über den Dächern von New York. Nicht die Welt steht auf dem Spiel, sondern vor allem das Seelenheil eines Superhelden, der mit seinen Kräften, seiner Bestimmung und seiner Überforderung ringt.
Während Spider-Man die Metropole säubert, formiert sich ein neuer Superschurke: »Wir stehen vor einer unkontrollierbaren Bedrohung, einer, die wir nicht mal sehen können«, lässt der Leiter der Abteilung »Damage Control« Peter wissen. »Sie sind der Einzige, der immun ist. Sie sind der Einzige, der sie spüren kann.« Ohne mehr zu verraten, als der Trailer preisgibt, kann man sagen, dass es ein Gegner ist, der telepathische Fähigkeiten hat und in fremde Körper schlüpfen, quasi von Mensch zu Mensch hüpfen kann, was auf den Straßen New Yorks bald zu bizarren Tanzeinlagen führt.
Den Regiestuhl hat Destin Daniel Cretton von Jon Watts übernommen, der die ersten drei »Spider-Man«-Filme mit Tom Holland in der Titelrolle gedreht hat. Empfohlen hat sich Cretton mit »Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings«, dem ersten Marvel-Film mit vorwiegend asiatischen Darstellern. Mit derselben kinetischen Energie, die schon »Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings« ausgezeichnet hat, widmet Cretton sich den Spinnenfähigkeiten von Spider-Man. Zwischen akrobatischen Flugübungen und wendigen Kampfchoreografien wird Spider-Man geschunden wie nie zuvor, denn indem er den menschlichen Peter Parker unterdrückt, gewinnt seine Spinnen-DNA auf zunehmend unkontrollierbare Weise die Oberhand. Die fortschreitende Mutation führt auch dazu, dass er organische Spinnenfäden produziert, mit denen er seine Gegner kokongleich verschnüren, bedrohte Menschen im Airbag-Netz retten oder auch mal vorwitzigen Freunden den Mund verkleben kann. Veritable Martial-Arts-Akrobatik kommt zudem durch die Ninjas vom Clan »The Hand« ins Spiel, die in flatternden, blutroten Gewändern faszinierende Luftballette liefern.
Sam Raimi hat Spider-Man als den nahbarsten unter den Superhelden etabliert, nach Jon Watts besinnt sich Cretton wieder auf eine wohltuende Balance zwischen rasanter Action und leiseren, intimeren Momenten, in liebevollen Kabbeleien mit Spidey-Nerd Ned (Jacob Batalon), einem romantischen Neuanfang mit MJ (Zendaya) und wehmütigen Erinnerungen an Tante May (Marisa Tomei), die am Ende des letzten Films gestorben ist. Aber auch äußerlich ist dieser einsame Spider-Man sehr viel realer, was sich in charmanten Details niederschlägt: So sitzt sein Trikot nicht mehr wie eine zweite Haut, sondern schlägt auch mal Falten und wellt sich im Windwiderstand. Das Superheldenkino stagnierte zuletzt, »Supergirl« und »Masters of the Universe« konnten nicht mal ihre Kosten einspielen. Nach den sensationellen frühen Box-Office-Zahlen sieht es so aus, als würde Tom Holland seine Serie fortführen: Jeder seiner »Spider-Man«-Filme übertraf den vorherigen.






Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns