Die Wonnen der Entfesselung
Vor einer Woche fragte ich mich, ob Robert Aldrich wohl „Die Toten Augen von London“ gesehen hatte, als er „Der Flug des Phoenix“ drehte. Immerhin kommt in beiden Filmen eine Einstellung vor, die aus der Perspektive eines Leichnams gefilmt ist.
Obwohl beide Regisseure die Genres mächtig aus den Angeln hoben, die sie in Angriff nahmen, erschien mir diese Abkunft dann doch unwahrscheinlich. Viel plausibler fand ich im Gegenzug, dass Alfred Vohrer „Irrtum im Jenseits“ von Powell&Pressburger kannte, als er seinen ersten Edgar-Wallace-Film drehte. Darin wird nämlich eine Einstellung aus dem Mund einer Figur heraus gedreht. Bei Vohrer taucht sie auf, als das baldige Mordopfer Hans Paetsch eine moderne Mundspülung ausprobiert. Gleichviel, wer bei wem zugeschaut haben könnte: Auf solche Ideen muss man erst einmal kommen!
Solch verstiegene Blickwinkel finden sich zuhauf in den Filmen des gebürtigen Stuttgarters, den das Filmhaus Nürnberg zusammen mit dem KommKino ab morgen mit einer Retrospektive feiert. Der Titel „Hallo, hier spricht Alfred Vohrer“ spielt auf zwar die Serie an, die er nachhaltig geprägt hat (https://www.kunstkulturquartier.de/filmhaus/programm/schwerpunkte/hallo-hier-spricht-alfred-vohrer.). Aber der Radius reicht über sie hinaus. Praktisch jede Phase seiner Regiekarriere nimmt die von Lukas Foerster und Christoph Daxtra kuratierte Reihe in den Blick: Vohrers Anfänge mit Problemfilmen über Jugendliche und Halbstarke, seine Mitwirkung an den bundesdeutschen Erfolgsserien (Wallace, May, Simmel), dazwischen einige Solitäre, schließlich seine Fernseharbeiten („Derrick“, „Der Alte“, „Die Schwarwaldklinik“ bleibt gnädig ausgespart) und sogar ein Beispiel („Picknick“) für seine wahnsinnig umfang- und einflussreiche Tätigkeit als Synchronautor und -regisseur. Wie mir Lukas versicherte, laufen fast alle Filme ln 35mm-Kopien. Den Auftakt macht „Ein Alibi zerbricht“, in den er selbst einführt, später stellen Draxta, Kamil Moll und Olaf Möller weitere Filme vor, darunter das Spätlicht „Anita Drögemöller und die Ruhe an der Ruhr“ aus dem Jahr 1976, von dessen Existenz ich bis vor ein paar Tagen noch keinen Schimmer hatte.
Es geht mithin auch darum, Vohrer dem Fernsehen zu entreißen, zu dessen Grundrauschen er gehört. Erst am Wochenende versendete ZDFneo sechs Wallace-Filme zu unmöglicher Zeit, von denen er fünf inszeniert hat. Ich kann nicht behaupten, dass meine Einschätzung des Regisseurs sich seit dem Eintrag „Subversive Flausen“ vom 10. 4. 2021 radikal gewandelt hat. (Ich kann mir noch immer keinen Reim machen auf das ausgestopfte Pferd, das im „Indischen Halstuch“ unverwandt in Hans Clarins Zimmer herumsteht.) Aber sie hat sich dank der Nürnberger Unternehmung ziemlich erweitert. Vohrer hat eigentlich von Anfang an auf alles reagiert, was im bundesdeutschen Kino gerade Furore machte. Mit „Lange Beine – lange Finger“ mischt er sich 1966 in dem Zyklus von Gaunerkomödien um Martin Held ein, offenbar trat er kurzfristig in die Fußstapfen von Kurt Hoffmann. Viel von Vohrers satirischem Elan konnte ich darin nicht entdecken, Helds beflissene Nonchalance bleibt unangetastet, Joachim Fuchsberger bringt die patriarchale Zudringlichkeit seiner Wallace-Rollen mit, aber dafür ist Hanns Lothar hinreichend ulkig als Modeschöpfer. In seinen Beiträgen zur Karl May-Serie zeigt er sich als der ungezogene Bruder von Harald Reinl (für „Winnetou und sein Freund Old Firehand“ hat er sich am Italowestern inspiriert - sein Stammkomponist Peter Thomas klingt wie Riz Ortolani). „Herzblatt oder Wie sag ich's meiner Tochter?“ von 1969 ist wohl eine Persiflage auf die seinerzeit populären Aufklärungsfime. Aus dem Simmel-Zyklus wird „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ in Nürnberg gezeigt, der mich beim Wiedersehen einigermaßen verblüfft hat. Simmels Plot weist (von Manfred Purzer adaptiert) alle Vorzüge der Kolportage auf. Wien ist ein prächtiges Nest für Spione, wo Amerikaner, Sowjets und Franzosen gegebenenfalls einträchtig miteinander verbandelt sind. Die dort immer wieder landenen Flugzeuge sind ein toller Störfaktor im Erzählfluss.Charly Steinbergers Kamera, die die Figuren wie ein lästiges Insekt umschwirrt, finde ich nach wie vor gewöhnungsbedürftig. Aber sie fügt sich eben doch in Vohrers Strategie der Subversion. Seine Inszenierung bürstet alles munter gegen den Strich, keine Konvention ist ihr heilig.
Vielleicht liegt genau in diesem satirischen Vorbehalt die Weltläufigkeit, die das Programmheft für ihn reklamiert. Geschadet hat es den Einspielergebnissen nicht, weshalb er ja auch so vielbeschäftigt war. Der Auftakt schert hier indes ein wenig aus, denn „Ein Alibi zerbricht“ (1963) weist zwar einige archetypisch verstiegene Perspektiven auf, ist aber ungebrochen ernst. „Eine Ehe zerbricht“ wäre auch kein schlechter Titel gewesen, denn Peter van Eyck erweist sich als ein beklemmend kalter Ehemann, der bereit wäre, seine Frau (Ruth Leuwerik als engagierte Anwältin mit Spürnase) über die Klinge springen zu lassen, um ein dunkles Geheimnis zu bewahren. Die Geschlechterverhältnisse der 1960er sind gruselig, im Kern sitzt hier das Patriarchat auf der Anklagebank (um dann in „Lange Beine – lange Finger“ mokant restauriert zu werden).
Man könnte Vohrers Karriere auch entlang seines gedeihlichen Verhältnisses zu den mächtigen Produzenten erzählen, angefangen bei Horst Wendlandt, sodann Luggi Waldleitner und schließlich Helmut Ringelmann, der ihm zahlreiche ZDF-Serien anvertraute. „Verena und Anabelle“, die voraussichtlich in Nürnberg gezeigte Folge von „Der Alte“ ist reizvoll - ein verworrener Psychothriller mit kecken stilistischen Einsprengseln (Freeze Frames bei der Rettung des Opfers eines Giftmord-Anschlags; eine Rotblende, die geradewegs aus „Schwarze Narzisse“ von Powell&Pressburger stammen könnte). Das Familiengeheimnis im Keller steht in der Gruft-Tradition der Wallace-Filme und einige der einschlägigen Darsteller kannte Vohrer ebenfalls von damals: Siegfried Lowitz hat sich seine leise Ironie bewahrt, während Heinz Draches Süffisanz inzwischen einen verächtlich aufbrausenden Zug angenommen hat. Auch seine Derrick“-Folge „Tote Vögel singen nicht“ beschert ein Wiedersehen mit diversen Knitterchargen aus der Wallace-Spätphase. Sie ist ansonsten jedoch ganz ungeheuerlich, eine hochtourige Entfesselung des behäbigen Formats. Die neckischen Dialoge klingen gar nicht nach Herbert Reinecker. Horst Tappert und Fritz Wepper avancieren zu regelrechten Action-Helden. Der Faustschlag, den Tappert einem frechen Leibwächter verpasst, sitzt.





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