DVD-Tipp: »Litan« (1982)

»Litan« (1982). © Camera Obscura

© Camera Obscura

In Deutschland kaum bekannt: Jean-Pierre Mockys fantastischer Film als Mediabook.

Außerhalb des französischsprachigen Raums scheint Jean-Pierre Mocky weitgehend unbekannt geblieben zu sein – vermutlich ist sein bekanntester Film hierzulande die französisch- deutsche Koproduktion »Geld oder Leben« mit Fernandel und Heinz Rühmann aus dem Jahr 1966.

Mocky hatte 1946 als Schauspieler debütiert, 1959 brillierte er in Georges Franjus »La TÊte contre les murs«, bevor er sich im selben Jahr der Regie zuwandte. Bis zu seinem Tod entstanden in 60 Jahren 82 Arbeiten, vor allem abendfüllende Kinofilme, bei denen er meist auch als (Co-) Autor und Darsteller tätig war. In Paris besaß er außerdem ein eigenes Kino. Sein allerletzter Film Tous flics! kam posthum vier Jahre nach seinem Tod heraus. Als wäre diese Arbeitswut nicht schon imponierend genug, soll er in frühen Jahren auch noch als Sekretär Erich von Stroheims gearbeitet haben.

Mockys Filme sind überwiegend Komödien und Thriller, oft wütende Attacken auf kirchliche und staatliche Institutionen. Zu seinen bevorzugten Darstellern gehörten Bourvil, nach dessen Tod Michel Serrault und Jean Poiret. Ein kleines zeitgenössisches Porträt mit dem Titel »Ein seltsamer Vogel« findet sich im Bonusmaterial der jetzt erschienenen Edition von »Litan« aus dem Jahr 1982.

Die gleichnamige, von Bergen umgebene französische Kleinstadt ist alljährlich Schauplatz eines Stadtfestes, das starke religiöse Züge trägt. Einwohner laufen in Masken umher und verhalten sich zunehmend merkwürdig. In einer Klinik werden Experimente an Menschen vorgenommen; Menschen, die ins Wasser stürzen, werden von blauen Lichtern umgeben und lösen sich in kürzester Zeit auf. Die Rituale lassen den Zuschauer an den britischen The Wicker Man denken, auch wenn hier unklar ist, wer gegen wen und zu welchem Zweck agiert. Die Protagonisten sind der Vermessungsingenieur Jock (Mocky) und seine Lebensgefährtin Nora. Der Film beginnt mit ihrem Erwachen aus einem Alptraum. Was ihr danach widerfährt, beschwört diesen Alptraum immer wieder herauf – als würde er real werden. Beim Versuch, aus dem von einem grünen Nebel durchzogenen Ort zu fliehen, werden dem Paar immer neue Hindernisse in den Weg gelegt. Das Geschehen wird zunehmend surrealer und es stellt sich die Frage, ob wir es überhaupt noch mit Menschen zu tun haben. Sind die Einwohner verwandelt oder werden sie es durch die Rituale, die sie vollziehen? Sind sie lebende Tote?

Das jetzt erschienene Mediabook ergänzt den Film durch drei dokumentarische Beiträge, zwei zeitgenössische aus dem französischen Fernsehen, das erwähnte Mocky-Porträt (13 Min.) und ein Making-of ( 27 Min.) sowie ein Telefoninterview, das Gérard Lenne 2020 mit Mockys langjährigem Freund und Drehbuchautoren Jean-Claude Romer führte. Das Booklet enthält eine persönliche Würdigung Mockys durch einen anderen langjährigen Freund, den Maler und Dichter Pascal Barbe, sowie analytische Anmerkungen zum Film von Benjamin Johann. Danach wünscht man sich gleich eine Mocky-Retro im Kino. Bis dahin könnte man mit den Veröffentlichungen des britischen Labels Radiance vorliebnehmen, das neben »Litan« bislang drei weitere Titel herausgebracht hat.

 

 

VÖ: 27. Juli 2026

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