Kritik zu Morgen war Krieg
Nicolas Ehret zeichnet das düstere Bild eines zerfallenden Europas, dessen politische Situation allzu abstrakt bleibt und dadurch wenig glaubhaft wirkt.
Herzlichen Glückwunsch, sagt die Ärztin. Sie sind kerngesund. Für den arbeitslosen Eventtechniker Jonas (Enno Trebs) ist das keine gute Nachricht. Er gilt nämlich als wehrtauglich – schon teilt ein Uniformierter ihm die Einberufung mit. Da ein Krieg bevorsteht, ist die Ausgangssituation in Nicolas Ehrets zweitem Langfilm, für den er auch das Drehbuch verfasste, ziemlich düster.
Jonas hat keine Lust auf Krieg. Also packt er seinen Rucksack mit einem dicken Bündel Banknoten, desertiert und flieht mit seiner Halbschwester Leonie (Naila Schuberth) zu seinem Vater Stuber (Ulrich Matthes), mit dem er vor langer Zeit gebrochen hat. Der pensionierte Fährmann lebt an einem Fluss im Osten. Seine Lebensgefährtin Wibke (Susanne Bredehöft) leitet hier eine Bürgerinitiative zur Errichtung eines Grenzzauns. In Stubers Haus, einer Zeitkapsel aus den 1960ern, gibt es keine gemütliche Ecke, die zum Verweilen einladen würde. Unter dem Dach dieser mit entsättigten Farben gefilmten Tristesse liegt der Nazi-Großvater (Friedhelm Ptok) auf dem Siechbett. Bevor er »mit dem Toaster in die Badewanne« geht, erklärt er programmatisch: »Mitgefühl ist die einzig wahre Schande der Neuzeit.«
Jonas’ dysfunktionale Familie erscheint als verdichtetes Abbild einer Gesellschaft, in der sich – so die Grundthese des Films – seit den Nazis nichts verändert habe. Eine traumartig stilisierte Szene in einem ostdeutschen Dorf soll dies belegen. Deren Bewohner haben offenbar auf nichts anderes gewartet als auf die Bildung einer paramilitärischen Bürgerwehr, um eine Gruppe nicht näher charakterisierter Migranten niederzumetzeln. Dieser Spirale der Gewalt kann auch Jonas sich nicht entziehen. Mit der zurückgelassenen Pistole seines Nazi- Opas erschießt er einen Migranten – dem er eigentlich helfen wollte …
Glaubhaft wirken diese Ausbrüche nicht. Denn sämtliche Entwicklungen hin zu dieser dramatischen Zuspitzung vermitteln sich allenfalls in raunenden Dialogen. Zu Beginn traf Jonas seine Freundin Zelal (Soma Pysall), die vor einem Regierungsgebäude eine flammende Ansprache von »Faschismus« hielt. Außerdem forderte sie: »Wir brauchen offene Grenzen.« Anspielungen auf die aktuelle Migrationskrise blitzen auf. Doch im Film wird nicht deutlich, wer in dieser nahen Zukunft das Land regiert. Weshalb bricht ein Krieg aus und gegen wen? Diese fundamentalen Fragen werden nicht beantwortet. Das ist problematisch, denn Ehret will einen unbequemen Film über eine totalitäre Wende inszenieren. Stilistisch erinnert das Szenario an apokalyptische Zombiefilme. Doch wie die Untoten, deren Herkunft schon bei Romero nicht erklärt wird, so wird auch in »Morgen war Krieg« die Wiederkehr der Nazis nicht erklärt. Die Bedrohung bleibt abstrakt, sie vermittelt sich durch düstere Bilder, einen bedrückenden Soundtrack und das Geräusch einer Zementmischmaschine. Enno Trebs verkörpert einen Mann ohne Eigenschaften, der weder Identifikationsfigur noch Antiheld ist. Und so erscheint diese zweistündige Geschichte einer Fahnenflucht nicht wirklich schlüssig.






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