Die neue Vereinbarkeit

Im August fiel mir das Phänomen zum ersten Mal auf. Das ist zu viel gesagt, denn ich wusste zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass es sich um eines handelt. Zunächst wunderte ich mich nur, als ich im Programmmagazin von ARTE entdeckte, dass der Sender „Mein Leben, mein Ding“ mit Agnès Jaoui ausstrahlte.

Er war doch gerade erst in unseren Kinos angelaufen! Einige zeigten ihn womöglich ja noch? Dieser frühe Sendetermin, kaum neun Wochen nach dem dem Start am 18.6., konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Dass Sophie Fillières' letzte Regiearbeit spät bei uns anlief – sie stammt aus dem Jahre 2024; die Regisseurin starb, furchtbar jung, während der Post-Produktion - schien mir keine hinreichende Erklärung. Kurz darauf stellte ich fest, dass dies kein Einzelfall war. „Sommer auf Asphalt“, der sich dank Mala Emde und Christoph Maria Herbst in den Hauptrollen doch gut in den Kinos behaupten müsste (was er auch tat), landete ebenfalls geisterhaft schnell im ARTE-Programm. Er ist seit Anfang Oktober in der Mediathek abrufbar und wird im linearen Programm der ARD heute (Mittwoch) zur besten Sendezeit gezeigt. Gibt es denn keine Sperrfristen mehr für deutsche Filme, die Förderung erhalten haben? Und vor allem: Was sagen die Kinobetreiber dazu?

Eben noch hier und jetzt schon da - ein Phänomen war das noch nicht. zwei Filme machen keinen Trend. Dass er sich seit wenigen Monaten abzeichnet, entdeckte ich indes, als ich die ohnehin ertragreiche Rubrik „Was sonst noch läuft“ (siehe „Das Auge des Volkes“ vom 30. 9.) auf den Heimkinoseiten von epd film zu studieren. In den letzten Ausgaben häufen sich in der Sparte „Neu auf DVD/Blu-ray/VOD)“ Titel, die gerade einmal zwei Monate zuvor zum Kinostart besprochen wurden. In diesem Monat sind das beispielsweise „Minions & Monster“, „The Invite“ und „Bitteres Fest“; „Maspalomas“ taucht sogar nach einen Monat bereits in der Liste auf. Es sind mithin keineswegs nur die Streamer, die das Kinofenster verkürzen wollen. Obwohl es mich schon wunderte, dass „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ nun schon auf MUBI zu sehen ist; übrigens mit reichlich Bonusmaterial. Ich schob das erst einmal darauf, dass Halloween bevorsteht und der Bedarf nach Grusel anscheinend auf sämtlichen Kanälen zunimmt.

Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass es für den frühen Heimkinostart der oben genannten Titel jeweils eigene Gründe gibt. Da das Kinofenster im Falle von „Maspalomas“ oder auch „Enzo“, die die Edition Salzgeber herausgebracht hat, besonders kurz war, rief ich die Presseabteilung des Verleihs an. Daniel Sander klärte mich auf, dass beide Filme nach einem Monat in das eigene Heimkino-Angebot wandern, den Salzgeber Club. Er wusste zu berichten, dass dies bei „nischigen“ Filmen und kleineren Streamingplattformen ganz gut funktioniert. „Maspalomas“ war zudem bundesweit bereits in den „QueerfilmNacht“ vor dem Kinostart enorm präsent. Natürlich legt man bei Salzgeber großen Wert darauf, die Kinobetreiber nicht zu verärgern. Transparenz ist wichtig. Aber diese Sorge scheint heute weniger berechtigt als früher, denn bei etlichen Filme lohnt sich die Strategie einer Parallelauswertung für beide Seiten. Zu Beginn des Jahres feierte der Verleih etwa mit dem munteren Animationsfilm „Lesbian Space Princess“ einen schönen Erfolg, der sich seither fortsetzt. „Der ist zwar seit Ewigkeiten auf Heimmedien verfügbar,“ erzählte Sander, „aber es gibt nach wie vor Kinos, die ihn noch buchen.“ Ähnliches lässt sich auch für die Dokumentarfilme von Volker Koepp festhalten, die zwar im Heimkino zugänglich sind, aber noch immer von Kinobetreibern angefragt werden: „Die beschweren sich nicht, wenn die Auswertung überlappt.“ Es wäre sicher interessant zu erfahren, ob und wie viele Leute beide Möglichkeiten nutzen – aber die Frage fiel mir jetzt erst ein.

Als ein schlagendes Beispiel nannte Daniel Sander einen Film, den sie nicht verleihen: „The Invite“. Der sei einfach nicht totzukriegen, er läuft und läuft, weil das Bedürfnis groß ist, ihn im Kino gemeinsam mit anderen zu sehen. Er macht dort einfach mehr Spaß. In seinen Augen treibt MUBI den Trend tatsächlich besonders voran. Die Yorck-Gruppe in Berlin beispielsweise kooperiert seit längerer Zeit sehr gedeihlich mit der cinéphilen Streaminplattform. „Camp Miasma“ lief vor dem regulären Kinostart im „Sommerkino“ und war bei dieser Freilicht-Vorpremiere sofort ausverkauft. Als zentrale Erkenntnis aus unserem Gespräch nahm ich mit, dass sich etwas entspannt hat im Verhältnis zwischen der Auswertung im Kino und auf Heimmedien. Es herrscht eine Vereinbarkeit, die früher nicht möglich schien. Ich vermute, niemand erinnert sich mehr gern an die Day & Date-Experimente vor einigen Jahren, also den Doppelstart am gleichen Tag, was heutzutage eher als Indiz eines Fremdelns erscheint und nicht als zukunftsweisende Strategie. Geht man noch weiter zurück in der Geschichte von Kino und Heimmedien, stößt man auf das Phänomen der sortie technique, des technischen Starts: Rechteinhaber brachten Filme nur deshalb ins Kino, weil sie danach die Lizenzen für Video bzw. DVD teurer verkaufen konnten.

Was es mit den anfangs erwähnten ARTE- Ausstrahlungen auf sich hat, erläuterte mir Marc Klocker, der bei der Verleihagentur Filmwelt das Marketing koordiniert. Unser Telefonat war ein unverhofftes, erfreuliches Wiederhören, denn ich kenne ihn, seit er wuchtige Filmkritiken für „Splatting Image“ schrieb. Der ARTE-Deal lief bei „Mein Leben, mein Ding“ über den französischen Verleih, der Fillières' Film bereits zwei Jahre zuvor herausgebracht hatte. (Die Presseabteilung des Senders informierte mich ebenfalls dahingehend.) Bei  „Sommer auf Asphalt“ wiederum ist es etwas verwickelter, der war ursprünglich als Kinofilm geplant, wurde dann jedoch als eine TV-Produktion von NDR und ARTE realisiert. Da es für ihn eine Fernsehfilm-, aber keine Kinoförderung gegeben hatte, musste die übliche Sperrfrist von vier Monaten nicht eingehalten werden. Den Leuten von Filmwelt gefiel die Sommerkomödie so gut, dass es „sonnenklar“ war, sie mit kurzem Vorlauf in die Kinos zu bringen. Und aus dem Stand heraus lief „Sommer auf Asphalt“ hervorragend an. Ich nehme stark an, dass er bei dieser „kleinen Kinotour“ (Arte-Presseabteilung) sein Potenzial nicht ausschöpfen konnte. Marc ist dennoch froh, dass Filmwelt das Wagnis einging und er auf der großen Leinwand zu sehen war - und das Publikum das sprichwörtliche Gemeinschaftsgefühl erleben konnte. „Sommer auf Asphalt“ stellt hier zwar einen Sonder-, aber keinen Einzelfall dar. „Klimperclown“ mit Helge Schneider wurde ebenfalls im Kino ausgewertet – bis zu dem TV-Ausstrahlungstermin, den es zu respektieren galt.

Die Umgangsformen wandeln sich also, wobei die Transparenz enorm wichtig bleibt. „Man muss den Kinos früh kommunizieren“, betonte Marc, „dass es einen Sendetermin gibt.“ Er ist lange genug im Geschäft, um sich noch an die oben erwähnten Alibi-Starts zu erinnern: Die Kinoauswertung ist hier eben kein Marketinginstrument. Filmwelt hat auf diesem Terrain, das man heute kein Spannungsfeld mehr nennen muss, ohnehin einschlägige Erfahrung: Der Verleih brachte die frühen Netflix-Produktionen heraus, darunter „Roma“. Der Ereignischarakter ist mir noch lebhaft im Gedächtnis: Galavorstellungen zu Premiumpreisen, mit einem Sekt zur Einstimmung vorweg (zumindest in unserer Astor Filmlounge). Cuarons Film lief auch weiterhin im Kino, nachdem er bei dem Streamer erhältlich war. Netflix beschreitet inzwischen ja auch neue Wege, bringt „La Bola Negra“ in den USA mit einem Zeitfenster von 45 Tagen heraus und veröffentlicht inzwischen sogar die Einspielergebnisse. Am ersten Wochenende waren sie fast so gut wie die von „Parasite“. Wer weiß, vielleicht stehen die Zeichen nun also endgültig auf Versöhnung.

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