Filmemachen: ein fortlaufendes Experiment

Christoph Hochhäusler ist ein ungewöhnlich beredsamer Regisseur. In Interviews legt er gern Rechenschaft ab über Ideen, Konzepte und Referenzen, die in seine Filme eingeflossen sind und versteht es, deren Gestalt einnehmend zu deuten. Im n.b.k, dem Neuen Berliner Kunstverein, kann man nun einen haptischen Einblick in seine Werkstatt nehmen. Ganz ohne das gesprochene und geschriebene Wort geht das natürlich nicht.

Die von Marius Babias kuratierte Ausstellung flankiert eine Retrospektive, die noch bis zum 24. September im Berliner Arsenal läuft. Sie selbst kann man bis zum 8. November im Showroom im ersten Stock der Chausseestraße 128/129 besuchen. Es ist zunächst einmal eine kleine Vitrinenschau, die freilich auch die Wände und einen Monitor geschickt zu bespielen weiß; im Vorführraum läuft sein neuer Kurzfilm „Das Paradies vertreibt uns“, der vom n.b.k. (mit-) produziert wurde. Ich begann meinen Besuch mit der Betrachtung der Wände, an denen Plakate seiner Filme (eine durchaus internationale Auswahl – „Falscher Bekenner“ in der türkischen Version und „Unter uns die Stadt“ in der französischen) hängen; auf einer halben Wand kann man großformatig ein Interview lesen, das er mit Christian Petzold und Dominik Graf über die Berliner Schule führte, es rahmt einige Ausgaben der famosen Filmzeitschrift „Revolver“, deren Mitgründer er ist. Auf der anderen Hälfte, von einem Wanddurchbruch getrennt, laufen Bewegtbilder: ausführliche Zwiegespräche, die Hochhäusler mit Petzold über drei Kriminalfilme geführt hat, Hitchcocks „The Wrong Man“, „Thief“ (Der Einzelgänger) von Michael Mann sowie die von Graf inszenierte „Polizeiruf 110“-Folge „Er sollte tot.“

Es braucht Muße, diese drei Kurzfilme (recht eigentlich sind es cinéphile Home Movies) in der Gänze anzuschauen, was sich unbedingt lohnt. Hier diskutieren zwei Liebhaber des Genres und zwei Kenner der Materie aus eigener Praxis, anhand von Fotos, die von den Einstellungen der jeweiligen Szenen angefertigt wurden. Bei Graf und Hitchcock geht es darum, wie sich Schuld in den Blicken der Zeugen und Ermittlungsbeamten konstituiert, und stets um die Frage nach dem Erzähler: Wo steht er, welche/wessen Perspektive nimmt die Kamera ein? Könnte es noch eine andere Geschichte geben? Einen schönen Satz habe ich mir hierzu notiert: „Es gibt keine einsame Wahrheit.“ Aus „Thief“ haben sie kein Verhör, sondern die ungeheuerliche Szene im Diner ausgewählt, in der James Caan erstaunlich aggressiv vor Tuesday Weld seine Pläne für ein gemeinsames Leben ausbreitet.

In den zwei Vitrinen schaut man gleichsam in den Koffer, den der Filmemacher vor den Dreharbeiten packt. Der Prozess wird anschaulich in Kostümentwürfen für „Bis ans Ende der Nacht“, in Arbeitsfotos etc. Hochhäusler hat kleine, handgeschrieben Notizbücher (beinahe im „Revolver“-Format) aufbewahrt. Auch als Filmpublizist tritt er kurz in Erscheinung: auf einem Foto, das sein Mitstreiter Benjamin Heisenberg 1999 (oder 1998?) auf der Zugfahrt zu Lars van Trier gemacht hat, den sie interviewen wollen. In den ausgelegten Drehbuchseiten werden die Szenen nicht einfach detailliert vorausgeahnt, sondern werden stets Optionen mitgedacht. Wie weit geht die Kamerafahrt durchs Brüsseler Museum in „Der Tod wird kommen“- reicht sie bis zum gestohlenen Bild oder hält sie davor an? Auch auf den Storyboards sind mitunter Fragezeichen zu entdecken. Das Davor ist ein vibrierender Grundriss, die endgültige Gestaltung entscheidet sich erst, wenn die Kamera läuft. „Permanent Experimentation“ lautet die Überschrift eines Artikels, den Hochhäusler 2011 in den „Cahiers du cinéma“ veröffentlicht hat. In gewisser Weise ist dieser Regisseur ja eine französische Entdeckung, wie die ausführliche Kritik zu „Milchwald“ in „Le Monde“ beglaubigt. Zwei gefälschte Requisiten sind verschmitzt drapiert: eine Zigarettenschachtel der fiktiven Marke „Bob Melville“ sowie die Titelseite einer imaginären Boulevardzeitung, die den „Falschen Bekenner“ schuldig spricht. Hochhäusler muss beim Drehen einen Heidenspaß am Spiel mit der Fiktion haben.

Sie wird in „Das Paradies vertreibt uns“ thematisiert. Die Schauspielerin Henriette Confurius und ihr Kollege Jakob Diehl treffen sich zu einer Arbeitssitzung, für die sie eine Vielzahl von vermeintlich arglosen Urlaubsfotos aus den 1950er Jahren vor sich ausgebreitet haben. Sie verfahren mit ihnen wie zuvor das Gespann Hochhäusler/Petzold: Sie interpretieren das Sichtbare, um darin verborgene Botschaften zu ergründen. Jedoch verschieben sich plötzlich die Ebenen, die Imagination bricht in ihr Zwiegespräch ein, sie übernehmen die Rollen der abgebildeten Reisenden, die sich womöglich getarnt haben. Zitieren sie Dialogpassagen aus dem Drehbuch eines Spionagefilms, den Hochhäusler plant oder geplant hat? Wenn ja, sollte er unbedingt realisiert werden, die Ausgangssituation – Wissenschaftler, die für die Nazis gearbeitet haben, stellen sich nun in den Dienst von Nassers Ägypten – verspricht viel.

Abwechselnd mit dem zwölfminütigen,neuen Film läuft im Vorführraum „Séance“, Hoichhäuslers Episode für den Kompilationsfilm „Deutschland 09“. Beide korrespondieren, finden zusammen im Geist von Chris.Markers Fotofilm „La Jetée“/ „Am Rande des Rollfelds“ (siehe „Das Spiel von Familie und Zufall“ vom 2. 4. 2025). Er wird in „Séance“ explizit zitiert und hat mit ihm das Genre (Science Fiction) gemeinsam. Kurator Babias kennt das Koordinatensystem Hochhäusler genau. Dank seiner Arbeit kenne ich es nun etwas besser.

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