Rücklauf
Es war keineswegs auszuschließen, dass es in der Passage Victor Segalen ein Kino namens „Channel“ gibt. Mit den Multiplexen in den DocksVaubain liegt die Autorin schließlich richtig. Überhaupt wirkt Maylis de Kerangals Roman höchst ortskundig. Der Angabe von Adressen, Film- sowie Serientiteln ist meist zu trauen.
Aber in Le Havre existiert kein Kino dieses Namens (wohl aber das Kulturzentrum „Le Channel“), nicht einmal die genannte Passage findet sich auf dem Stadtplan. Das verblüfft zunächst, denn bei „Brandung“ handelt es sich um einen hervorragend dokumentierten Roman. Recherchieren musste de Kerangal nicht, denn sie ist in der Hafenstadt am Ärmelkanal aufgewachsen. Mithin haben wir es mit einer erzählerischen Entscheidung zu tun: Der Ort, an dem die Fiktionen zu sehen sind, soll selbst fiktiv sein. Unwahrscheinlich wäre seine Existenz übrigens nicht. Tatsächlich gibt es ein Art-et-essai-Kino in Le Havre, das „Sirius“ heißt, und ein kleines Quartierkino namens „Studio“, wo vorzugsweise Reprisen alter Filme laufen. Diese Erzählerin lehnt sich nahe an die Wirklichkeit an. Man könnte sich also ausmalen, dass dort im November 2022 wirklich eine Reihe mit dem Titel „Das Kino liebt Spione“ gezeigt wurde. Das Programm ist im Roman glaubhaft cinéphil, der sublime „Fall Cicero“ mit James Mason und Danielle Darrieux gehört ebenso dazu wie „Der zerrissene Vorhang“ und „Burn after Reading“ von den Coen-Brüdern, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Einen Tag vor Beginn der Handlung wird an der Hafenmole die Leiche eines Mannes gefunden, in dessen Hosentasche sich eine Karte für die Vorführung im „Channel“ befand, Auf deren Rückseite ist eine Telefonnummer notiert, die der ermittelnde Polizeibeamte nun anruft. Sie ist die einzige Spur, um die Identität des Ermordeten zu ermitteln. Sie gehört der Heldin des Romans, die er jetzt auffordert, nach Le Havre zu kommen, um ihn zu identifizieren.
Es handle sich um eine Angelegenheit, die sie betrifft, hatte er ihr am Telefon gesagt. Der Satz sucht fortan den Roman und seine namenlose Protagonistin heim. Sie lebt schon seit Jahrzehnten in Paris, wo sie eine Familie gegründet hat und als Synchronsprecherin arbeitet. Ihre Stimme muss sehr wandlungsfähig sein, denn sie leiht sie sowohl Susan Sarandon wie Liv Lisa Fries. Am Tag des Mordes war sie in London zum Stimmencasting der Serie „Lady Forger“ mit Carey Mulligan, die in deren Filmographie zwar nicht auftaucht, die es aber unbedingt geben sollte. Den Beruf ist überlegt gewählt, in ihm klingt ein Motiv der Dopplung bzw. Spaltung an. Die KI wirft bereits im Herbst 2022 bedrohliche Schatten über dieses Metier. Bang reist die Heldin frühmorgens in ihre Geburtsstadt, von der sie sich eigentlich losgesagt hatte. Der rätselhafte Fund der Telefonnummer wäre gewiss ein intrigierender Aufhänger für einen Thriller.
Zwei Romane von Maylis de Kerangal wurden bereits verfilmt. „Die Lebenden reparieren“ kam auch in unsere Kinos (https://www.epd-film.de/filmkritiken/die-lebenden-reparieren); „Corniche Kennedy“ hingegen nicht, was umso bedauerlicher ist, weil die fabelhafte Dominique Cabrera Regie führte. Die beiden Stoffe sind sensibel handlungsgetrieben (der erste ein Organspende-Drama, der zweite handelt von Jugendlichen in den Fängen der Kriminalität). Obwohl „Brandung“ in Frankreich ein Bestseller war, ist eine Kinoadaption schon schwerer vorstellbar. Es geschieht wenig, die polizeiliche Ermittlung kommt nicht voran; recht eigentlich folgt der Roman nur den Gedankenströmen der Ich-Erzählerin, deren Leben jäh aus den Angeln gehoben wird. Das tut er indes mit einer eigentümlichen Energie, einem akribischen Schilderungsdrang. Man erfährt viel über die Aufgabe von Lotsenbooten oder das Zeremoniell von Schiffstaufen (da ist viel Aberglaube im Spiel). Vor allem jedoch beschwört die Erzählerin die Geister, die in ihrer Heimatstadt wesen. Maylis de Kerangal setzt in „Jour de ressac“ (also „Tag der Brandung“, wobei eigentlich der Rücklauf der Wellen gemeint ist) emphatisch ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte und Physiognomie von Le Havre fort. (Dazu gibt es einen schönen Beitrag der Reihe „Stadt Land Kunst“ , wiederum gesprochen vom trefflichen Gerrit Hamann, der jedoch vor dem aktuellen Roman entstand: https://www.arte.tv/de/videos/125020-000-A/le-havre-die-pulsierenden-worte-von-maylis-de-kerangal/). Es ist eine traumatisierte, infernalisch gezeichnete Stadt, die als Bastion der deutschen Besatzer im Zuge der alliierten Invasion 1944 dem Erdboden gleich gemacht wurde.
Ich habe sie einmal in den frühen 1990ern besucht, ein Abstecher vom Festival in Deauville, und kehrte ziemlich ernüchtert wieder zurück. Schade, dass de Kerangal damals noch nicht mit dem Schreiben begonnen hatte, denn sie entdeckt große Poesie in der rasterförmigen Anordnung der nach dem Krieg errichteten Betonbauten. Die Schriftstellerin liebt die Stadt mit Haut und Haaren, nicht nur als Metapher für Zerstörung und Wiedergeburt, sondern auch in ihrer graphischen Konkretion. Ihre Heldin hält Zwiesprache mit ihr, im Wechsel zwischen Erinnerung und aktueller Anschauung. Sie rekonstruiert ihre jugendlichen Wege (am „Channel“ kam sie täglich fasziniert vorbei) und Gefühlsregungen. Die Stadt antwortet ihr. Die zweite Kellnerin erkennt sie sofort wieder, und im Kino begegnet sie ihrem alten Englischlehrer, der sich „Gorky Park“ anschauen will. An der Hafenmole trifft sie den Baggerfahrer, der die Leiche fand. Während sie das Rätsel ergründen will, legt sie sich zugleich Rechenschaft ab über ihre Herkunft.
„Brandung“ ist ein exquisites Gegenmittel zur Sommerhitze: ein Novemberbuch, das atmosphärisch in den Bann schlägt. Dem Roman genügt die Chronik dieses einzigen Tages, um mannigfache erzählerische Wellenbewegungen zu vollziehen. Die ausgreifenden Erinnerungen verdichten sich, der Unbekannte könnte der junge Seefahrtschüler sein, mit dem sie die erste Sommerliebe erlebte, bevor er brüsk verschwand. Wer sonst würde hier nach all den Jahren wieder den Wunsch haben, mit ihr in Kontakt zu treten? Aber die „ganz alte Traurigkeit“, die sie jetzt überwältigt, ist nicht so eindeutig zu bestimmen. Vielleicht war es ja die Stadt selbst, die sie rief. Sie forscht nach Anzeichen, einer Folgerichtigkeit, die sie hierher führte. Maylis de Kerangals Prosa ist lebhaft, sie changiert zwischen salopper Umgangssprache und einer Gelehrsamkeit, die den Dingen mit wissenschaftlicher Diktion auf den Grund gehen will. Andrea Spinglers Übersetzung trifft dieses verwegene Nebeneinander ganz ausgezeichnet.
Womöglich steckt in diesem Buch ja doch ein Film. Die Autorin spricht Le Havre jedenfalls eine „außerordentliche filmische Potenz“ zu. Letzthin wurde diese vergleichsweise selten ausgeschöpft, einmal abgesehen von Aki Kaurismäkis gleichnamigem Film und „38 Temoins“ von Lucas Belvaux. Die romantische, glamouröse Historie als Hafen, wo die großen Ozeandampfer in See stachen oder anlandeten, liegt dem Roman fern. Er ist ganz auf die Nachkriegsmoderne fixiert, wo die Stadt aus den Trümmern auferstand, gleichsam als urbaner Palimpsest. Nun ist sie der bedeutendste Containerhafen Frankreichs, womit der Umschlag von Drogen einhergeht (ein mögliches Mordmotiv, das der Roman weder ausschließt noch energisch weiter verfolgt). Für zwei Geflüchtete aus der Ukraine wird Le Havre zur entscheidenden Etappe. Ein Gestade der Phantasie, der Träume vom Anderswo: der Name des fiktiven Kinos kommt nicht von ungefähr.






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